Es ist schon interessant, wenn man beim Blick in den Counter feststellt, dass der vergangene Monat, der doch - auch aus Zeitmangel - ziemlich viel Blödsinn und Banalitäten in diesem Blog lieferte, ausgerechnet der bestbesuchteste seit über drei Jahren ist.

Merkwürdig. Ich habe anscheinend nur Leser, die am Gossip und Quatsch interessiert sind. Dann muss ich wohl in Zukunft noch mehr davon präsentieren. Ach, ich armer Wicht, getrieben bin ich von den Geistern, die ich rief…

Nun gibt es heute also die positive Meldung, dass die Zahl der Arbeitslosen in Deutschland erstmals seit zwölf Jahren unter 3,5 Mio. gesunken sei, was natürlich zunächst einmal ganz supertoll klingt. Wir alle wissen aber, dass dort eine Dunkelziffer existiert, die einfach darin begründet liegt, dass die Bundesagentur für Arbeit eine ganz eigenartige Definition von “arbeitslos” hat. Die Ein-Euro-Jobber, die in einer “Bedarfsgemeinschaft” Lebenden (”meine Mann verdient gut”), arbeitslose Schulabgänger, Menschen ab 58 usw. tauchen allesamt nicht mehr in der Statistik auf. Das ist an sich nichts neues.

Im SpOn-Forum tauchen dann aber gleich zu Thread-Beginn Kommentare auf, die sich viel eher mit der Zinsproblematik beschäftigen, wobei ich mir die Frage stellte, was zum Henker das denn jetzt damit zu tun hat. Nach kurzen Hineinfuchsen in die Materie (mein VWL-Unterricht ist nun auch schon ein Weilchen her) und ein wenig Einsicht kann einem nur schlecht werden.

Die freiwirtschaftliche Kapitalismuskritik sieht nämlich ein grundlegendes Problem des Geldes darin, dass es Leute gibt, die wegen ihres Geldes und ihres Bodens nicht arbeiten brauchen. Oder anders ausgedrückt: Das Geld arbeitet für sie, es gibt ja schließlich Zinsen. Die Summe, die dafür in diesem Jahr aufgewendet werden muss, soll bei ungefähr 380 Milliarden Euro liegen (vgl. Haushalt der Bundesregierung 267 Mrd.). Und das zugrundeliegende Vermögen bleibt natürlich hübsch auf der Bank und landet nicht im Wirtschaftskreislauf. Zugegeben: Hätte ich soviel Asche, würde ich meinen Arsch auch zuhause lassen.
Jetzt sieht es aber so aus, dass das ganze Geld für die Zinsen schließlich irgendwoher kommen muss, die Ausgaben dafür wachsen ja jedes Jahr, und zwar exponentiell. Die Kohle muss das Bruttoinlandsprodukt irgendwie aufbringen.

Bedeutet (*tusch*): Die Wirtschaft muss ebenfalls jedes Jahr exponentiell mitwachsen, damit das funktioniert! Und wenn es mal ein Jahr lang nicht klappt, muss nunmal an irgendeiner Stelle gespart werden, oder die Banken holen es sich woanders. Die haben schließlich auch Einnahmequellen.

Erschreckend einleuchtend und bisher nie einen Gedanken daran verschwendet. Das kann einem schonmal den ganzen Tag verhageln. Sollte das alles nicht so sein, bitte ich um Aufklärung seitens der mitlesenden Wirtschaftsexperten.

“Der Zustand Schumanns verschlimmert sich täglich”, schrieben die Freunde im Februar 1854, “ununterbrochen hört er Musik, oft der schönsten Art, oft auch qualvoll hässlich”. [via]

