Vor Kurzem bin ich innerhalb der Stadt umgezogen. Der Umzug selbst lief eher unspektakulär über die Bühne und ist keines Berichtes wert. An meinem alten Wohnort war es nicht gerade besonders leise. Er lag an einer Hauptverkehrsader, bestand aus einem Zimmer in einem Studentenwohnheim und innerhalb der dortigen 3er-WG bestanden die Wände aus einem etwas besseren Material als Pappe. Noch dazu startete einmal im Monat direkt gegenüber meinem Fenster eine der angesagtesten Parties der Stadt und ich bekam in diesen Nächten, wenn mir denn nach Ruhe verlangte, einfach keinen Schlaf.
Oft übernachtete ich dann bei meiner Freundin, die etwas außerhalb des Zentrums eine Wohnung ganz für sich allein ihr eigen nennen sollte und die darüber hinaus einen Nachbar hatte, den man so gut wie überhaupt nicht wahrnahm (obwohl sie sich einen Balkon teilten, der lediglich durch eine dünne Wand getrennt war).
Nun, nach meinem Umzug, wohne ich in einem ruhigeren Stadtteil. Zwar ebenfalls in einer WG, aber die teile ich mir nur mit einem Freund, der morgens bis nachmittags arbeiten muss. Ich arbeite von mittags bis abends. Wir sehen uns nicht allzu oft, zumal unserer beider Herzdamen woanders besucht werden müssen und wir unsere andere, freie Zeit gut auslasten können. Die Hauptverkehrsadern sind fern der Hörweite und es erforderte mich einige Zeit der Umgewöhnung, nachts nicht von der Straße in den Schlaf gebrummt zu werden.
Als ich meine Freundin bald nach meinem Umzug wiederum in ihrer kleinen Wohnung besuchte, meinte sie zu mir: „Du, nebenan zieht jemand neues ein.“ Sie erzählte mir weiter, dass sie gehört habe, wie der Vermieter mit einem älteren Ehepaar und einem Mädchen die Wohnung inspiziert hatten. „Ich glaube, da zieht das Mädchen ein,“ sagte sie und wunderte sich noch darüber, dass sie den stillen, bisherigen Nachbarn noch nicht einmal beim Auszug gehört hatte, sei doch die Diskussion der vor jüngst geschehenen Besichtigung ziemlich deutlich verständlich gewesen, selbst durch die Wände hindurch.
Nun klagt meine Freundin sehr oft: „Die ist so wahnsinnig laut da drüben mit all ihre Freunden.“
Ich konnte mir das zunächst nicht so recht vorstellen, hielt meine Liebste von der vorangegangenen Stille im Vergleich zu mir für etwas verwöhnt und wollte mir am Wochenende selbst ein Bild bzw. akustischen Eindruck von der vermeintlichen Nachbars-Nervensäge verschaffen. Mit Erstaunen bemerkte ich sodann bei den sich mir bietenden Hörgenüssen, wie die Stereotype in mir langsam aufzukeimen begannen: Der Stimme nach konnte es sich nur um eine noch sehr junge Frau handeln, die viel Grund zum Kichern und Lachen hatte. Ihre Stimme durchbrach dabei die von mir in jenem Moment neu erfundene Quäkigkeits-Richterskala. Schrille, hohe Töne sollen physikalischen Gesetzen nach gerne vor Wänden zurückschrecken, während tiefe sie durchdringen. Diese Stimme tat es nicht, sie widersprach frech den Naturgesetzen und schien demnach einem Wunder gleich, oder – der Situation entsprechend – eher einer hiobschen Prüfung für uns. Ihr Telefon klingelte unentwegt in einer ebenso hohen Tonlage und hatte sich mit ihren irrationalen Gesetzmäßigkeiten gleichgeschaltet.
„Ja, hallo, ich bin gerade erst nachhause gekommen,“ entgegnete die Stimme ihrem Gegenüber um zwei Uhr nachts, als wir uns soeben erst zu Bett gelegt hatten und uns seit ihrem letzten Verschwinden vor wenigen Stunden ein wenig Ruhe erhofft hatten. Wir bekamen daraufhin das gesamte Fiasko mit ihrem Freund noch einmal mit, das sie offenbar einer Freundin namens Tanja minutiös und doch stundenlang mitteilen musste. Das gesamte Programm wurde uns geboten: Er hatte sie bei einem Streit verlassen (sowohl die Bettgeschichten nächtens zuvor als auch der Streit gleich am Tag danach, das hatten wir alles schon live mitbekommen), und nun wurde am Telefon herumgeheult. Die Ärmste.
