Waschtrommel-Trauma
Geschrieben am 19 Juli 2007
Draußen ist’s heiß und ich wage mich nicht an die Sonne. Alle Freunde drängen in’s überfüllte Freibad, lassen sich von herumplanschenden Teenies nerven, ich hingegen sitze im abgedunkelten Waschkeller. Hier ist es auch schön kühl.
Buntwäsche, 60°, wenn’s nicht mehr passt, noch’n Meter, die kleine Kugel mit dem Waschmittel in’s „Herz der Wäsche“. Und kurzes Staunen darüber, dass Wäsche ein Herz besitzt. Mein Wäscheherz.
Ich setze mich in die Ecke, habe ein Buch mitgenommen, und versuche, darin zu lesen. Die Zeilen verwischen aber mit dem stoßhaften, ersten Schwingungen der Trommel. Ich sehe, wie das bunte Gewusel der Stoffe das Nass schnell hineingluckernd aufsaugt wie beinahe verdurstende Kamele in der Oase, und ich meine, meine Wäsche zuweilen sogar dabei beobachtet zu haben, wie sie sich auch langsam auf’s Wasser zu bewegt. Kein Buch könnte mich so fesseln wie das Durchschleudern meiner Sachen, das Umkrempeln eines Teils meiner Biographie, dessen Befreiung von Bakterien: Mein ganz persönlicher Kampf der Kulturen,…der Kulturen,…der Kulturen.
Spannender als ein Krimi ist das Spiel hinter dem Glas. Mein Lieblings-T-Shirt huscht an der Glasscheibe vorbei und kämpft mit der Sauberkeit, als würde der Schriftzug auf ihm und die Eindrücke, die es mit mir im Laufe der letzten Zeit gesammelt hat, plötzlich völlig weggewischt. Wie es sich aufbäumt.
Yin, Yang, Yin, Yang. Jetzt wird geschleudert. Gerade flutschte doch die Unterhose vorbei, die ich vorgestern noch bei Vanessa anhatte. Mein Gott, was hatten wir bei ihr alles zusammen erlebt? Und ich wasche ihr die Erinnerung so einfach wieder davon. Fast ist es ein wenig so, als wenn ich gewaltsam meinen Hund kastrierte.Selbst wenn er damit vor seinen Kumpels in der Schublade prahlen wollte, wird der Schlüpfer keine Beweise mehr an sich haben. Zwischen meinen Unterhosen würde ich ja sowieso gerne einmal Mäuschen spielen. Was die sich wohl alles so zu erzählen haben?
Die Maschine rotiert weiter:Yin Yang, Yin Yang….
und je mehr ich die Drehungen beobachte, desto müder werde ich. Ich werde von meiner Dreckswäsche hypnotisiert. Nein, ich schlummere doch einfach nur ein.
Schlummer nicht nur, schrumpfe. Finde mich bald in einer dunklen, für mich unbekannten Umgebung wieder. Ich taste mich voran, mit Händen und Füßen zwischen weichem Untergrund. Jemand unter schreit „Autsch!“, neben mir brüllt etwas: „Pass doch auf, Mann!“
Nach und nach weiten sich meine Pupillen und lassen mich mehr erkennen, eine böse Ahnung bestätigt sich: Ich bin tatsächlich in meiner Unterhosen-Schublade gelandet!!!Leider werde ich sofort entdeckt, schon grunzt mich die bequeme, graue, mit den weißen Längsstreifen an der Seite, durch ihren Eingriff laut und düster an:
„Hey Du. Weißt du überhaupt, dass ich viel zu schlecht an dir sitze?“
Ich schüttele den Kopf. Da melden sich die blauen Shorts auch zu Wort:„Und ich sehe auch total scheiße an dir aus. Ich labbere doch nur an deinen schmalen Hüften herum.“ Und als wäre das nicht schon entwürdigend genug: „Zieh mich bitte nicht so an!“
Das ertrage ich beim besten Willen nicht. Die Erkenntnis ist bitter, wenn man es seinen Schlüpfern nicht Recht machen kann. Selbst die, die man liebt, verletzt man. Auch hier ist es also wie im wahren Leben.Ich schlüpfe tastend weiter zwischen meinen Unterhosen hindurch. Irgendwo muss es doch hier wieder herausgehen? Immer in eine Richtung, bloß nicht versehentlich im Kreis und wieder zurück zu diesen Jammerlappen. Dort drüben ist es hell. Ein Ausgang? „Ja, genau. Geh doch zu den Spaltern!“ höre ich noch von hinten. Spalter? Was meinen die denn? Ich bewege mich schneller vorwärts, doch bald kann ich leider mehr erkennen: Ich bin offenbar in’s Reich der von Mama geschenkten großen, bösen Feinripp-Unterhösen gestolpert. Und die sind vielleicht sauer, weil ich sie niemals trage.
„Ach nee, sieh mal einer an, wen es da zu uns treibt?“ werde ich sofort von einer angesprochen und ich kann mich nicht erinnern, sie jemals gesehen zu haben. Sie muss ein Geschenk von vor X Weihnachten gewesen sein.
„Ich bin hier die Stammesälteste,“ sagt sie auch sodann. „Du verweigerst uns konsequent unsere Daseinsberechtigung. Weißt du überhaupt, wie sich das anfühlt?“
„Genau, ich will auch mal an seiner Kimme sitzen,“ meint eine kleine vom letzten Geburtstag. „Nicht so vorlaut, Neuling,“ heischt die Alte sie an. „Nein, er soll auf Ewigkeiten hier bei uns festsitzen, soll sich auch so nutzlos fühlen. Fesselt ihn!“
Und dann werde ich überfallen von den weißen Feinrippstoffen. Ich wehre mich mit Händen und Füßen, schüttele mich, denn es könnte noch so oft „Calvin Klein“ auf ihnen stehen, ich würde sie trotzdem nicht anziehen !!! Ich werde doch kein Gefangener meiner Klamotten !!! Schon gar nicht meiner Unterhosen !!!
Doch etwas fasst mich an der Schulter, zieht mich zurück aus der Schublade.
„Hey, Mann, wach auf. Deine Wäsche ist längst fertig,“ sagt der Nachbar von einem Stockwerk über mir.
„Mir doch egal. Das kranke Zeug kannste gerne mitnehmen, bei Ebay verkaufen oder meinetwegen: Anziehen!“
Und ich, ich packe jetzt meine Sachen und gehe in’s Freibad, flüchte vor einem Waschtrommel-Trauma. Und wehe dem, der mich vom Schwimmen abhalten will, weil ich keine Badehose trage…


Hallo!
Herzliche Grüße,
Waschmaschinen und Wäsche scheinen irgendwie alle Blogger zu beschäftigen: http://herrnashorn.de/?p=133 oder http://www.taumeln.de/wordpress/?p=35. Gut zu wissen, dass ich nicht der Einzige bin!
Sven
ja die Wäsche kann sehr einnehmend sein. Wenn die erstmal ne Gewerkschaft gründen…
LG zahnersatz
[…] wurden vom gestrigen, münsteraner Publikum auch honoriert, weshalb es den lediglich lustig-komischen Geschichten richtig schwer fiel, überhaupt wahrgenommen zu werden. Gut, der Teamtext von Sulaiman und Tobi […]