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Rechtskonservative Wahrheitsbildung

Da kommt also ein CDU-Bundesvorstandsmitglied, zugleich Vorsitzender des CDU-Studentenverbands RCDS, daher und schlägt allen Ernstes die Wiedereinführung des Zensuswahlrechts ein, um den Stimmen der „Leistungsträger“ in Deutschland wieder mehr Gewicht zu verleihen. Die Stimmen der „wertvollen Bevölkerungsmitglieder“ – also derjenigen, die arbeiten – sollen doppelt soviel zählen wie diejenigen der „nicht wertvollen“, wozu er Rentner und Arbeitslose zählt.

Der Oeffinger Freidenker kommentiert diesen, mit der Verfassung nicht zu vereinbarenden (Art. 3 GG) Vorschlag wie folgt überspitzt: „Arbeitslose und Rentner: wann kommen die ersten Euthanasievorschläge?“

Mit seiner Kritik befindet er sich mit einigen anderen Bloggern aber anscheinend in der Minderheit der medialen Landschaft, denn, oh Wunder, die etablierte (Online-) Presse, insbesondere natürlich die rechtskonservative, befinden diesen Vorschlag z.B. als „kühn“ (BILD), „originell“ (n-tv) oder allenfalls harmlos „absurd“ (Spiegel; alle Zitate via Spiegelfechter), ohne ihn oder die dahinterstehende Meinung von unterschiedlichen Werten von Menschen zu hinterfragen.

Solche Äußerungen, die Neigungen zu Zuständen zurück in Richtung Kaiserreich erkennen lassen, dürften nicht nur bloß milde belächelt, sondern müssten öffentlich scharf abgestraft werden.

Feynsinn sieht in dieser Unterlassung die Konstruktion einer politisch anderen „Wahrheit“, nicht nur an diesem, sondern an einem noch anderen Beispiel belegt. So befragte emnid im Auftrag der „Bild am Sonntag“ die deutsche Bevölkerung stichprobenartig danach, ob sie den Vorsitzenden der LINKEn, Oskar Lafontaine, und seine politischen Ziele für „eher gefährlich“ (Ergebnis: 39%), „eher ungefährlich“ (Ergebnis: 47%) oder ob sie sich nicht festlegen könnten (Ergebnis: 14%).
Meine eigene Ansicht einmal außen vor genommen, hagelte es infolgedessen fast einheitlich in den Überschriften „Viele Deutsche halten Lafontaine für gefährlich“, obwohl man genauso gut hätte argumentieren können, dass eben 61% das nicht tun.

Es geht weiter:

Darüberhinaus verbreitet die “Welt” die publizistiche Einheitsansicht, die Wahl zum Vorsitzenden, bei der Lafontaine “nur” 78,5 % der Stimmen bekam, sei ein “Dämpfer” und beten ihm die politische Bedeutungslosigkeit an den Hals. Niemand scheint auf die Idee zu kommen, daß eine Partei, die ihren Vorsitzenden nicht nur abnickt, erfreulich demokratisch sein könnte.

Man könnte tatsächlich zu der Ansicht gelangen, dass hier einige wenige, mit Macht ausgestattete, „tatsächlich im Schulterschluß mit ihnen genehmen Schreiberlingen [versuchen], eine andere Republik zu installieren.“

Es ist also Vorsicht geboten, wenn man die Zeitung aufschlägt. Zeitunglesen könnte Ihr Demokrativerständnis aus den Fugen bringen.

Mehr zum Thema:

Feynsinn – die Welt der Wahrheitsproduktion
Der Spiegelfechter – Die CDU, ein dummer Bengel und das Klassenwahlrecht
Oeffinger Freidenker – Auf in den Geldadel!
F!XMBR – Gottfried Ludewig, die CDU und die Menschen zweiter Klasse

2 Kommentare

  1. ben_ schrieb:

    Also deinen Relefx das auf’s heftigste zu verbieten kann ich verstehen. Aber ehrlich gesagt, ich halte sogar diesen Kommentar für zuviel Reaktion. Der Vorschlag ist weder ernstzunhemen, noch würde das Verfassungsgericht sowas je zulassen.

    Mal abgesehen davon, sollte es wenn, dann ja eine Stimme pro Hochschulabschluß geben. Wobei Bachelor nicht zählt. Das fordere ich ja schon seit Jahren. ;)

    Dienstag, 27. Mai 2008 um 9:49 | Permalink
  2. Rouven schrieb:

    ben_, ich kann mich bald nicht mehr länger still verhalten, wenn jemand mit derartigen Ideen daher kommt, sollten sie auch noch so lächerlich sein.

    Bekommen derlei Aussagen nämlich keine Gegenreaktionen, glauben deren Schöpfer womöglich eines Tages noch, sie könnten diese und andere tatsächlich in die Tat umsetzen, weil sich niemand wehrt. Oder weil es niemand gemerkt zu haben scheint.

    Dienstag, 27. Mai 2008 um 10:10 | Permalink

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