Da ich neuerdings in der Regel nachts schlafen möchte und ich plötzlich ziemlich geräuschempfindlich geworden bin, wäre ich nur zu gerne einmal hinüber gegangen, hätte ihr den Hörer aus der Hand gerissen und Tanja folgendes gesagt:
„Tanja, deine Freundin und du, ihr seid jetzt gerade in dem Alter, in dem euch das nicht das erste Mal passieren wird, dass euch ein Typ verarscht. Das wird sogar noch öfter…, nein, Moment, ich weiß ja nicht einmal, wie gut ihr überhaupt ausseht. Ich stehe ja nur in meiner Phantasie hier am Telefon. Aber ich denke mal, selbst ein blindes Huhn wird auch ein- oder sogar zweimal ein Korn finden, also stellt euch am besten früh genug auf derlei Enttäuschungen ein und schwitzt es bitte in Ruhe aus, auch in Rücksicht auf eure Umwelt.“ Das würde ich in meiner Rage, aber bestimmt nicht diesem Wortlaut getreu, sagen.
Und dabei fiel mir – wie gesagt – auch ein, dass ich überhaupt nicht wusste, wie das Mädel nebenan aussah. Man bedient in solchen Situationen immer gerne seine Vorurteile. Meine möglichen, ersten Varianten lauteten: Sie war entweder noch ein Teenie oder schon etwas älter, aber nicht über 25, dafür ziemlich naiv geblieben. Die akustisch vernommenen Fakten (Eltern suchen die Wohnung mit aus) sprachen eher für die Option des Pickelmonsters. Was Naivität selbstverständlich nicht grundsätzlich ausschloss, eher sogar beinahe implizierte.
Wenn jemand in einem Teenie-Freundeskreis seine eigene Wohnung bezieht, dann passiert folgendes: Die anderen, noch bei ihren Eltern hausenden Pickelmonster, treffen sich fast allabendlich in der Wohnung, die nicht von Angehörigen der Generation über ihnen überwacht werden kann. Dort hat man Spaß bis in die Puppen, meistens zum Leidwesen der Nachbarn. Denn völlig überrannt und berauscht von dieser hereingebrochenen Unabhängigkeit wollen die Pickelmonster diesen für sie neuen Zustand nach Möglichkeit so lange auskosten wie nur was.
Einen ersten optischen Eindruck der Gesellen nebenan gewannen wir dann, als wir uns des Nachts schlafen legen wollten. Eines der Pickelmonster wurde überschwänglich und lehnte sich über die Balkonbrüstung. Vielleicht wollte es sich übergeben, was ihm aber nicht gelang. Stattdessen kam es auf die Idee, sich die Nachbarn an der Trennwand vorbei genauer anzuschauen. Falls es das durch seine langen, die Augen verdeckenden Dreads überhaupt etwas sehen konnte.
Tja, da wechselt man doch gerne die Kleidung, wenn man weiß, dass irgendwelche postpubertären Witzbolde neugierig um die Ecke lugen könnten. Dieser Eindruck eines ihrer Freunde ließ aber auch Rückschlüsse auf das Aussehen der Stimme von nebenan zu. Die Vorstellungskraft ging zunächst nach dem Schema Pars-pro-toto vor: Sieht man einen, glaubt man, alle gesehen zu haben. Das muss nicht unbedingt passen, wir erlaubten uns das hier nur einmal.
Ein Pulk der Verwahrlosung nicht abgeneigter, den wilden Hormonsprüngen unterlegener Teenies balgte sich unterdessen auch unter der Woche nebenan beim „Gesellschaftsspiel“, wummerte dabei des nachts ab und an gegen die ach so dünnen Wände.
Und dazu passte ebenfalls der laute – für uns natürlich deutlich verständliche – Ausruf eines Freundes, der beim Besuch der Stimme rief:
„Himmel, wie sieht’s denn hier aus?“
„Ach, du weißt doch, ich kann doch so schlecht aufräumen,“ kicherte sie ihm antwortend.
Wie soll man das auf Dauer ertragen? Soll man tatsächlich einer Horde Pickelmonster entgegentreten und sie freundlich darum bitten, etwas ruhiger zu sein, weil man seinen Schlaf benötigt? Wenn Sie selbst einmal in einem rebellischen Alter verweilt haben, können Sie sich die erwartbare Reaktion der Gruppe mit Sicherheit vorstellen. Lieber nicht provozieren.
