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Selbstgespräche

Selbstgespräche führt man in der Regel dann, wenn man vor heiklen Problemen steht. Inmitten der Entwicklung von Lösungsstrategien, die nicht gewohnt sind, sprudeln aus dem Individuum unvermittelt und vorbewusst plötzlich Wörter bis hin zu ganzen Sätzen.

Im Film von André Erkau geschieht es keinem einzigen seiner Charaktere, plötzlich unbedarft und verbal mit sich selbst zu reden. Man wäre dennoch unaufmerksam, würde man behaupten, sie besäßen keine inneren Konflikte: Sascha redet sich den unmittelbar bevorstehenden Durchbruch als Fernsehmoderator ein, Marie hofft auf eine Stelle als technische Zeichnerin, Teamleiter Richard geht ganz in seinem Beruf auf und in seiner Ehe unter. Topverkäufer Adrian kann leider nur auf die Distanz kommunizieren, den Blick in die Augen einer Frau meidet er.

Diese und andere Menschen treffen sich im Call-Center der Firma D.O.M. Call, einer fensterlosen und grau gestrichenen Matrix, in die sich die Mitarbeiter einklinken, dabei die Außenwelt ausblenden und vergessen (sollen). „Es ist nur ein Übergang,“ sagt Sascha mehrfach gegenüber seiner Freundin, die sich in freudiger Erwartung befindet. Das Call-Center ist selbst kein Platz von Leuten mit dauerhaften Aussichten, es ist eine Station der Hoffenden, in der die Zeit und der Raum verschwimmt. Insofern kann man Erkaus’ Darstellung des Telefonbetriebs als eine Allegorie der Stagnation verstehen. Hätte man die grauen Firmenräume in die frühen Achtziger Jahre Helmut Kohls verlegt, es wunderte niemanden, wenn sie noch heute genau so existierten, würden nicht die verkauften DSL-Angebote an ein aktuelles Phänomen gemahnen.

Das Call-Center als Ort der hoffenden Menschen mit Ambitionen zu produktiveren und kreativeren Tätigkeiten ist hier aber ersetzbar mit vielen anderen Nischen der Übergänge. Marie mit ihren Bewerbungstelefonaten, Sascha mit seinen Ausbruchsversuchen gen Fernsehen, Richard scheitert zuhause und erscheint versehentlich sonntags auf der Arbeit. Der Ausbruch, das Fortschwimmen von dieser Gilligans Insel fällt schwer.

Lediglich Marie gelingt die Überfahrt an rettende Ufer, und Adrian findet in die Arme einer Frau, auch, wenn er das alleine nie bewerkstelligt hätte. Derlei Abrundungen sind allerdings für einen Film unerlässlich. Da muss am Ende noch was kommen. Sonst geht ja keiner rein.

„Selbstgespräche“ ist streng genommen keine Komödie, sondern aus den genannten Gründen eher ein gesellschaftliches Drama. Mitarbeiter der Branche können dem Film dennoch ob der Wiedererkennungseffekte vieler Situationen Amüsantes abgewinnen. Erkau selbst soll während seines Studiums in einem Call-Center gearbeitet haben und so sind ihm die ewig gleichen Motivationssprüche, Drohungen von Auftragsentzug bei Nichterfüllung von Quoten etc. pp. hinlänglich bekannt.

Sehr schön übrigens: Der Cameo-Auftritt Günter Wallraffs!

Infos:

Imdb
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