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Wie ich das Wort Leukocholie erfand

Pflichtschreibarbeiten können schnell mal qualitativ in die Hose geraten, wenn man sie mit minderer Motivation und Lust erledigt. Das habe ich mit der Ultimo bereits erlebt und jetzt droht die monatliche Kolumne, die ich für das Webportal einer Freundin schreibe, ebenfalls in den Orkus des Geschmacks zu geraten.

Die Krux des fiktional erzählenden Schreibers ist aber gerade dann besonders groß, wenn man sich auf der Suche nach Inspiration befindet, aber schlicht und ergreifend nichts erlebt. Zumindest nichts, was am Rande des eh’ alltäglichen Daseins derart speziell wäre, dass es über die Erwähnung hinaus zu weiterreichender Inspiration für einen längeren Text taugen würde.

Und das, der ewig gleiche Alltag, ist unter anderem einer der Gründe, weshalb ich hier seit Längerem lieber tolle Dinge von anderen Leuten präsentiere.

Immerhin: Was Slamtexte anbelangt, bin ich mittlerweile dazu übergegangen, aus Mücken Elefanten zu machen und darüber hinaus heillos zu übertreiben: Ist zum Beispiel die Dusche kaputt, erblickt plötzlich Captain Love das Tageslicht.

Das Wesen der Kolumne und seine offene, thematische Gestaltung bringt allerdings den Verfasser in arge Bedrängnis, eben weil es ihm so viele Freiheiten gestattet. “Schreib doch einfach, was dir gerade so durch den Kopf geht,” heißt es dann vorschnell, da die Forderung gar nicht erahnt, welche Bürde man dem Kopf damit auferlegt. Wie? Was ich in diesem Moment denke? Was ich mir morgen zu Essen mache? Wieso es schon wieder so spät ist und das Word-Dokument vor mir immer noch weiß (großes Gähnen bei allen Lesern)?

Zwischenzeitig befragte ich vier gleichzeitig bei ICQ Kontakte, sie mögen mir doch bitte einmal schnell das erste Wort nennen, das ihnen einfiel, um daraus eine selbst auferlegte Hausaufgabe zu konstruieren. Das Ergebnis liest sich einfach: Kühlschrank, Muskelkater, nüchtern, Melancholie.

Doch einfach, so ausgestattet, und mit direkten, echten Eindrücken wild loslegen endet meistens im Irrsinn. Soll ich das mal vorführen? O.K.:

Da ist sie wieder, die Fliege in unserer Küche. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob es sie selbst ist oder einer ihrer Freunde, die mir in den letzten, wärmer gewordenen Tagen so oft begegnen. Freund trifft’s übrigens ziemlich gut. Aus dem Biologie-Unterricht kann ich mich noch an ihren Namen erinnern: Drosophila melanogaster. Drosophila, die Freundin des Taus, mit dem schwarzen Bauch. Melano steht für griechisches Schwarz, wie in Melancholie, der “Schwarzgalligkeit”.

Drosophila hat heute anscheinend keine Lust auf Tau oder Gensequenzen, sie fliegt direkt in den Spalt, den der Topfdeckel auf dem Herd für die Nudelsauce zum Atmen übrig gelassen hat. Bologneser Art avec die Drosophila obendrauf. Womöglich wurde sie durch die Dunstperlen unter dem gläsernen Deckel getäuscht, irgendwoher muss der Taubezug schließlich stammen und seine Affinität dazu. Die arme Fliege macht aber Bekanntschaft mit der Bindekraft von Knorrfix, und das ausgerechnet in dem Moment, in dem ich Hunger bekommen hatte. Weshalb sonst sollte ich mich auch in der Küche aufhalten?

Mir bleibt jetzt nur noch die Wahl: Entweder entsorge ich sofort die Sauce oder aber, ja, oder ich ziehe meinen Gaumenzapfen ein, stelle auf Durchzug und unterdrücke jeglichen Würgereflex.

Ich denke noch kurz daran, wie oft mir unerwünschter Besuch in meinen Mahlzeiten untergekommen sein könnte. Seit ich den Kühlschrank nach der letzten Stromrechnung voreilig aussortierte, alleine auf die Straße bugsierte und ich noch drei Tage lang danach unter Muskelkater litt, seitdem verspeiste ich alle Einkäufe direkt binnen zweier Tage und dürfte so einige unliebsame Einlagen auf meinem Teller gehabt haben, ohne davon zu wissen. Ich beginne, die kühlende Weißware zu vermissen. Mir wird weißgallig, leukocholisch zumute.

Doch was bleibt mir übrig? Der Magen macht sich zu deutlich bemerkbar, als dass ich noch einen Gang in den nächsten Supermarkt auf- und weitere Stunden mit der Zubereitung verbringen möchte. In Äthopien, sagten meine Eltern, da essen sie sogar Heuschrecken und andere Insekten. Wenn wir Kinder neidisch auf Klassenkameraden waren, weil sie mit ihren Eltern weit weg verreisten, pflegte meine Mutter zu kontern: “Dafür essen die aber auch ein Schnitzel weniger.”

Schnitzel. Hmmm. So nüchtern betrachtet, würde es am Besten es sein, ich schlösse meine Augen und durch. Was ich dann aber tatsächlich getan habe, das überlasse ich Eurer Phantasie.

Das hat man nun davon, wenn man mich drängt. Aber so seid Ihr mal an der Entstehung von so etwas unmittelbar beteiligt.

4 Kommentare

  1. Lampe schrieb:

    Wie wäre es mit einer Identitätskriese (bin ich Fliege oder Mensch?) wenn der hungernde 3-Liter-Autor vor der Bolognese steht und die Fliege betrachtet… à la Strauß. ;-)

    Dienstag, 1. Juli 2008 um 14:12 | Permalink
  2. Rouven schrieb:

    Hat der etwa mal so einen ähnlichen Text gebracht?

    Dienstag, 1. Juli 2008 um 14:26 | Permalink
  3. Lampe schrieb:

    Nein… aber… man traut es ihm zu, oder? ;-)

    Mittwoch, 2. Juli 2008 um 10:47 | Permalink
  4. Rouven schrieb:

    Mir etwa nicht? ;-)

    Mittwoch, 2. Juli 2008 um 11:11 | Permalink

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