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28 Musis later

tuba

(Foto: peasap; Lizenz)

Dass mein Vater derart durchtrieben sein kann, hätte ich ihm nicht zugetraut, fand er doch urplötzlich einen Vorwand, am Wochenende nicht auf Oma Trude aufpassen zu können, weil er mit meiner Mutter spontan einen Kurztrip nach Dänemark gebucht hatte.

Das Pflegeheim, in dem meine Oma sich befand, veranstaltete nämlich am Samstag einen Betriebsausflug und in dieser Zeit wurden die Verwandten gebeten, sich um ihren dortigen Anhang zu kümmern. So weit, so gut.

Doch wie sich kurz nach meiner Ankunft dort herausstellte, hatte die Heimleitung sich ebenfalls aus Dankbarkeit erkenntlich zeigen wollen und uns, also Heimbewohner mit Anhang, im Gegenzug zu einer Busfahrt eingeladen. Davon hatte ich allerdings nichts gewusst.

Nun muss ich neben Oma im Bus sitzen, unterwegs zu einer Mehrzweckhalle in Castrop-Rauxel. Und wir fahren zur Aufzeichnung des „Festivals der Volksmusik”. Ich hasse meinen Vater dafür.

Der Heimfriseur hat anscheinend gestern alle Arbeit geleistet und die Busgesellschaft tat gut daran, die Fenster ihres Fahrzeugs getönt zu haben, ansonsten würde der übrige Verkehr durch diesen glänzenden, übergroßen Silberfisch mit Sicherheit stark irritiert. Die Augen des dunklen Fahrers blitzen aber im Rückspiegel beunruhigend wissend.

Der alte Herr Brettschneider vor uns, der stets vorgibt, einstmals in einem deutschen U-Boot gegen die spanische Armada gekämpft zu haben, stimmt inzwischen Lieder zum Mitsingen an. „Wir lagen vor Madagaskar und hatten die Pest an Bord” und die Senioren singen tatsächlich alle mit.

Oma Trude hat mir ein gekochtes Ei vom Frühstückstisch geklaut und ich werde nun solange wie möglich angestrengt darauf herumlutschen, um nicht mitsingen zu müssen.

Die Enkelin von Herrn Brettschneider lächelt mich gequält an, sie wusste offenbar auch von nichts. Wir stoßen mit unseren Eiern an.

„Nadine”, stellt sie sich mir vor, „Rouven”; sage ich.

Zwei Stunden darauf sitzen wir schon in der Mehrzweckhalle der Hölle, auf Plastikstühlen, die mit Plastikblumen dekoriert wurden, Herrn Brettschneider und Nadine gegenüber. Wir sehen uns einen hoppsenden, kleinen Mann an, der eine ähnlich blonde Tolle besitzt wie der zu erwartende Moderator und Dinge wie „Lustig samma” von sich lässt. Ich muss meiner Oma mehrfach erklären, doch sie will mir nie glauben, dass es sich hierbei nicht um den erwarteten Herrn Moderator, sondern um einen Animateuren handelt. Ich spüre früh, dass mich meine Kräfte verlassen werden und wie die Funken zwischen meinen Synapsen laufend kärglicher sprühen.

Die Show startet gnadenlos mit einem älteren Pärchen, das der Kleidung nach aus Bayern stammen muss und etwas von „Fröhlichkeit” singt, oder zumindest vorgibt zu singen. Der Ton aus den Lautsprechern kommt aber aus den tiefsten Tiefen der Unterwelt. Ich weiß das, ich muss mir immer vor Schmerz an die Schläfen fassen, wenn das passiert.

Je später es wird, desto zermürbter gestaltet sich mein Nervenkostüm. Die Herrschaften um uns herum bewegen sich im Wellengang zu Liedern von irgendwelchen Fichten-Buben-Höhners und wirken vom Playback wie paralysiert. Meine Oma beginnt mit ihren Gefährten plötzlich im erbarmungslosen 4/4-Takt zu applaudieren. Das alles hier wird mir trotz meiner allmählich angeschlagenen Sinne endgültig unheimlich, als zwei dicke Menschen ein unvermeidliches Lied von sich geben. Es handelt offenbar von einer Frau, die von ihnen als Herz, noch dazu verniedlicht, bezeichnet wird. Der Druck in meinem Schädel nimmt zu, eine kleine Migräne kann das nicht mehr sein. Mir ist, als würde mein Gehirn hart an die Innenwand meines Schädels gedrückt werden, bis beinahe nichts mehr darin Platz findet, nicht einmal Haarwurzeln. Deshalb also wachsen meine Haare schlagartig so schnell.

