Inland Empire

Geschrieben am 6 Mai 2007

In den vielen Interviews zu seinen Filmen betont David Lynch immer wieder, man solle sich seine eigene individuelle Deutung daraus zurechtlegen oder so ähnlich, und viele Betrachter meinten nach dem Sehen seines neuen Films “Inland Empire”, dass ungefähr die erste Stunde einen noch halbwegs nachvollziehbaren, roten Faden aufweise, danach aber alles in’s Assoziative herumschlägt. Nur noch unzusammenhängende Sequenzen würden einem dort geliefert. Und anstrengend soll es natürlich sein (doch das ist man ja gewohnt von Lynch), weil der Film darüber hinaus drei Stunden dauern würde.

*****Vorsicht, Spoiler*****
 
Jedoch, nach der gestrigen Sichtung muss ich sagen: So schlimm ist’s nun auch wieder nicht! Nach einigen verstörenden Eingangsszenen hofft und bekommt eine Schauspielerin Nikki Grace (Laura Dern) Rolle für einen Film angeboten, ihre Chance auf eine - offenbar - ersehntes Comeback. Sie soll in einem Liebesdrama an der Seite eines in Hollywood berüchtigten Gigolos Devon Berk (Justin Theroux) spielen, und ihr Ehemann warnt sie und ihren Nebenpart deutlichst vor einer Affäre.
Der zu drehende Film „On High in Blue Tomorrows“ ist - wie ihnen vom Regisseur Kingsley (Jeremy Irons) vermittelt wird - bereits ein Remake. Das vor langer Zeit gescheiterte Filmvorhaben wurde nicht beendet, da die beiden Hauptdarsteller auf mysteriöse Art und Weise ermordet wurden.Spätestens ab diesem Zeitpunkt nimmt der Film bevorzugt die Position von Nikki ein, es kommt zu ihrerseits subjektiven Einbrüchen, die mit dem bisherigen Geschehen nicht viel gemein zu haben scheinen. Noch scheint es zu einem tatsächlichen Tête-à-tête zwischen ihr und Devon zu kommen, doch es wird bereits unklar, ob die zunehmenden Ängste Nikkis die Realität auch so darstellen, wie sie ist. An der Beobachtung ihres Stelldicheins durch den Ehemann bleiben Zweifel übrig, ebenso wie an der Morddrohung von Devons Ehefrau.

Gleich zu Beginn wird der Zuschauer verunsichert, da die merkwürdige Nachbarin Nikki in einem unnatürlich langsam wirkenden Dialog vor dieser Rolle warnt und scheinbar in die Zukunft blicken kann. Der Regisseur Kingsley verleiht dem Geschehen ebenfalls eine unheimliche Komponente, als er von dem Gerücht erzählt, auf dem ursprünglichen Film hätte ein “Zigeuner”-Fluch gelegen. Diese Informationen bleiben beim weiteren Betrachten ständig präsent, obwohl sie vielleicht nur redundant sind.

Nikki erhält bald Eindrücke von einem eventuellen früheren Leben in Osteuropa, als Prostituierte inmitten von anderen. Dort gäbe es einen Mann, “den sie früher einmal gekannt hat”. Daneben hat sie Visionen von ihrem Ehemann, wie er ihr eröffnet, mit Schaustellern eines Zirkusses nach Polen zu gehen. Der Kreis schließt sich dort wieder, als sie in Erfahrung bringt, dass der Zirkus mit den Mädchen in Verbindung steht.

In einer weiteren Episode bewegt sie sich inmitten der Prostituierten in Los Angeles. Devons Ehefrau taucht auf und rammt ihr einen Schraubendreher in den Unterleib. Nikki läuft schmerzverzerrt durch die Straßen, auf den “Walk of fame”, erbricht Blut auf einen der Sterne [großartiges Statement, ich konnte leider nicht lesen, auf wessen Namen!] und stirbt. Hier gerät wieder die Kamera ins Bild und es wird deutlich, dass dieses am Filmset geschah, mit zur Geschichte gehört.

Es handelt sich hier nicht nur um einen “Film im Film”, sondern um einen “Film im Film im Film”: Der ursprüngliche Film, das Remake und der jetzt gesehene von David Lynch. Alle diese Ebenen können sich durchbrechen. Letztendlich scheint sich der Betrachter hier entscheiden zu können, für welche dieser Ebenen er sich bei seiner Deutung entscheidet.

Allen Ebenen ist gemein, dass Lynch wieder gekonnt mit Mitteln wie Verzerrungen, Zeitsprüngen und - nicht zu vergessen - der düster-atmophärischen Musik Angstzustände auszulösen weiß. Und darum scheint sich alles durchgängig zu drehen: Was ist imstande auf welche Weise Furcht auszulösen und weshalb? Welche Zeichen können in der Psyche für Unruhe sorgen, im “Inland Empire”, über dass das Ich doch herrschen, der Imperator sein sollte?

Lynch als Imperator seines Films findet als Regisseur stets neue Motive, um diese Unsicherheiten, gelegentlich sogar Schreckensmomente zu erzeugen: Die Nikki, die aus der Ferne heraus auf einem Pfad in Richtung Objektiv - nur in einem Lichtkegel - läuft, bis ihr - jetzt erst erkennbar - angstverzerrtes Gesicht die gesamte Leinwand einnimmt: Extrem gruselig!

Das erstmalige Drehen mit DV-Kameras bei einem Lynch-Film fällt schnell nicht mehr auf durch diese Momente und fesseln selbst drei Stunden. Durchaus sehenswert. Und nach dem Verlassen des Kinosaals wird klar, das man hier sogar von “kathartisch” sprechen kann.

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1 Kommentar bis jetzt
  1. nico Mai 14, 2007 22:26

    gut geschrieben und ziemlich treffend!


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