Hausmittelchen sind was feines. Etwas Meersalz zum Beispiel, in kochendem Wasser aufgelöst: Fertig ist die Selfmade-Nasenspray-Lösung. Super.
Man kann natürlich genausogut bereits bestehende Arzneien dem ursprünglich gedachten Zweck entreißen, wenn’s hilft und billiger ist. Gestern vernahm ich, wie jemandem, der - auf seine äußere Erscheinung bedacht - unter frühmorgendlichen Augenringen litt und befürchtete, seine Mitmenschen könnten auf den Gedanken gelangen, dies sei nicht nur auf bloße Müdigkeit zurückzuführen. Was wurde ihm von einer Kollegin geraten? Tja, mit der Antwort möchte ich in hitchcockartiger Suspense-Manier noch ein wenig hinter den Berg halten und eine rein erdachte Situation bemühen, der plastischeren Vorstellung zuliebe:
Da ist also dieser plastische Chirurg, der (noch ist des Morgens Sonne fern) sich aus dem Bette quält. Um keinem abgegriffenen Klischee vom süchtelnden Arzt Öl in’s Feuer gießen zu wollen, hat er, statt zu schlafen, stundenlang wach gelegen und nachgedacht. Man sieht es auf seinem Schopfe, als hätten ihm die Gedanken beim Heraustreten sein Haar zerwühlt. Ihm ist schlecht, der ganze Medicus ist voller Fanta, mit der er sich in der Nacht die Gedanken klar zu halten suchte. Und beim Blick in den Badezimmerspiegel, zu dem zu schleppen es ihn enorme Kräfte bedurfte, muss er feststellen, dass der Sichelmond seltsamerweise in den letzten Stunden einen doppelten Schatten geworfen haben muss.
Wie steht er nun da? Kann er so hinausgehen? Glücklicherweise zittern seine Hände nicht, hat er doch den ganzen Vormittag über Termine: Sein Wartezimmer ist voll in diesen Tagen mit selbstbewussten, iranischen Frauennasen, und so wird es auch heute sein. Die Frisur ist schnell mit ein wenig Brisk geglättet und seine Fähigkeiten erlauben es ihm und seinen Fingern durchaus, der orientalischen Natur den abendländischen Schliff zu geben. Sein Ghoul-Gesicht aber, das wird auch zentralasiatische Kundinnen nicht kalt lassen.
Doch er weiß ein Mittelchen dagegen. Er versteckt es gut, eingewickelt in einer Plastiktüte im Klospülkasten, nur für den Fall, dass Besucher oder gar seine ghanaische Geliebte Gunda das Bad benutzen und es dort unter den anderen Hygieneartikeln entdecken. Wie peinlich das wäre?
Oh, da wir gerade von ihr sprechen. Da dreht sich doch ein Schlüssel im Schloss um, das kann nur sie sein. Unser Arzt reagiert gottseisgepriesen blitzschnell und wirft das Zeug einfach so, ungeschützt, in das Wasser des Spülkastens. Kann ja hoffentlich nichts passieren, es handelt sich schließlich nicht um lösliche Tabletten oder so etwas ähnliches. Nur noch den Deckel drauf, fertig. Alles ist wieder gut versteckt und der Otto-Normal-Chirurgs-Haushalt ist perfekt.
“Hallo Schatz,” sagt Gunda, “Ich hatte meine Unterlagen für dieses European Business Law-Seminar irgendwo hier bei dir vergessen. Ah, da liegen sie ja,” ruft sie vom Esszimmer- Flur aus in Richtung Bad. Der Arzt wundert sich über die Studentin nicht, er kennt sie bereits lange genug, um sich im Klaren darüber zu sein, dass derlei alle paar Tage geschieht. Und er ist froh über sein Versteck und seine Reaktionszeit, denn er weiß, dass wie gehabt das folgende Begehren der Gunda folgt:
“Aber wo ich schon einmal da bin, kann ich ja schnell noch einmal in’s Bad huschen, nicht wahr? Ich muss mal den Lipliner nachziehen,” spricht sie, küsst ihn im Vorübergehen und drängt ihn so aus seinem eigenen Bad. “Frauen,” so denkt sich unser Held, “können so unsensibel sein, wenn sie irgendetwas wollen.” Aber dieser Umstand, diese selbstbezogene Ignoranz, rettet sein kleines Geheimnis.