Welch ein Satz, was für eine Aussage über jemanden, der Zeit seines Lebens sein Brot mit Musik verdiente! Robert Schumann wird dieses ästhetische Werturteil womöglich nicht gutgeheißen haben, zumal es von seiner Frau Clara und seinem Protegé Johannes Brahms stammt.
Robert hatte sich kurz zuvor - einer Art Wahnsinn nahe - von einer Brücke in den Rhein gestoßen, nicht ohne vorab seinen Ehering in das Wasser geworfen zu haben. Doch er wurde gerettet, kam in eine Nervenheilanstalt, wo er über zwei Jahre bis zu seinem Tod verbracht hatte. Da liefert es nur Raum für allerhand Spekulationen und Mutmaßungen, dass Brahms währenddessen der 14 Jahre älteren Frau seines Mentors Avancen macht. Phantastische Background-Stories für gewaltige Musik. Brahms’ Klavierkonzert op. 15 in d-Moll soll man angeblich die Enttäuschung und Wut über das Scheitern anhören. Ich bekomme Lust darauf, Biographien zu lesen und diese Musik zu hören.

Mein Zustand verschlimmert sich täglich!

Ui, da kommt man abends von der Maloche nachhause und der Mitbewohner ist nicht daheim. Prima, da kann ich ja ganz viel “stöpseln”. Jetzt denkt der gemeine Leser bestimmt wieder, es handelt sich um etwas Schweinisches, dem ist aber nicht so. Vielmehr macht man den Router an und wieder aus, um an eine neue IP zu gelangen. Das tun in der Regel die Leute ziemlich oft, die nicht genug bekommen können. Ist jemand anderes noch online, ist das natürlich sehr blöd. Aber so…

Außerdem finde ich es recht schade, dass die wenigen, letzten Magisterstudenten an der Uni Bielefeld nur noch einmal im Monat, zu einem bestimmten Termin ihre Prüfungsklausuren schreiben können. Da ich das nun langsam mal hinter mich bringen will, werde ich den innerhalb diesen Monats wohl wahrnehmen. Dumm daran ist nur, dass er frühmorgens am Tag nach dem Poetry Slam ist. Würde ich am Abend davor trotzdem teilnehmen, wäre ich mit Sicherheit die obercoolste Sau. Doch ich glaube, die Traute besitze ich dann doch nicht, schließlich wird das beim slammen auch immer feuchtfröhlich…

Es ist immer wieder erstaunlich, wenn die Leute bei Schießereien im Film (wie Angelina Jolie soeben in “Mr. and Mrs. Smith”) Schutz hinter Säulen suchen, die nur ungefähr ein Viertel der Breite ihres Rückens aufweisen. Und tatsächlich nicht getroffen werden. Es bleibt wohl eines der Mysterien des Actionfilms.

Gelegentlich komme ich auch mal vom Wege des Normalhörers ab und werde bei dieser oder jener Musik regelrecht sentimental. Der Song “In The Deep” von Bird York zählt jedenfalls durchaus zu denen, die in der Lage sind, auch mir Schauer über den Rücken zu jagen. Klingt, als wäre Tori Amos kurz davor, in den Fluss zu gehen. Weshalb ist mir das Stück beim Sehen des Films “L.A. Crash” nicht sofort hängen geblieben, sondern erst bei einer Folge “Dr. House” (Staffel 2, Folge 2: “Autopsie”)? Und, ich finde, man hätte sich dazu auch gut ein besseres Video einfallen lassen können als eines mit einer rotierenden Sängerin vor einem Filmzusammenschnitt.

Man muss ja nicht hingucken. Nochmal, weil’s so schön schaurig war:



Dass man auf Papier nicht nur schreiben, malen oder drucken, sondern daraus sogar eindrucksvolle Monster schaffen kann, davon kann man sich hier überzeugen [via].

Viel schöner finde ich aber die Idee, wie hier etwas aus einem einzigen Blatt Papier zu kreieren [mal gesehen bei EndeNeu]

Frau Wilhelm war bereits über siebzig Jahre alt, konnte sich nach einem Schlaganfall nur noch hinkend fortbewegen und artikulierte ihre Begehren für jedermann schwer verständlich, das aber unentwegt. Denn Frau Wilhelm wollte viel.

Jeden Morgen, wenn ich ihr Zimmer durch die Tür betrat, war sie bereits wach und lächelte die Sonne an, daraufhin mich, beförderte ihre Zunge zur Seite, die ihr stets ein wenig aus dem Mund ragte und sie an einer korrekten Aussprache hinderte, und krächzte laut und für jeden auf dem Flur hörbar: “Guten Morrgen, mein Schatz. Holst du mich endlich aus dem Bett?