Sich beim Vermieter beschweren? Wissen Sie eigentlich, wie schwer es ist, unliebsame Mieter wieder aus einer Wohnung herauszubekommen? Noch dazu, wenn anzunehmen ist, dass der Herr Vermieter bürgende Eltern gerne hat? Nein, auch die Möglichkeit scheidet aus.
Es bleiben nur wenige Optionen: a) die Sache durchstehen und hoffen, dass die Stimme möglichst schnell erwachsen wird. Daneben von Zeit zu Zeit in meiner Heimstatt Ruhe suchen, oder aber b) sich selbst eine neue Wohnung suchen.
Oder eben c): Wenn man glaubt, sicher zu sein, mit der Stimme von nebenan unter vier Augen zu sprechen. Beim Bier oder Wein, meinetwegen Tee oder Kaffee. Statt stillschweigend zu brüten und Mordphantasien zu ersinnen. Das hätte immerhin den Vorteil, sie mal zu sehen, die Stimme.
Noch warten wir ab.
9 Kommentare
Willkommen im Land der Spießer!!!
;-)))
sorry, aber den konnte ich mir gerade nicht verkneifen..
Ich hatte auch mal so zwei Nachbarinnen, genauer gesagt ein Pärchen Anfang 20zig.. Entweder hatten sie stritten sie mit ihren quitsche Stimmen oder sie erfreuten sich aneinander…ebenfalls quitschig..beides fand ich doof.. weil ihr Schlafzimmer an mein Wohnzimmer grenzte ..die Herren, die mich damals besuchten fanden das meist toll.. :-)
Jaja, oder auch: “Mensch, lass sie doch. Man ist doch nur einmal jung.”
Solche Kommentare habe ich von nichtbetroffenen Leuten erwartet.
Aber du scheinst die Situation ja zu kennen. Und auch, dass alle anderen das interessant finden, die das nicht tagein, tagaus mitbekommen.
ich würde ja einfach mal rüber gehen und auf die durchlässigkeit der wände hinweisen. fertig. als beweis kannste ja ein paar details aus der geschichte einstreuen…
Ja, das ist eine gute Idee, aber besser so beim Müllwegbringen in einem Nebensatz einfließen lassen. Und dann mach’ bitte ein Foto von dem Gesicht. ;)
Heute hatte ich keine Chance. Die Trulla war offenbar nicht zuhause und wir konnten schlafen. Auch gut.
hihi, nix da “die sind doch noch jung”. keine gnade bei lärmterror. ich würde der das auch mal sagen. dabei musst du noch nicht mal rüber gehen, einfach durch die wand rufen geht auch. wenn das nächste mal das telefon klingelt könntest du ja schon mal ein “grüß tanja schön!” rufen :)
was lob ich mir meine wohnung und meinen nachbarn. hach, aber das hat ja bald ein ende. und dann wohnen freunde der klassischen musik über mir. ich glaube, ich besorge mir mal slayer…
Ja, wer hatte solche Nachbarn nicht auch schon. :-) Mein momentaner Nachbar über mir pflegt sich mit High Heels tragenden Mädels zu verabreden. Diese sind in der Nacht auch recht laut. Sehr laut… Fast schon Oskar verdächtig. ;-)
Bin gespannt was du weiter darüber berichten wirst ;-)
Ich glaub, jetzt ist gerade ein bisschen Ruhe, weil die Gute kränkelt. Jedenfalls hörte man sie vorgestern (bei meinem letzten Besuch) husten und schniefen.
Ich fand ja “in den Schlaf gebrummt zu werden” schon mal sehr schön und dann habe ich meine Wohnsituation wiedererkannt. Bei uns sind auch letzlich neue nachbarn eingezogen die auch immer ordentlich remmi demmi gemacht haben. Die waren dann auch mal so spontan und haben um 3 Uhr Nachts noch mal die Anlage so richtig aufgedreht, dann aber wieder nach einer halben Stunde verstummten. Vermutlich um Kraft zu sammeln um diese dann um 6 Uhr Morgens wieder aufzudrehen.
Arschloch Methode: Polizei unter verschiedenen Namen in unzusammenhängenden Abständen anrufen und berichten. Dann vergeht denen schon der Spaß.
Anders könnte man es Lösen indem man berichtet, daß man ja Morgen wieder aufstehen muss oder andere Moralische Gewissensbisse verpaßt.
Das mit der Freqzuenzabhängigen bzgl. der Absorption der Wände stimmt zwar (jedoch auch nur, nach beschaffenheit der Wände), allerdings sind wir Menschen bei dem Frequenzbereich der Stimme besonders empfindlich, was die Dämmeigenschaft schon wieder relativiert.
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