Schnell ist Gunda wieder aus der Wohnung. “Tschüß, Schatz,” ruft sie noch von der Tür aus, ihm entgegen, und lässt unseren Arzt zurück mit seiner Erinnerung an den Tag, an dem er erstmals von diesem Mittelchen hörte und es sich gleich bei der Apotheke seines Vertrauens im Karstadt-Haus besorgte. Die nette, blonde Verkäuferin stand dort und verteilte jedem Gequälten sein Gegengift, gleich einem Linderungsengel in Weiß, und ging ihrer Erfüllung nach, freute sich bereits auf den jungen, erfolgreichen Arzt, den sie schon von Weitem in der Schlange stehend erblickt hatte. Oft gibt er hier Bestellungen auf, und jedes Mal erhoffte sie sich eines würdigeren Blickes seinerseits. Sie sind im gleichen Fach tätig, beiden ist gemein, des Menschen Leid zu lindern, und sie gehen in ihrer Tätigkeit auf, jeder für sich. Hach, wie gut sie doch zusammen passen würden?
Doch der erfolgreiche Chirurg war dieses Mal in eigener Sache unterwegs. Er kam “an die Reihe” und als er seinem Verlangen Ausdruck gab, da war es fortan vorbei mit der Apothekerinnenanhimmelung.
Nun steht er hier, bei sich im Bad, begutachtet seine Sichelmonde. Er nimmt die Tube, quetscht etwas heraus, verteilt es sorgfältig auf der problematischen Zone.
“Hämorrhoidensalbe,” spricht er abschätzig und laut, wundert sich darüber, dass etwas kosmetische Wirkung besitzt, was ihm ansonsten den Arsch zusammenhält. Auch der gut betuchte Chirurg soll sparen, wenn er dies kann.
Und man könnte das mal weitererzählen.
Was muss ich da in einem Dokument entdecken? Eine 41-jährige Frau schreibt handschriftlich einwandfrei und den Rechtschreibregeln entsprechend, in komplizierten, aber korrekten Sätzen. Sie macht nur eine orthographische Ausnahme, nämlich beim “ß”.
Quer über das gesamte Schriftstück notiert sie zwei Grapheme statt des einen, das “ß” wird dort, wo es auch hingehört, ausgespart, und an seiner statt das “s”, daneben gleich das “z” gesetzt. Das nenne ich mal individuell. So etwas kann man doch nicht einfach vor zirka dreiszig Jahren, in einer schrulligen Schule erlernt und bis heute durchgehalten haben. Das zeugt von Stil, Erhabenheit und Grösze.
Und wie ich das so vor mich hinschreibe, gefällt es mir immer mehr:
Grösze, Grösze, Grösze…
Ziemlich harte Tage sind das momentan, muss ich ja mal kurz in die Öffentlichkeit nölen.
Kaum knallt die Sengesau vom Himmel, wird der Schreiber entweder heuschnupfgebeutelt oder kommt - wie man’s auch wendet - nicht an’s Sonnenlicht. Nicht nur die Sonne knallt gar fürchterlich, beinahe befürchte ich nach den letzten paar Tagen den großen, persönlichen BigBang. Kurz gesprochen: Die Zeit gerät aus den Fugen.
Exempel? Bitteschön.
Mittwoch, 25.04.
Morgens aufstehen, das übliche tun, und schnell einen Beitrag für’s Sparrenblog schreiben (Erscheinungszeitpunkt auf irgendwann am Nachmittag einstellen, damit sich nix in die Quere kommt). Sodann zu Arbeitsstelle A (9-13 Uhr), um sich zu verabschieden, etwas zu Essen zu kaufen und ab zu Arbeitsstelle B zu zwitschern (14-19 Uhr). Im Anschluss Pressetermin mit dem Westfalenblatt auf der Burg von 19:30 Uhr bis ca. 21:30 Uhr, ab zur Freundin, müde die einzig entspannenden Stunden genießen.
Donnerstag, 26.04.
