Identity
Geschrieben am 2 September 2008
Soeben befand ich mich auf der Lesung von Sitzen73. Volles Haus, super Texte, laute Handys, nette Leute, attraktive Frauen. Alles da, was die Lesung braucht. Sacha hat dabei einen Text vorgetragen, in dem er erzählte, wie eine Frau sich sehr beleidigt von einem anderen seiner Beiträge gezeigt hatte. Er hatte offenbar vor einiger Zeit von einem Aufenthalt in New York berichtet, woraufhin besagte Dame im Anschluss an die Lesung ganz begeistert mit ihm über die Erlebnisse in dem von ihr geliebten Big Apple sprechen wollte. Als er ihr eröffnete, nie dort gewesen zu sein, sei sie völlig enttäuscht und sogar grob geworden. Wie es ihm denn einfiele, etwas nie Geschehenes zu erzählen.
Ähnlich ging es mir erst vorgestern, als ich mich mit einer Freundin an einen Tisch auf dem Siggi setzte und mir bis dato unbekannte Bekannte der Freundin sagten, sie kennen mich vom Poetry Slam und fragten, woher ich die Inhalte meiner Texte nähme und sie mir unterstellten, diese Sachen, von denen ich da immer rede, selbst erlebt zu haben. Die Krux in einer solchen Situation ist: Da kann man sagen, was man will, dir wird eh’ nicht geglaubt, dass du das alles erfunden hast. Als würde Phantasievermögen generell skeptisch betrachtet werden.
Im Grunde siehts nämlich so aus, dass sowohl Sacha (vermute ich) als auch ich und andere Leute Themen wählen, von denen wir denken, dass das Publikum sie uns abkaufen würde. Die Wirkung im Moment des Vortrags zählt. Wir können jetzt, an dieser Stelle, auf der Bühne, kein hochgestochenes Zeugs von uns lassen, wir wollen schließlich unterhalten. Was böte sich da besser an als peinliche Situationen und ein etwas abwegiger Alltag, für den unser wahres Leben viel zu langweilig ist, als es darüber zu berichten wert wäre? Es gibt zwar stets eine Inspiration, aber die kann manchmal ein derart kleiner Funken sein, dass der Rest des Textes so rein gar nichts mehr mit der Realität zu tun hat.
Gelegentlich, wenn ich nach einem Vortrag wieder die Frage zu hören bekomme, was daran denn jetzt wahr sei, denke ich, ob der oder die Fragestellende nicht phantasiebegabt genug ist, mir ein bisschen mehr Gedankenkraft zu unterstellen. Nein, ich war nie mit einem Rehkitz zusammen, habe kein Festival der Volksmusik besucht und kämpfte auch nie mit einer Erektion in einer Sauna. Kinder hab ich auch nicht, die ich auf einem Spielplatz beaufsichtigen müsste und Captain Love existiert ebenso wenig ![]()
Ach, die Rolle, in die man schlüpft. Man kommt nicht aus ihr heraus. Die Erwartungshaltungs-Geister, die ich rief.
Dafür gibts jetzt noch ein paar der eindrucksvollsten Objekte, die jemals beim Kunstfestival Burning Man zu sehen waren (Link):



Das du bei der Frage nach dem Wahrheitsgehalt nicht verzweifelst? Suggeriert ja, dass die Hörer doch nicht so ganz erfasst haben, worum es dabei eigentlich geht, oder?
Als jemand, der zwar keine Geschichten einem Publikum vorträgt, aber im Grunde hält jeder Tag eine erzählbare Geschichte parat, wenn man mit geöffneten Augen durch die Welt geht. Diese muss nur wie ein gutes Mahl aufbereitet und hübsch serviert werden.
Du bist nicht Captain Love??? 0.o
Ich bin zutiefst enttäuscht! Wo finden wir jetzt den echten Captain Love?
@ @irsign und little james: Ich bin der einzige Mensch, der um seine wahre Identität weiß und nur über mich kann man Kontakt zu ihm herstellen.
Burning Man, das würde ich auch gerne mal live erleben.
@bateman: und ich erst. aber das wird wohl ein wunschtraum bleiben.