Runde 1 ist eröffnet

Geschrieben am 19 Juli 2007

„Meine Damen und Herren, ich darf sie willkommen heißen beim Kampf der Giganten unserer Sandkasten-Hemisphäre. Es geht heute um alles: Der Titel „Master of the Blockspielplatz“ sucht einen neuen Inhaber auf unbestimmte Zeit. Und hier haben wir ihn, den Herausforderer, in der rechten Ecke des Sandkastens: Der zweijährige, von seinem Vater durch- und durchtrainierte Kevin, bereit, die Krone der Gewichtsklasse „Nochnichtnennenswert“ zu übernehmen.Ihm gegenüber, in der anderen Ecke, die anderthalbjährige, von ihrer Mutter in letzter Zeit völlig vernachlässigte Lisa. Phlegmatisch sitzt sie in ihrer Ecke und es sieht so aus, als wird Kevin heute leichtes Spiel haben. Ohne zu erahnen, was sie in Händen hält, kaut sie auf der Trophäe herum, dem begehrten roten Feuerwehrauto.“

— Schnitt —

Die sich unseren Augen offenbarende Situation lieferte Aussicht auf einen richtig schönen, unfairen Wettkampf. Wir konnten uns auf ein blutiges Spektakel gefasst machen und Rolf, der neben mir auf der Spielplatzbank saß, kommentierte das Geschehen voller Enthusiasmus in seine offene Beck’s-Flasche hinein.

„Runde 1 ist eröffnet. Kevin schwankt zielstrebig aus seiner Ecke heraus. Er scheint ziemlich unsicher auf den Beinen zu sein. Mensch, Kevin: Reiß dich zusammen, das hier ist keine Wanderdüne, sondern der Ring! Hier geht es um alles.Ihm gegenüber harrt immer noch bewegungslos die kleine Lisa und wirkt völlig abwesend. Kevin kommt auf sie zu, täuscht einen linken Haken vor. Warum täuschst du nur, Kevin? Die blickt doch sowieso nix. Der weise Mann des Kampfquadrats, der dreijährige Ringrichter Marius, ist im Moment abgelenkt und damit beschäftigt, händeweise Sand zu essen.DAA! Der Haken gelingt, Kevin mopst Lisa brutal und überraschend das rote Ding vor den Augen weg. Triumph, Triumph!Tja, da guckt die kleine Lisa aber blöd und verdutzt an ihrem Widersacher herauf. Heul doch! Heul doch! Na? Wo ist jetzt deine Mama? Na? Eeeeeben: Nicht da isse.Der Ringrichter erklärt den Kampf…ach nee, der erklärt gar nix, der ist mit dem Sand beschäftigt.“

Rolf setzte die Beck’s-Flasche ab, sprang auf die Bank und versuchte sich ganz alleine an einer Welle für seinen siegreichen Sohn. Die anderen anwesenden Väter schüttelten mit den Köpfen.Ausnahmsweise, weil die Mütter und unsere Lebensgefährtinnen heute den seit Monaten geplanten Bahnausflug in die Tat umsetzten, wurden wir mit der Aufsicht der Kinder betraut bzw. gezwungen. Die anderen Männer wirkten zeitweise missvergnügt und auch Rolf hatte gesagt, er würde lieber seinem Sohn bei der heutigen Bundesligaübertragung die Abseitsregel beibringen, damit er der jüngste Mann (so drückte er sich aus) sei, der sie beherrschte.

„Wenn ich sehe, wie meine Liebste unseren Sohn jedes Mal mit diesem Gutschigu und Haitaitai verhätschelt, wird mir regelmäßig schlecht. ENT-WÜR-DI-GEND!!! Immer dieses „Kinder sind ja so süß und unschuldig“ und so weiter. Guck mal genauer hin: Da vorne herrscht Krieg zwischen diesen kleinen Killer-Bestien. Das merken unsere Frauen natürlich in der Regel nicht, die sitzen hier ja nur dauernd rum und rauchen Zigaretten.Aber die Evolution macht auch nicht vor dem Schnuller halt, das hier ist ein „Survival of the fittest Förmchen“!!!“

Ich wies Rolf darauf hin, dass Kevins Evolution gerade einen entscheidenden Sprung getan zu haben schien, denn der Kleine hatte sich vor der staunenden Lisa die Hose heruntergezogen und pullerte vor ihren Augen in den Sand.

„Phantastisch, nicht wahr? Ich hab ihm neulich beigebracht, im Stehen zu pinkeln,“ meinte Rolf voller Stolz. „Weißt du, das erleichtert einem schon ganz ungemein den Tag, wenn man nicht ständig irgendwo einen abhalten muss.“

Rolf sprang wieder vor Freude über seinen Sohn auf und stakste zum Sandkasten vor, stolperte dabei beinahe über die Begrenzung und schlingerte auf den Sandkuchen essenden Marius zu. Er konnte sich aber noch rechtzeitig fangen und ergriff seinen Sohn, der – freudestrahlend – nicht wusste, wie ihm geschah.Plötzlich befand sich Kevin mit seinem blanken Gesäß in luftiger Höhe, denn sein Vater warf ihn in seinem Überschwang mehrfach empor. Kevin legte in der Höhe sein Gesicht in angstzerknitterte Furchen, doch er schien bereits zu erahnen, dass seinen Vater ein Aufschrei seinerseits kränken könnte und blieb lieber still.

Stattdessen knackte es – für alle auf dem Platz Anwesenden gut hörbar – und Rolf sackte in sich zusammen, landete mit seinem Gesicht im durchnässten Sand. Kevin fiel auf den Rücken seines Vaters, genau auf die Stelle, von wo das knackende Geräusch zu vernehmen gewesen war, schien aber sofort wieder wohl auf und bohrte die Feuerwehr in den Rücken seines Vaters. Dorthin, wo es brannte. Rolf gab schmerzverzerrte Laute von sich, die der kleine Ringrichter Marius fälschlicherweise als Hunger interpretierte, und der schaufelte ihm salzig-sauren Sand in den Mund.

Kevin, erstaunt darüber, dass sein Vater so früh am Tag Lust verspürte, sich hinzulegen – noch dazu im Sandkasten - , rang nach Worten, Tönen, Ausdrucksmitteln. Bald entglitt ihm die Frage: „Papa K.O.?“

Später, auf dem Weg in die Notaufnahme, tat ich mich schwer damit, Rolf quer über zwei MaxyCosy-Kinderwagen zu balancieren. Bei jedem frechen Pflasterstein stöhnte er erneut gequält auf. Die Kinder hatten wir bei den anderen zurückgelassen, wo man inzwischen über die Einrichtung eines Wettbüros nachdachte.

„Weißt du was, Rolf?“ fragte ich. „Ich glaube, dein Sohn ist schon ziemlich fit und wird dich mit Sicherheit überleben. Bald schon. Übrigens, du hattest doch gerade etwas über Würde erzählt. Ich meine, wo ich dich hier gerade so liegen sehe, das musste mir noch mal erklären…“

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  1. Day after | killefit.net August 5, 2008 22:27

    […] veröffentliche ich jetzt auf Nachfrage einmal hier den Text vom letzten Monat (meiner Meinung nach mit eigenen Augen unlesbar), obendrein noch den, den ich gestern […]


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