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Nie gesehene Zinnen erklimmen

Es ist schon eine ganze Weile her, womöglich 2 Jahre, als ich ein Seminar namens “Monströse Bilder” besucht hatte. Dort wurden wir mit dem Problem konfrontiert, wie schwer es selbst etablierten Autoren gefallen ist, ihren Eindruck von Fotos, Malereien usw. mittels bloßem Wort zu beschreiben. Selbstverständlich ist es nicht damit getan zu sagen: “Oben links ist ein grüner Klecks und unten ein roter, dazwischen dieses und jenes.” Ein solches Unterfangen käme einer reinen Inhaltsbeschreibung einer Geschichte gleich und begeistert nur sehr wenige Menschen von dem Werk, um das es geht.

Geschichten verlangen nach einer Interpretation, erst diese macht ein Werk für andere interessant, und auch visuelle Dokumente sind imstande, Geschichten zu erzählen. So begegneten uns in dem Seminar nicht nur wahre Monstrositäten wie Goyas “Saturn verschlingt eines seiner Kinder“, sondern auch Zeichnungen von Menschen, die wiederum H.P. Lovecrafts Stories interpretierten, z.B. in Comic-Form.

Ich entsinne mich noch ganz dunkel an eine in einem solchen Comic dargestellte Gruppe Menschen, die in einem Dschungel nach einer versunkenen Stadt suchte. Sie ruderten von Panel zu Panel auf einem Fluß zwischen den Lianen und halb in’s Wasser ragenden, toten Bäumen entlang, bis sie in der Ferne einige Schatten von Gebäuden wahrnahmen. Je näher sie der vermeintlichen Siedlung kamen, um so deutlicher stellte sich heraus, dass eben diese Häuser nur noch Rudimente einer längst vergangenen Kultur waren. Hochragende Türme, halb verfallen, wehrten sich gegen den Moosbefall und Erosion, teils waren sie bereits eingestürzt, einige andere blieben standhaft. Die ganze Szenerie wirkte mehr als unheimlich.

Leider kann ich bis heute weder den Namen der Geschichte noch per Google-Bildsuche irgendeinen Ansatz zu dem Comic finden. Doch beim ersten Anblick dieser Zeichnungen beschlich mich das Gefühl, diese Gebäude bereits irgendwo schon einmal gesehen zu haben. Mir fiel es dann erst sehr viel später ein, woher.

Als kleiner Mann hatte ich mir nämlich immer von meinen Eltern oder Großeltern Bücher aller möglichen Reihen gewünscht. Darunter waren u.a. “Was ist was?” oder auch “Monumente der Welt”. In letzterem gab es ein Kapitel über die Kathedrale “La Sagrada Familia” in Barcelona. Nun kann man bei kirchlichen Bauten schlecht von Anmaßung gegenüber dem Vatikan reden, denn Anmaßung und Hybris sind selbst dem Pontifex wohl kaum ein Fremdwort, betrachtet man sich in Rom doch als Stellvertreter usw.

Aber, Freunde, wenn man sich einmal Bilder dieses vermeintlichen Gotteshauses ansieht, wie es dort mitten aus der Stadt herausragt, und dann noch Bilder findet, wie es einmal aussehen soll, dann bekommt man nicht nur jetzt schon vor den merkwürdigen Portalen ein echtes Lovecraftsches Muffensausen. Das Gebäude wirkt nicht nur durch seine schlanken hohen, skelettartigen Türme mehr wie einer vorchristlichen Zivilisation entsprungen, könnte strukturell eher mit dem Angkor Wat in Kambodscha verwandt sein als mit irgendetwas europäisch-abendländischem. (Foto: Wolfgang Staudt; Lizenz)

Hier, zwischen oder sogar auf den Türmen, habe ich bereits so manche Nacht verbracht, kraxelnd und ausbessernd in meinen Träumen, die natürlich alle in Schwindelgefühl und einem weichen Fall endeten. Wie Träume nunmal so sind.

Wie bei allen großen Kathedralen Europas dauert der Bau extrem lange, beim Kölner Dom sollen es ja sogar um die 500 Jahre (ich geb’s zu, ich weiß es nicht) gewesen sein. Architekt Gaudí würde bei der Sagrada Familia inzwischen knapp 120 Jahre dran sein, wäre er nicht schon seit einiger Zeit tot und andere hätten das Feld übernommen. Erstaunlich ist es gar, dass dieser Sakralbau noch nicht so viele Jahre auf dem Buckel hat, gemessen an anderen.

