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Catch me if you can

Frau Wilhelm war bereits über siebzig Jahre alt, konnte sich nach einem Schlaganfall nur noch hinkend fortbewegen und artikulierte ihre Begehren für jedermann schwer verständlich, das aber unentwegt. Denn Frau Wilhelm wollte viel.

Jeden Morgen, wenn ich ihr Zimmer durch die Tür betrat, war sie bereits wach und lächelte die Sonne an, daraufhin mich, beförderte ihre Zunge zur Seite, die ihr stets ein wenig aus dem Mund ragte und sie an einer korrekten Aussprache hinderte, und krächzte laut und für jeden auf dem Flur hörbar: “Guten Morrgen, mein Schatz. Holst du mich endlich aus dem Bett?

Der Satz war für mich das Zeichen, sie sofort in den Arm zu nehmen, ich ließ die Sperrvorrichtung von den Bettseiten hinunter, wir begannen die morgendliche Hygieneprozedur sodann. Zunächst sollten die faltigen, blinzelnden Augenwinkel von der Schlafkruste befreit werden, der Rest kam nach und nach an die Reihe. Wenig später wackelte sie die Pflegeheimsflure rauf und runter, in Erwartung auf das Frühstück, wie für alle anderen Bewohner auch.

Trotz ihrer Einschränkung besaß sie den rastlosen Drang, danach, sich zu bewegen.

Natürlich.

Nicht selten kam es vor, dass wir einen Anruf bekamen, wir sollten doch die alte Dame abholen, die dort gefährlich neben dem Straßenverkehr entlangstakste, ihre nimmermüden Proportionen hin zu einem für sämtliche Betrachter unerklärlichen Ziel wackelte. So im Pyjama bekleidet, das konnte doch nichts werden. In der Regel wurde der Zivi mit dieser Aufgabe betraut, der bekam dafür immerhin noch einmal extra Kilometergeld.

Es dauerte nur wenige Wochen und sie wurde stadtbekannt. Trat irgendwo in der Nähe eine alte, hinkende Frau auf, die einen sonderbaren modischen Geschmack an den Tag legte und sich schlecht artikulieren konnte, handelte es sich im Bewusstsein der Öffentlichkeit sofort um Frau Wilhelm. Ein neuer Dorfmythos schien seinen Geburtstag gefeiert zu haben.

Den erstaunlichsten Ausbruch brachte Frau Wilhelm zustande, als wir eines sonnigen Nachmittages von der Polizei eines fünfzehn Kilometer entfernten Dorfes benachrichtigt wurden. Erneut hatte niemand ihr Verschwinden bemerkt, wir sahen uns erstaunt an und fragten uns auch, weshalb wir uns statt der Ordnungshüter auf den Weg bemühen mussten, sie abzuholen. Ich bestieg also einmal mehr meinen Wagen, machte mich auf den Weg und traf am Ziel auf zwei Wachleute, die in ihrer Mitte eine deutlich kleinere Frau an der Hand hielten. Frau Wilhelm lächelte verschmitzt und ihre Zunge schien in der Luft nach etwas zu suchen: “Naaaa, holst du mich endlich wieder hier ab?” fragte sie mich und allmählich kam mir der Verdacht, dass sie diese Ausbrüche mit ein wenig Berechnung tat. Friedlich saß sie, nachdem ich den Gurt auf ihre Körpergröße so tief wie möglich eingestellt hatte, neben mir auf dem Beifahrersitz und betrachtete mit einer gewissen Anstrengung auf dem Rückweg die Landschaft, da sie sich, um überhaupt etwas sehen zu können, immer wieder emporrecken musste.

Mittlerweile sind seit meinem Zivildienst fast zehn Jahre in’s Land gegangen und ich weiß leider nicht, wer von all den Menschen noch lebt, mit denen ich seinerzeit kalberte, als wären es Leute meinen Alters. Ich denke mal, Frau Wilhelm wird wohl nicht dabei sein, auch nicht Herr Jüdes, der an ALS erkrankte und Haikus schreibende Kunstmäzen. Und auch nicht Frau Kersting und Herr Beyer usw. usf.

Doch neulich nachts hatte ich einen Traum, der hatte mir das alles wieder vor Augen geführt. Dabei handelte es sich um keinen schönen Traum, fürwahr.