Der Satz war für mich das Zeichen, sie sofort in den Arm zu nehmen, ich ließ die Sperrvorrichtung von den Bettseiten hinunter, wir begannen die morgendliche Hygieneprozedur sodann. Zunächst sollten die faltigen, blinzelnden Augenwinkel von der Schlafkruste befreit werden, der Rest kam nach und nach an die Reihe. Wenig später wackelte sie die Pflegeheimsflure rauf und runter, in Erwartung auf das Frühstück, wie für alle anderen Bewohner auch.

Trotz ihrer Einschränkung besaß sie den rastlosen Drang, danach, sich zu bewegen.

Natürlich.

Nicht selten kam es vor, dass wir einen Anruf bekamen, wir sollten doch die alte Dame abholen, die dort gefährlich neben dem Straßenverkehr entlangstakste, ihre nimmermüden Proportionen hin zu einem für sämtliche Betrachter unerklärlichen Ziel wackelte. So im Pyjama bekleidet, das konnte doch nichts werden. In der Regel wurde der Zivi mit dieser Aufgabe betraut, der bekam dafür immerhin noch einmal extra Kilometergeld.

Es dauerte nur wenige Wochen und sie wurde stadtbekannt. Trat irgendwo in der Nähe eine alte, hinkende Frau auf, die einen sonderbaren modischen Geschmack an den Tag legte und sich schlecht artikulieren konnte, handelte es sich im Bewusstsein der Öffentlichkeit sofort um Frau Wilhelm. Ein neuer Dorfmythos schien seinen Geburtstag gefeiert zu haben.

Den erstaunlichsten Ausbruch brachte Frau Wilhelm zustande, als wir eines sonnigen Nachmittages von der Polizei eines fünfzehn Kilometer entfernten Dorfes benachrichtigt wurden. Erneut hatte niemand ihr Verschwinden bemerkt, wir sahen uns erstaunt an und fragten uns auch, weshalb wir uns statt der Ordnungshüter auf den Weg bemühen mussten, sie abzuholen. Ich bestieg also einmal mehr meinen Wagen, machte mich auf den Weg und traf am Ziel auf zwei Wachleute, die in ihrer Mitte eine deutlich kleinere Frau an der Hand hielten. Frau Wilhelm lächelte verschmitzt und ihre Zunge schien in der Luft nach etwas zu suchen: “Naaaa, holst du mich endlich wieder hier ab?” fragte sie mich und allmählich kam mir der Verdacht, dass sie diese Ausbrüche mit ein wenig Berechnung tat. Friedlich saß sie, nachdem ich den Gurt auf ihre Körpergröße so tief wie möglich eingestellt hatte, neben mir auf dem Beifahrersitz und betrachtete mit einer gewissen Anstrengung auf dem Rückweg die Landschaft, da sie sich, um überhaupt etwas sehen zu können, immer wieder emporrecken musste.

Mittlerweile sind seit meinem Zivildienst fast zehn Jahre in’s Land gegangen und ich weiß leider nicht, wer von all den Menschen noch lebt, mit denen ich seinerzeit kalberte, als wären es Leute meinen Alters. Ich denke mal, Frau Wilhelm wird wohl nicht dabei sein, auch nicht Herr Jüdes, der an ALS erkrankte und Haikus schreibende Kunstmäzen. Und auch nicht Frau Kersting und Herr Beyer usw. usf.

Doch neulich nachts hatte ich einen Traum, der hatte mir das alles wieder vor Augen geführt. Dabei handelte es sich um keinen schönen Traum, fürwahr.

Ich wachte morgens auf in einem Bett, das ich nicht kannte, in einem Zimmer, das mir neu war. Die Aussicht aus dem Fenster des Zimmers hatte ich nie zuvor gesehen und ich fragte mich, seit wann ich unter einer so entsetzlichen Geschmacksverirrung litt, dass ich die weiße Rauhfasertapete der Wände lediglich mit Matisse-Nachdrucken verziert hatte. Und überdies: Wer hatte mir diese einheitlich schrecklichen Schränke aus Holzimitat in meine Schlafstatt gestellt? Ich fühlte mich reichlich beklommen, wollte jemanden anrufen, den ich kannte, doch es gab kein Telefon in meiner Reichweite. Ich kam nicht einmal aus dem Bett, da mir jemand wohl eine Art Kinderschutzvorrichtung an den Seiten hochgezogen hatte.

