Text, Drugs & Rock’n’Roll

Geschrieben am 10 April 2007

Eine Freundin wollte in meinem Heimatort unbedingt in ein Buch hineinsehen, das sich in meinem Besitz befindet, und so packte ich es über die Ostertage ein, las es sicherheitshalber noch einmal im Zug. Denn - Asche auf mein Haupt - bis dato lag es unbeachtet bei mir herum, doch ich wollte schließlich selbst wissen, was ich denn da verleihen sollte. Letztendlich stellte sich heraus, dass lediglich das Layout bei der Freundin von Interesse war, aber so war ich heilfroh, dass ich es mir immerhin einmal inhaltlich zu Gemüte gefahren hatte.

“Text, Drugs & Rock’n'Roll” ist eine Anthologie, die mir der verehrte und befreundete Verleger Marc Schuster beim letzten Poetry Slam zugesteckt hatte und sie führte in meinem Zimmer bis dato ein eher - wie gesagt - “Mauerblümchendasein”. Wie viele dieser Textsammlungen aus dem Slam-Umkreis hatte ich bisher schon in den Händen gehalten? Viel zu viele. Und wie oft musste ich feststellen, dass der gedruckte Text mit dem meist vorab gehörten Vortrag des Schreibers in punkto Qualität nicht mehr viel gemein hat? Unzählige Male.

Und wenn dann noch der Hauptbestandteil des Buches aus Texten besteht, deren Verfasser (”alle im Alter zwischen 19 und 23 Jahren”) den Studiengang “Kreatives Schreiben” in Hildesheim besuchen, ist die Skepsis erstmal groß. Doch die legt sich bald, sehr bald sogar. Trotz des Titels, der mich zunächst den üblichen Versuch des Angriffs auf die Lachmuskeln befürchten ließ.

Gelacht werden darf hier nämlich nicht, höchstens geschmunzelt. Die vier jungen Künstler (so nenne ich sie nun nach Durchsicht des Buches) schreiben viel zu intelligent, als dass man nicht noch einmal genau hingucken möchte, was man denn dort gerade gelesen hat. Tilman Straßer, Jan Fischer, Marcel Maaß und Lino Wirag heißen sie, die offenbar und zu Recht mittlerweile einige Preise für ihre Preziosen eingeheimst haben. Was sie eventuell (Vorsichtig sein, was man hier behauptet) an Lebenserfahrung noch nicht besitzen, machen sie mit Phantasie und Spielerei wieder um ein Vielfaches wett, und das unter Einsatz von Wörtern, die man lange nicht gelesen zu haben glaubt (so habe ich persönlich vorher nie so oft das Verb “blaken” gelesen, wie Lino Wirag es verwendet).

Man kann den Versuch unternehmen und sich die Textsammlung neben das Bett legen mit dem Vorhaben, jeden Abend vor’m Einschlafen eine Geschichte zu lesen. Das Vorhaben wird scheitern, denn eh man sich’s versieht, bleibt man so lange wach, bis man es durchgelesen hat. Und auf den letzten Seiten das bitterbitterböseste Gedicht über Kinder entdeckt, das die Welt je gesehen hat.

Mehr:

Conradverlag

Lino Wirag

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