Morgens aufstehen, ab zur Uni, ab 10 Uhr Seminar über “Vampirismus” anhören (Wann soll ich das alles gelesen haben?). Aber hochinteressant. Darauf schnell nachhause, duschen, im Schnelldurchlauf etwas zu Essen machen. Einen weiteren Sparrenblog-Beitrag schreiben. Arbeitsstelle B ruft wieder, dieses Mal von 14:30-20 Uhr. Um 20:12 Uhr den Bus, Linie 25 am Jahnplatz erwischen: heute ist wieder Geheimtreffen bei EndeNeu, das Projekt geht voran. Und wie.
Jetzt bin ich wieder hier. Fix und fertig.
Morgen, 8:00 Uhr ist wieder Seminar, Thema “Ironie”. Ich lache mich nun in den Schlaf.
Heute: “prorogativ”
Brockhaus-Lemma :
pro|ro|ga|tiv [Adj. , o.Steig] aufschiebend, vertagend
Anwendungsbeispiel: “Chef, mein Beitrag hat prorogative Priorität.”
(Klingt gleich viel beeindruckender. Und wenn der Chef dann wieder weggegangen ist, kann man sich wieder hinlegen. Mach ich bei Mischa auch immer. Funktioniert bestens.)
“Diese Gegend hat mich kapputtgemacht und ich bleibe so lange, bis man es ihr anmerkt.”
Herbert Achternbusch in seinem Film “Servus, Bayern“, 1977
Meine Nase bringt mich um. Jedes Mal, wenn ich aus dem Haus gehe, juckt es in meinem Riechkolben, als würden Dutzende von kleinen Tausendfüßlern an den Innenwänden entlangkriechen. Nein, diese frühe Wärme ist keine Wohltat für einen Allergiker, der sich in Jahren in Sicherheit vor diesen Anfällen glaubte, traten sie doch immer seltener auf.
Doch seit dem heutigen Tag nehme ich alles zurück. Gäbe es einen Guinnes-Rekord in der Häufigkeit von kurz aufeinander folgenden Niesern, ich könnte ihn innehaben.
So wund, wie sich morgen alles um meine Nase herum gestalten wird, werde ich wohl eine Rasierpause einlegen müssen. Ansonsten hätte ich meine Oberlippe auf der Klinge.
Wie mächtig muss man sein, wenn man sozusagen mit einem Schnipp jahrhundertealte Vorstellungen beseitigen kann? Sowas kann nur der Papst.
Es ist schon verrückt, das Gedankengebäude der katholischen Kirche: Da wurde einstmals die Vorhölle, der Limbus, integriert, um ungetaufte, verstorbene Kinder nicht direkt in die Hölle schicken zu müssen, nun scheint diese Vorstellung aufgrund zu vieler Abtreibungen nicht mehr länger vertretbar und aus reinem Opportunismus wird dieses merkwürdige Zwischendings vom Gottesvertreter aufgelöst. Als hätte der Limbus jemals existiert. Kleine Massive Attack-Embryos heulen fortan nur noch Freuden-”Teardrops”, denn sie dürfen sofort nach oben.
Ein erstes Anzeichen von Marodierung des kirchlichen Weltbildes? Ist als nächstes das Fegefeuer fällig, dann der ganze Unterbau?
Man darf gespannt sein…
Der eine mag’s so, die andere lieber so. Kleinigkeiten könnten bei griesgrämigen Mitbewohnern schnell für Stress in der Wohngemeinschaft sorgen, aber da sollte man sich nicht so haben. Man gönne sich die Zeit, jedes Mal erneut den jeweils bevorzugten Zustand herbeizuführen, und male sich aus, wie der Gegenpart es genau andersherum tun wird.
Das macht Stimmung, dabei hat man immer etwas zu tun.
(Wobei ich - ehrlich gesagt - überhaupt nicht einsehen kann, welchen Vorteil es bringen soll, wenn das Abreißblättchen zur Wand hin zeigt)

Du heiliger Bimbam, da kommt vielleicht etwas auf uns zu. Das war ergiebig heute. Staunen werden sie alle, staunen…
Und die uns belächelt haben, werden in Ehrfurcht versinken. Bis zum Hals.
Nun haben die beiden netten Kommilitoninnen Carina und Carla uns Studenten-Slammer in das Uni-Magazin H1 gebracht, siehe PDF-Datei hier (S. 32 bzw. 17)
Der grandioseste Satz darin stammt wohl von mir:
“Gedankenspiele - was wäre wenn - können besipielsweise echt inspirierend sein.”
Beispielsweise echt! Aua, Rouven.


