Von einer Zweckentfremdung

Geschrieben am 29 April 2007

Hausmittelchen sind was feines. Etwas Meersalz zum Beispiel, in kochendem Wasser aufgelöst: Fertig ist die Selfmade-Nasenspray-Lösung. Super.

Man kann natürlich genausogut bereits bestehende Arzneien dem ursprünglich gedachten Zweck entreißen, wenn’s hilft und billiger ist. Gestern vernahm ich, wie jemandem, der - auf seine äußere Erscheinung bedacht - unter frühmorgendlichen Augenringen litt und befürchtete, seine Mitmenschen könnten auf den Gedanken gelangen, dies sei nicht nur auf bloße Müdigkeit zurückzuführen. Was wurde ihm von einer Kollegin geraten? Tja, mit der Antwort möchte ich in hitchcockartiger Suspense-Manier noch ein wenig hinter den Berg halten und eine rein erdachte Situation bemühen, der plastischeren Vorstellung zuliebe:

Da ist also dieser plastische Chirurg, der (noch ist des Morgens Sonne fern) sich aus dem Bette quält. Um keinem abgegriffenen Klischee vom süchtelnden Arzt Öl in’s Feuer gießen zu wollen, hat er, statt zu schlafen, stundenlang wach gelegen und nachgedacht. Man sieht es auf seinem Schopfe, als hätten ihm die Gedanken beim Heraustreten sein Haar zerwühlt. Ihm ist schlecht, der ganze Medicus ist voller Fanta, mit der er sich in der Nacht die Gedanken klar zu halten suchte. Und beim Blick in den Badezimmerspiegel, zu dem zu schleppen es ihn enorme Kräfte bedurfte, muss er feststellen, dass der Sichelmond seltsamerweise in den letzten Stunden einen doppelten Schatten geworfen haben muss.

Wie steht er nun da? Kann er so hinausgehen? Glücklicherweise zittern seine Hände nicht, hat er doch den ganzen Vormittag über Termine: Sein Wartezimmer ist voll in diesen Tagen mit selbstbewussten, iranischen Frauennasen, und so wird es auch heute sein. Die Frisur ist schnell mit ein wenig Brisk geglättet und seine Fähigkeiten erlauben es ihm und seinen Fingern durchaus, der orientalischen Natur den abendländischen Schliff zu geben. Sein Ghoul-Gesicht aber, das wird auch zentralasiatische Kundinnen nicht kalt lassen.

Doch er weiß ein Mittelchen dagegen. Er versteckt es gut, eingewickelt in einer Plastiktüte im Klospülkasten, nur für den Fall, dass Besucher oder gar seine ghanaische Geliebte Gunda das Bad benutzen und es dort unter den anderen Hygieneartikeln entdecken. Wie peinlich das wäre?

Oh, da wir gerade von ihr sprechen. Da dreht sich doch ein Schlüssel im Schloss um, das kann nur sie sein. Unser Arzt reagiert gottseisgepriesen blitzschnell und wirft das Zeug einfach so, ungeschützt, in das Wasser des Spülkastens. Kann ja hoffentlich nichts passieren, es handelt sich schließlich nicht um lösliche Tabletten oder so etwas ähnliches. Nur noch den Deckel drauf, fertig. Alles ist wieder gut versteckt und der Otto-Normal-Chirurgs-Haushalt ist perfekt.

“Hallo Schatz,” sagt Gunda, “Ich hatte meine Unterlagen für dieses European Business Law-Seminar irgendwo hier bei dir vergessen. Ah, da liegen sie ja,” ruft sie vom Esszimmer- Flur aus in Richtung Bad. Der Arzt wundert sich über die Studentin nicht, er kennt sie bereits lange genug, um sich im Klaren darüber zu sein, dass derlei alle paar Tage geschieht. Und er ist froh über sein Versteck und seine Reaktionszeit, denn er weiß, dass wie gehabt das folgende Begehren der Gunda folgt:

“Aber wo ich schon einmal da bin, kann ich ja schnell noch einmal in’s Bad huschen, nicht wahr? Ich muss mal den Lipliner nachziehen,” spricht sie, küsst ihn im Vorübergehen und drängt ihn so aus seinem eigenen Bad. “Frauen,” so denkt sich unser Held, “können so unsensibel sein, wenn sie irgendetwas wollen.” Aber dieser Umstand, diese selbstbezogene Ignoranz, rettet sein kleines Geheimnis.

Schnell ist Gunda wieder aus der Wohnung. “Tschüß, Schatz,” ruft sie noch von der Tür aus, ihm entgegen, und lässt unseren Arzt zurück mit seiner Erinnerung an den Tag, an dem er erstmals von diesem Mittelchen hörte und es sich gleich bei der Apotheke seines Vertrauens im Karstadt-Haus besorgte. Die nette, blonde Verkäuferin stand dort und verteilte jedem Gequälten sein Gegengift, gleich einem Linderungsengel in Weiß, und ging ihrer Erfüllung nach, freute sich bereits auf den jungen, erfolgreichen Arzt, den sie schon von Weitem in der Schlange stehend erblickt hatte. Oft gibt er hier Bestellungen auf, und jedes Mal erhoffte sie sich eines würdigeren Blickes seinerseits. Sie sind im gleichen Fach tätig, beiden ist gemein, des Menschen Leid zu lindern, und sie gehen in ihrer Tätigkeit auf, jeder für sich. Hach, wie gut sie doch zusammen passen würden?

Doch der erfolgreiche Chirurg war dieses Mal in eigener Sache unterwegs. Er kam “an die Reihe” und als er seinem Verlangen Ausdruck gab, da war es fortan vorbei mit der Apothekerinnenanhimmelung.

Nun steht er hier, bei sich im Bad, begutachtet seine Sichelmonde. Er nimmt die Tube, quetscht etwas heraus, verteilt es sorgfältig auf der problematischen Zone.

Hämorrhoidensalbe,” spricht er abschätzig und laut, wundert sich darüber, dass etwas kosmetische Wirkung besitzt, was ihm ansonsten den Arsch zusammenhält. Auch der gut betuchte Chirurg soll sparen, wenn er dies kann.

Und man könnte das mal weitererzählen.

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