Kampf mit der Mischbatterie
Geschrieben am 20 März 2008
Letzte Woche hatte ich mir ein Herz genommen und die seit langer Zeit stets aus der Ferne angebetete Laura endlich einmal angesprochen. Nicht gerade die Ruhe selbst bin ich dabei gewesen, das muss ich zugeben, umso mehr war ich gespannt auf das heutige Date am Abend, für das sie tatsächlich zugesagt hatte. Letzte Woche.
Inzwischen hatte ich eine kleine Slamtour hinter mir und war die letzten fünf Tage zumindest quer durch die Region dafür gefahren. Auf dem Rückweg heute morgen mied man mich im Zugabteil, was mich nicht wunderte, schließlich sah ich nicht mehr ganz so aus wie Lieblingsschwiegersohn.
Die Nächte in befreundeten WGs und auf harten Matratzen, die mangelnde Hygiene hatte Kraterspuren und neue Flechten in meinem Gesicht hinterlassen. Ich möchte nicht wissen, auf welchen Milbenorgien ich zwischenzeitig mein Haupt gelegt hatte und zu allem Unglück waren von den vier Wohnungen, in denen ich übernachtet hatte, in dreien die Duschen kaputt. Ich konnte mir schon vorstellen, dass ich auf so manchen wirkte wie ein frisch vom Aussatz Befallener.
Interessant daran war ebenfalls, dass ich mich selten zuvor selbst so intensiv gerochen hatte wie in diesem Zustand.
Fünf Tage unterwegs in den gleichen Klamotten rächten sich. Ich war einfach nicht zum Aushalten.
Ich ließ niemanden in mein Zugabteil, denn, so dachte ich, wenn ich meine Ausdünstungen nicht gut genug unter Verschluss hielt, bekamen wir womöglich am nächsten Stopp Besuch vom Gesundheitsamt. Man würde Abstriche von mir machen, damit man zumindest in ferner Zukunft Präparate für eventuelle Gründe des Aussterbens der menschlichen Rasse besitzt. Mir wurde speiübel von mir selbst. Auch mal ‘ne neue Erfahrung.
Wäre ich nicht ich selbst, ich hätte um meine eigene Einsargung gebeten, als wäre ich ein ukrainischer Atommeiler, um Strahlung zu vermeiden. Der Slam und seine Umwelt hatte mich kontaminiert. Und ich blickte auf die Uhr: T minus 3 Stunden bis zu meinem Treffen mit Laura.
Wie gesagt, das war alles noch heute Morgen. Zuhause würde ich mich für Laura wieder zum Mensch werden lassen.
Seitdem kam ich glücklich auf dem Heimatbahnhof an, und ich schlug, hätte man mich per Satellit von oben beobachtet, eine deutlich erkennbare Fünf-Meter-Schneise durch die mich umgebenden Passanten, als besäße ich einen unsichtbaren Gestanks-Schutzschild, der mir den Weg zu allen Seiten ebnete.
Ich hechtete nachhause, wo die Nase meines Mitbewohners glücklicherweise nicht anwesend zu sein schien.
Meine Klamotten tütete ich vorsichtshalber hermetisch dicht ein und stellte sie vor das Haus, versehen mit einem Atommüll-Aufkleber, damit sie auch ja Beachtung erhielten.
T minus 2 ½ Stunden bis zum Treffen mit Laura
Zunächst sollte eine banale Dusche ausprobiert werden. Mal sehen, wer hier der Stärkere war: Entweder der hart eingestellte, heißdampfende Wasserstrahl oder meine mich umgebende, dampfende Wolke, das L’Eau de Slam.
Und so stehe ich nun splitterfasernackt in der weißen Bademulde, blicke an mir herab. Sehe noch, wie es mir im freien Fall aus den Ohren zu Boden rieselt. Stelle fest, dass kaum noch eine Pore atmen kann und die Haare fest an mir kleben.
Ich muss nur noch dem Wasserhahn, oder sagen wir besser: Wasserhebel, an die Nase fassen. Nach rechts wird es kalt, nach links warm, das wusste ich inzwischen aus fast dreißig Jahren Erfahrung mit der Warmwasserkonvention. Ich haue den Nasenhebelflügel auf die rechte Seite, damit er sich nach links bewegt und es angenehm warm wird, nicht nur, weil ich ein solcher Duscher bin, sondern da ich mir auch erhoffte, dass sich meine Talgschicht dadurch besser aufweichen und von mir loslöst, meine Haut endlich wieder Luft atmen kann.
Es schien wärmer zu werden, der Gasboiler nebenan begann zu fauchen. Ich fauche zurück, stelle auf Duschbetrieb um, und langsam beginnt sich das Bad mit Dampf zu füllen. Ich stelle mich darunter, ziehe den albernen, alten, mit Herzchen bedruckten Plastikvorhang um mich herum und lasse den ersten Wasserstrahlen ihren Willen, mich zu reinigen. Ich denke nur….aaaahhhh.
