Wie Roland Barthes auf dem Slam verzweifelt (Notiz)
Geschrieben am 30 Dezember 2007
Beim Slam oder den Leseabenden hört man immer wieder die Frage, wie man denn auf die Ideen für die Texte kommt oder ob man das alles tatsächlich schon einmal so erlebt hat. Diese Fragen sind absolut nicht totzukriegen und die Vorstellung, dass man sich derlei einfach nur ausgedacht hat, um die Leute zu unterhalten, anscheinend schwer zu vermitteln. Am besten wäre es, so dachte ich einmal, man verordnet dem Publikum vorab den Aufsatz “Der Tod des Autors” von Roland Barthes als Lektüre. Darin wird verlangt, man solle mit der Gewohnheit brechen, dem Autor eine Absicht zu unterstellen und im Text auf ihn hin zu psychologisieren. Der Text (oder besser die Interpretation) entstünde schließlich erst “im Kopf” des Lesers.
Das ist vollkommen richtig. Wir als die Produzenten erzeugen nämlich mit dem Text nichts anderes als die Voraussetzungen für’s Kopfkino. Für das Lesen eines Textes spricht Barthes daher statt von einem Autor von einem “Skriptor”, einer Funktion, die erst bei der Lektüre selbst “erzählt” und die sozusagen im Kopf Bezüge zwischen den vielen Referenzen herstellt, erst dann “Sinn” stiftet. “Die Geburt des Lesers ist zu bezahlen mit dem Tod des Autors.”
Und an der Stelle findet sich ein Knackpunkt, der beim Slam oder überhaupt bei Live-Lesungen zutage tritt, denn schließlich lesen die Autoren hier sogar selbst vor, modulieren ihre Stimme bei bestimmten Textstellen und geben damit bereits ein Interpretationsangebot ab (wenn sie nicht sogar nur das eine dadurch zulassen). Sie sind so etwas wie “Skriptor A” vor dem weiterinterpretierenden “Skriptor B” beim Hörer.
Roland Barthes funktioniert hier nicht soooo ganz. Wäre auch schade, wenn ich auf der Bühne stürbe. Darüber sollte ich mal genauer nachdenken, wenn ich mich mal theoretisch dazu auslasse.