Ich wachte morgens auf in einem Bett, das ich nicht kannte, in einem Zimmer, das mir neu war. Die Aussicht aus dem Fenster des Zimmers hatte ich nie zuvor gesehen und ich fragte mich, seit wann ich unter einer so entsetzlichen Geschmacksverirrung litt, dass ich die weiße Rauhfasertapete der Wände lediglich mit Matisse-Nachdrucken verziert hatte. Und überdies: Wer hatte mir diese einheitlich schrecklichen Schränke aus Holzimitat in meine Schlafstatt gestellt? Ich fühlte mich reichlich beklommen, wollte jemanden anrufen, den ich kannte, doch es gab kein Telefon in meiner Reichweite. Ich kam nicht einmal aus dem Bett, da mir jemand wohl eine Art Kinderschutzvorrichtung an den Seiten hochgezogen hatte.

Menschen, die ich nicht kannte, kamen mich plötzlich Tag für Tag besuchen und verabreichten mir Essen, das ich bisher noch nie gemocht hatte (man hatte hier offenbar in jeder Speise Champignons als Hauptzutat gewählt). Doch offenbar hörten sie mein Flehen nicht, ich redete und redete, aber meine Wünsche blieben unverstanden oder ungehört.

Ich erzählte ihnen in meiner für sie anscheinend unverständlichen Sprache, dass ich nachhause wollte, zu meinen Freunden, die zumindest eine leichte Ahnung von dem besitzen, was ich mochte. Dass ich in meine Wohnung möchte, in meine Heimat, dahin, wo ich weiß, wo was liegt, und nicht hier sein wollte! Und wo war ich überhaupt?

Die Leute, die mich nicht verstanden, ließen mich nach einer peinlichen Prozedur an meinem Körper dann doch endlich aus dem Bett und ich konnte das Zimmer verlassen. Auf dem Flur kam ich zufällig an einem Spiegel entlang und tat das Unvermeidliche: Ich betrachtete mich darin. Erst in diesem Moment, beim Anblick meines Selbst, erahnte ich mein Fiasko und wollte es am Liebsten gleich wieder ausradieren: Das ergraute Ding dort, das faltige Gesicht, konnte doch nicht ich sein?

Mich überkam eine stetig zunehmende Brandung der Panik, erahnte minütlich größere, persönliche Katastrophen. Wenn ich allein nicht mehr wusste, wo ich war, könnte das auch kein anderer meiner Freunde erahnen. Offensichtlich war ich schlagartig alt geworden, irgendjemand hatte mich hier untergebracht, wer und wo das auch immer gewesen sein mochte.

Beinahe fühlte ich so etwas wie Resignation über mich hereinbrechen, die absolute Ohnmacht gegenüber den Gesellschaftsspielchen, mit “Mensch, ärgere dich nicht!” und “Mühle” usw., mit denen die anderen “plötzlich Ergrauten” dort vorne im Gesellschaftsraum abgehandelt wurden.

Ich spürte beim Gedanken daran, dass womöglich alles, was mir etwas bedeutete, nicht mehr vorhanden sein könnte, eine innere, beunruhigende Wärme, die aber in Celsiusgraden bis zur Unerträglichkeit anstieg. Ich musste raus, ich musste unbedingt nachsehen, mir Gewissheit verschaffen. Wenn mir niemand eine Nachricht von der Außenwelt, die mir vertraut war, zukommen ließ, bedeutete das vielleicht, dass diese Außenwelt nicht mehr länger existierte?

Waren alle meine Freunde nicht mehr am Leben, selbst mein “kleiner” Bruder nicht?

Um Himmels Willen…

In einem Raum liegend, von dem man geographisch nur die Ahnung besitzt, dass man es von ihm aus niemals mehr aus eigenen Kräften schafft, nachhause zu gelangen, schien mir keine angemessene Möglichkeit, mir über all diese Fragen Gewissheit zu verschaffen. Ich musste ausbrechen, koste es, was es wolle!

Es war entsetzlich.

Hätte ich diesen intensiven Traum damals gehabt, ich glaube, ich hätte meine Zivipflichten ignoriert und Frau Wilhelm einfach laufen gelassen ..


Ein Trackback/Pingback

  1. Herr Jott | killefit.net on Samstag, 23. August 2014 um 11:52

    […] Wortwahl war – vornehm ausgedrückt – arschkühl. Wir konnten uns nicht ab. Lieber hatte ich mit Frau Wilhelm herum gedölmert als diese Tortur über mich ergehen zu lassen. Und es dauerte und dauerte… bis es zu einem […]

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