Menschen, die ich nicht kannte, kamen mich plötzlich Tag für Tag besuchen und verabreichten mir Essen, das ich bisher noch nie gemocht hatte (man hatte hier offenbar in jeder Speise Champignons als Hauptzutat gewählt). Doch offenbar hörten sie mein Flehen nicht, ich redete und redete, aber meine Wünsche blieben unverstanden oder ungehört.

Ich erzählte ihnen in meiner für sie anscheinend unverständlichen Sprache, dass ich nachhause wollte, zu meinen Freunden, die zumindest eine leichte Ahnung von dem besitzen, was ich mochte. Dass ich in meine Wohnung möchte, in meine Heimat, dahin, wo ich weiß, wo was liegt, und nicht hier sein wollte! Und wo war ich überhaupt?

Die Leute, die mich nicht verstanden, ließen mich nach einer peinlichen Prozedur an meinem Körper dann doch endlich aus dem Bett und ich konnte das Zimmer verlassen. Auf dem Flur kam ich zufällig an einem Spiegel entlang und tat das Unvermeidliche: Ich betrachtete mich darin. Erst in diesem Moment, beim Anblick meines Selbst, erahnte ich mein Fiasko und wollte es am Liebsten gleich wieder ausradieren: Das ergraute Ding dort, das faltige Gesicht, konnte doch nicht ich sein?

Mich überkam eine stetig zunehmende Brandung der Panik, erahnte minütlich größere, persönliche Katastrophen. Wenn ich allein nicht mehr wusste, wo ich war, könnte das auch kein anderer meiner Freunde erahnen. Offensichtlich war ich schlagartig alt geworden, irgendjemand hatte mich hier untergebracht, wer und wo das auch immer gewesen sein mochte.

Beinahe fühlte ich so etwas wie Resignation über mich hereinbrechen, die absolute Ohnmacht gegenüber den Gesellschaftsspielchen, mit “Mensch, ärgere dich nicht!” und “Mühle” usw., mit denen die anderen “plötzlich Ergrauten” dort vorne im Gesellschaftsraum abgehandelt wurden.

Ich spürte beim Gedanken daran, dass womöglich alles, was mir etwas bedeutete, nicht mehr vorhanden sein könnte, eine innere, beunruhigende Wärme, die aber in Celsiusgraden bis zur Unerträglichkeit anstieg. Ich musste raus, ich musste unbedingt nachsehen, mir Gewissheit verschaffen. Wenn mir niemand eine Nachricht von der Außenwelt, die mir vertraut war, zukommen ließ, bedeutete das vielleicht, dass diese Außenwelt nicht mehr länger existierte?

Waren alle meine Freunde nicht mehr am Leben, selbst mein “kleiner” Bruder nicht?

Um Himmels Willen…

In einem Raum liegend, von dem man geographisch nur die Ahnung besitzt, dass man es von ihm aus niemals mehr aus eigenen Kräften schafft, nachhause zu gelangen, schien mir keine angemessene Möglichkeit, mir über all diese Fragen Gewissheit zu verschaffen. Ich musste ausbrechen, koste es, was es wolle!

Es war entsetzlich.

Hätte ich diesen intensiven Traum damals gehabt, ich glaube, ich hätte meine Zivipflichten ignoriert und Frau Wilhelm einfach laufen gelassen ..


Im Übrigen wird heute Abend eine kleine Horde Bielefelder (Micha-El Goehre, Markus Freise, Mischa und ich) beim 2. Poetry Slam in Lemgo auftauchen und vortragen. Wer noch nix vorhat, kann ja gerne mal reinschauen. Beginn ist um 20:30 Uhr im Kesselhaus, Eintritt 5 Euro (bzw. 3 für Studis).