Die Sagrada Familia ist jedenfalls einer meiner Punkte auf der Muss-ich-mal-gesehen-haben-Liste, damit meine Geister durch Konfrontation wieder vertrieben werden. Aber ich stelle es mir mit eigenen Augen natürlich auch sehr eindrucksvoll vor. Und sollte ich mal irgendwann unverhofft ein Architekturstudium beenden, könnte ich ein Seminar namens “Monströse Bauten” geben. Dort würde die Familia mit Sicherheit als erstes behandelt werden.

(Foto: sonofgroucho; Lizenz)
P.S.: Apropos Gaudí. Es ist schon ein Weilchen her, dass ich Antonionis Film “Beruf: Reporter” sah und mich wunderte, auf was für einem merkwürdigen Dach Jack Nicholson darin herumturnt. Sonderbare Skulpturen und Treppenaufgänge zierten die Terrasse des Hauses in Barcelona. Jetzt sehe ich: Es war das – ebenfalls von Gaudí erbaute – Casa Milà. Sowas aber auch.

4 Kommentare

  1. ben_ schrieb:

    ROUVEN! Mein an mein Herz! Die Sagrad Familia ist wirklich und wahrhaftig eines der letzten großen Vorhaben dieses Kontinentes und die Kirche selber mehr als ein Monster. Und ich bin froh morgen sterben zu können und mir nicht vorwerfen zu müssen nicht auf der Sagrada Familia gewesen zu sein. Und ich muss dringend mal selber etwas dazu bloggen. Darum nur zwei Infos an dieser Stelle:

    1. Der Bau dauert so lange, weil die Sagrada Familia noch wie eine gute alte Kathedrale Stein auf Stein gebaut wird, und jeder Stein von Steinmetzen gemacht wird. Man könnte heute ein so großes Gebäude und sogar ein so dekorreiches Gebäude in wenigen Monaten höchsten Jahren mit Beton gießen. Bei der Sagrada Familia hat man sich aber dagegen entschlossen.

    2. Die Türme, die von der Sagrada Familia schon stehen gehören nur zu den Seiteneingängen. Ich hab noch ein Postkarte, auf der ein Querschnitt durch die einst fertige SF zu sehen ist.

    Donnerstag, 3. Januar 2008 um 15:02 | Permalink
  2. Rouven schrieb:

    Das freut mich aber jetzt mal, dass ich Deinen Geschmack getroffen habe und wäre an einem Beitrag darüber von Dir als Besucher der SF nur zu interessiert. Schöne Karte

    Freitag, 4. Januar 2008 um 12:35 | Permalink
  3. Sven schrieb:

    Oh, du hast die Schönheit und Größe der Welt beschrieben, während ich mich im ostwestfälischen Niemandsland auf die Suche nach Schönheit begeben habe. Ich wusste nichts von deinem Beitrag, bis eben gerade. :) Viele Grüße. … ich habe übrigens noch viele, viele schöne Niemandslandbilder!

    Freitag, 4. Januar 2008 um 14:31 | Permalink
  4. little james schrieb:

    ich war als kind mal da und fand es schon da beeindruckend. würde ich mir heute auch noch mal anschauen. tolles bauwerk.

    Freitag, 4. Januar 2008 um 18:02 | Permalink

2 Trackbacks/Pingbacks

  1. Alle vier Jahre | killefit.net on Mittwoch, 20. August 2008 um 1:39

    […] 1992 mit einem Song von Freddie Mercury und Montserrat Caballé sowie einem Rundflug über La Sagrada Familia, ich hatte inzwischen meinen ersten Perso und entwickelte andere Interessen als […]

  2. Mal spontan was buchen | killefit.net on Montag, 13. Juni 2011 um 22:02

    […] geriet langsam immer stärker der Wunsch ins Bewusstsein, mal raus zu kommen. Ich entsann mich an die seltsam ambivalente Bewunderung für ein Gebäude, das ich noch nie mit eigenen Augen gesehen ha… … und buchte spontan einen Kurztrip nach Barcelona für nächste Woche. Einfach so. […]

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