Neben mir lächelt Oma Trude selig auf das apokalyptische Geschehen vor ihren Augen. Aus ihr und den anderen Senioren weicht allmählich jegliches Zeichen von Leben.

Oma Trude! Alles in Ordnung bei Dir?” frage ich laut gegen die letzten Pauken und Trompeten, doch Oma schaut mich nicht einmal an, schüttelt nur ganz leicht den Kopf, während der Moderator vorne einem kleinen, sechsjährigen Jungen in Lederhosen das Mikrofon in sein Gesicht steckt und um Symphatie anbiedert, ihm naive Fragen zum Verlauf der Sendung stellt. Ich frage mich, wer wohl hier der bosartigere Teufel ist? Der goldlockige Scharlatan oder die Eltern des Jungen, ihn hier in das Reich des Todes zu entführen.

Die Zeit kommt mir klebrig und zäh vor, während das Publikum wie gebannt auf den Tanz des Fernsehballets stiert. Das alles ist ein einziger Akt der Hypnose, und die Herrschaften schunkeln nicht einfach nur, sie bewegen sich lediglich gleichförmig zu den Klangwellen, die auf sie einströmen. Links-Rechts-Links-Rechts, exakt zu den Bässen der Tuba.

Meine Überlebensinstinkte falten mein Hirn automatisch langsam vor mein Innenohr, so dass ich nur noch wenig mitbekommen kann. Tiefe Töne dringen leider immer noch durch, vielleicht auch zum Glück, denn ich sehe mit einem Auge, wie Herr Brettschneider schwankend aufsteht, seine Arme in Richtung seiner Enkelin ausstreckt und ruft: „Gehirn, junges Gehirn!”

Vielleicht hätte ich eine solche Sendung einmal komplett ansehen sollen, statt immer nur darüber herzuzappen, dann hätte ich womöglich gewusst, was hier so geschieht. Später würde ich dazu meinen Vater befragen müssen, doch nun herrscht hier und jetzt Not am Mann. Oma streichelt meinen Kopf mittlerweile mit etwas mehr Kraft, als ich ihr jemals zugetraut hätte. Darüber hinaus schenkt sie mir unversehens wieder mehr Beachtung. Mit ihren blutroten Augen.

Das ganze Publikum befindet sich – momentan von Roger Whittaker begleitet – im Zombiewahn, der blonde Star des Abends entpuppt sich als Fürst der Finsternis, der die Massen anleitet. Gottlob kann man die schwache Rentnerschar ziemlich leicht in Schach halten. Wahrscheinlich wäre dafür nicht einmal das Plastikmobiliar vonnöten, sondern nur eine der Plastikblumen. Nur über den kleinen Jungen in Lederhosen stürzen sich vier, fünf Renter gleichzeitig und machen irgendetwas mit ihm, im Zweifelsfall in Stücke reißen. Doch bald steht er aus deren Mitte ziemlich blutig wieder auf. „Gottseidank, bloß untot.”

Zwei Meter vor mir schlägt sich Nadine recht wacker gegen fünf Rentner, die die dunkle Herrschaft Florian Silbereisens skandieren, und alles, was ich denken kann ist: Cool, ne Frau in Not.

Ich arbeite mich zu Nadine mit Händen und Füßen vor, ergreife ihren Arm und ziehe sie heraus. Wir schlagen gegen die wildgewordenen Geronto-Zombies die Flucht an, wofür wir uns nicht einmal anstrengen müssen, da man uns lediglich mit Gehstöcken und Rollatoren verfolgt.

Wir blicken nur kurz zurück und bemerken, dass der Abstand sich relativ leicht vergrößern lässt, haben Zeit genug, uns in die Augen zu sehen und ich weiß, dass wir dasselbe denken: Gibt es etwas dauerhafteres als Liebe, die in Extremsituationen entsteht?

Einen Tag später klingelt zuhause bei mir das Telefon. Ich stehe aus dem Bett auf, Nadine kann liegen bleiben. Mein Vater ist dran und erzählt mir, dass die umherirrenden Senioren in der Innenstadt Castrop-Rauxels von der Polizei aufgelesen wurden.

„Und wo warst du?” will er von mir wissen.

„Ach, Papa, das ist ne lange Geschichte…,” sage ich und denke, dass der Beruf des Pflegers nicht gebührend genug bezahlt wird.

2 Kommentare

  1. little james schrieb:

    ich konnte mir das alles ganz genau bildlich vorstellen. die stühle in der mehrzweckhalle sind grau oder blau :)

    Donnerstag, 10. April 2008 um 11:51 | Permalink
  2. Kathrin E. schrieb:

    war lustig gestern *g

    Donnerstag, 10. April 2008 um 22:14 | Permalink

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