AHHHH ! Das ist ja schweineheiß, ich verbrenne! Vor Schreck über die unerträgliche Hitze weiche ich nach hinten aus. Der Duschvorhang bleibt an meinem Rücken kleben und verbindet sich mit der leicht aufgeweichten Schicht auf meinem Körper. Vor Schreck beginne ich zu fallen, kann mich gerade noch mit einer Hand an der Stange, an welcher der Duschkopf hängt, festhalten. Ein Fall wäre jetzt auch zu sehr Slapstick gewesen, denke ich noch. Stattdessen bemerke ich, dass sich der Arm, der mich hält, noch unter dem heißen Wasserstrahl befindet und puterrot anläuft.
Ich haste mit der anderen Hand hervor und stelle um auf Kaltwasser, halte den malträtierten Arm darunter, damit er sich erholt. Erst jetzt fällt mir auf, dass der Duschvorhang tatsächlich auf meinem Rücken kleben geblieben ist.
Na, das kann ja etwas werden, denke ich. Das erste Date als nackter Mann mit Herzchen-Cape.
„Hallo Laura. Tja, da staunst du, nicht wahr? Tagsüber, da heiße ich Rouven, aber nach Feierabend nennt man mich Captain Love. Ich dachte, du solltest das wissen. Stör dich nicht an dem Geruch.“
Nein, nicht gut. Ich muss mir etwas einfallen lassen.
Ich versuche, die Temperatur an dem Hebel zu regulieren, schiebe ihn nur leicht nach links. Schlagartig fühle ich einen sibirischen Eisregen, ich kralle mich vor Schock wieder an der Stange fest. Der Duschkopf reißt ab, fällt mir auf den Schädel. Dann ist nur noch Nacht…
Als Captain Love wieder aufwacht und einen Blick auf seine auf dem Waschbecken abgelegte Armbanduhr wirft, sind es nur noch T minus 1 ½ Stunden bis zum Date mit Laura.
Ich stehe also schwankend auf, das Cape haftet noch immer an mir.
Ich wage noch einen Versuch mit der Dusche, doch ein wager Verdacht bestätigt sich. Die Regulierung entscheidet sich entweder für die Lava oder für den Gletscher, keine Zwischenstufe, und im Moment war Eiszapfen angesagt. Apropos Zapfen:
Der Wasserhebel entpuppt sich mir allmählich als Zunge, die mir von unserer Dusche entgegengestreckt wird. Unserer Dusche, die, wie ich feststellen muss, ebenfalls in die ewigen Jagdgründe der Slammer-WG-Duschen eingegangen zu sein scheint.
Die Dinge haben sich wieder einmal gegen mich verschworen, ich blicke mich panisch um. Den Weg zu unserem Treffpunkt einberechnet, müsste ich bald los, um pünktlich zu sein. Meister Proppers und mein Blick kreuzen sich, und ich komme auf Ideen: Der Mann zeigt mir seine stets verschränkten, anabolikaschwangeren Unterarme und lächelt, als ob er wüsste, was den Ladies gefällt. Langsam den Allzweckreiniger zwischen meine Haut und den Vorhang einzuträufeln, wäre einen Versuch wert, mich vor einer neuen Doppelidentität zu bewahren.
Ich schnappe mir die Flasche, drehe den Verschluss auf und schütte mir nicht zu wenig davon zunächst auf die Schultern, um es dann in die Zwischenräume einzureiben. Der erste, übermütige Schwung bedeckt meinen Körper aber vollkommen mit der Substanz, die in Reaktion mit meinem Naturtalg zu schäumen beginnt.
Nachdem die Reaktion abgeklungen ist, bemerke ich, dass der Geruch an Bissigkeit verloren hat. Es hat nicht mehr die Aggressivität einer verfaulten Massen-Legebatterie, es befindet sich nun nur noch eine etwas dezente Note Fisch darin. Eine leichte Verbesserung immerhin.
Beim genaueren Blick auf die Flasche registriere ich dann auch, dass es sich gar nicht um Allzweckreiniger handelt, sondern um Vollwaschmittel! Mein Cape hatte sich damit kein bisschen gelöst, lediglich der Geruch wurde etwas, na ja, überdeckt.
T minus 1 Stunde und ich sehe jetzt ein, dass nichts mehr hilft. In Ermangelung weiterer Ideen gebe ich mich geschlagen.
Noch denke ich daran, telefonisch abzusagen, doch…wo bliebe da mein Stolz?
Ich ziehe mein Herzchen-Cape enger an mich. Und verlasse das Bad. Gehe auf die Wohnungstür zu.
Wenn eine Frau mich ganz haben will, dann muss sie mich und Captain Love zusammen nehmen.
Sonst ist sie es nicht wert.


herrlich - Fortsetzung folgt hoffentlich? Den Spannungsbogen kannst Du jetzt unmöglich abreißen lassen…
Ich bin jeden Tag aufs neue wieder dermaßen froh, das meine Dusche keinen Vorhang, sondern eine Tür hat.
Hätte es im Finale die Fortsetzung gegeben? Freuen uns schon auf nächste Geschichten vom Captain Love!
[...] Übrigens ist mir gestern, nach dem Vortrag dieses Textes,ein kleiner, aber nicht unerheblicher Faux-Pax unterlaufen. Sven fragte mich als Moderator [...]
[...] darüber hinaus heillos zu übertreiben: Ist zum Beispiel die Dusche kaputt, erblickt plötzlich Captain Love das [...]