Seit geraumer Zeit bin ich dazu übergegangen, auch am Sonntag das Bedürfnis nach aktuellem Lesestoff zu befriedigen, indem ich mir eine tagesaktuelle Zeitung suche und kaufe: Ich empfinde es als äußerst angenehm, sonntagmorgens über den Frühstückstisch hinüber den Feuilletonteil gegen den der Politik zu tauschen und umgekehrt, dabei mit der Partnerin über gerade Gelesenes zu reflektieren. Buchstabentausch am Wochenende. Doch, wenn man etwas Aktuelles am Sonntag sucht, bleibt einem neben der BamS derzeit nur die F.A.S. übrig (das schien bereits hier und da durch).
Den konservativen Ruf, den die Frankfurter Allgemeine „genießt“, kann ich beim Durchblättern der beinahe ZEITstarken Sonntagsausgabe nicht voll und ganz bestätigen. Darüber hinaus sind hier die kulturellen Teile ganz hervorragend, ich wurde jedes Mal eine halbe Woche bis sogar zwei vor Erscheinen der ZEIT auf eine Ausstellung oder ein Buch hingewiesen.
Eine kleine Andeutung von Malte Welding hat mich aber aufmerken lassen, woher diese, für mich neu entdeckte Qualität der FAS stammen mag. Er schreibt zwar in erster Linie über die jüngst bekannt gewordenen Planungen zum Personalabbau bei der Sueddeutschen, dabei fallen aber die Sätze: „Was wir zur Zeit haben, das ist ja schon die abgespeckte Süddeutsche. Ohne Jetzt, ohne Berlin-Seite und ohne all die, die heute das Feuilleton der FAS füllen.“ Aha, die, die heute das Feuilleton der FAS füllen. Es gab anscheinend bereits einen Abwanderungsprozess an gutem Personal, von Baden-Württemberg hin zum Main. Worin dieser begründet gelegen haben mag, ist für mich hier und jetzt leider kaum überprüfbar. Wie auch?
Die aktuellen Ereignisse bei der Süddeutschen lassen aber einige Rigorosität oder zumindest einen hohen Druck seitens der Ressorts auf die Mitarbeiter vermuten. Thomas Knüwer vom Handelsblatt gelangte an die Kopie einer E-Mail eines SZ-Ressortleiters, die dieser an seine Mitarbeiter gesendet hatte. Darin wäre u.a. Folgendes zu lesen gewesen:
Wir müssen die Zahl der festen Mitarbeiter deutlich reduzieren. Dies betrifft gleichermaßen alle Ressorts. Aus Sicht des Verlags sind betriebsbedingte Kündigungen unausweichlich – es sei denn, die Redaktion findet einen anderen Weg, um den Personalabbau zu organisieren.
[...]
Klar muss dabei sein: Der Stellenabbau ist unvermeidlich.
Gelingt es der Redaktion nicht, diesen selber zu organisieren, wird der Verlag dies übernehmen – mit unabsehbaren Folgen für die Qualität des Blattes.
Die Einsparmaßnahmen sollen angeblich aus zurückgehenden Anzeigeeinnahmen resultieren. Nichtsdestotrotz wird hier deutlich, dass der Verlag im worst case scenario einen Rückgang der Qualität in Kauf nähme. Korrespondenten? Weg damit. Freie Autoren? Können wir selbst, mit weniger Leuten. Legt man Maltes genannten Worte auf die Goldwaage, so ist dies in der Vergangenheit bereits geschehen. Bloß, will ich diese künftigen dpa-Skelette dann noch lesen geschweige denn kaufen?
Fast ist darin eine Drohung zu lesen: Geht, oder das Blatt wird “unabsehbar” schlecht. Welch Paradox in dieser implizierten Forderung steckt, ist kaum einem Verleger bewusst.
Der verlegerische, ökonomische Gedanke sieht den Konsumenten in etwa wie folgt: Ein Leser, auch ich, besorgt sich Nachrichten auf dem kostengünstigstem Weg. Mittlerweile ist die Internetanbindung weitverbreitet. Nachrichtenagenturen wie Reuters sind inzwischen dazu übergegangen, ihr Angebot sogar komplett kostenlos zur Verfügung zu stellen, sofern es keine kommerzielle Nutzung zur Folge hat. Ein ökonomischer Trottel wäre ich, würde ich ein Abonnement einer Zeitung in Erwägung ziehen, wenn es mir lediglich um die Erlangung eben dieser eher global relevanten Nachrichten ginge.
Die Printlandschaft dünnt sich derzeit selbst qualitativ aus, wenn sie sich selbst in der Annäherung an den Massengeschmack sieht. Die vierte Gewalt, der professionelle Journalismus, demontiert allmählich selbst seine Aussagekraft, indem er an seiner Kompetenz sägt. Doch ich und andere wollen mehr als das, nicht nur die bloßen, kalten Fakten. Wir haben Fragen: Obamas Sieg können wir anhand der Zahlen auch so erkennen. Doch wie seht ihr das und vor allem wo und mit welchen Leuten? Eine kleine Frage als Beispiel.
SZ, FAS, ZEIT, das sind nunmehr Beispiele für überregionale Angebote, und als freier Mitarbeiter einer regionalen Tageszeitung dürfte ich mich eigentlich gar nicht einmischen. Dennoch bin ich Konsument der „großen“ Zeitungen und sehe eine ähnliche Gefahr wie Malte heraufziehen:
Bleibt als Tageszeitung noch die FAZ, zu der man als SZ-Leser aber schwerlich wechseln kann, und als Tischverzierer die Zeit.
Das ist verdammt wenig.
Die Formel zur Lösung des Problems erscheint mir so fürchterlich einfach, dass ich sie kaum auszusprechen wage: Es einfach im Besonderen zu probieren, mit höherer Qualität, statt diese abzubauen.
Und bitte noch ein paar mehr dicke Sonntagszeitungen auflegen. Ich will nicht eines Tages die BamS damit höher bewerten, nur, weil ich sie versehentlich mit Erdbeermarmelade bekleckere.
Links:
Thomas Knüwer (Handelsblatt) – Redaktion der “Süddeutschen Zeitung” an Geschäftsführung: Ihr habt keine Ahnung
Malte Welding (Spreeblick) – Die SZ kriecht ihrem Ende entgegen
4 Kommentare
claudius seidl, johanna adorján und stefan niggemeier, mehr fallen mir jetzt aus dem stand nicht ein. warum sie gewechselt sind, kann ich abe rnicht sagen.
Ich gebe zu meine Tageslieblingszeitung in den letzten Jahren stark vernachlässigt zu haben, aber das kann sie mir nicht antun!
“Es gab anscheinend bereits einen Abwanderungsprozess an gutem Personal, von Baden-Württemberg hin zum Main.”
Kommt die Süddeutsche nicht aus München?
@Fred: Tatsächlich, Du hast Recht. Ich war stets der Auffassung, sie käme aus BW. Sowas! Naja, am Leseprozess hat das nie Auswirkungen ;-)
Ein Trackback/Pingback
[...] die Krise allmählich in der Medienbranche angekommen ist, ist spätestens seit den Einsparungen bei der Süddeutschen, dem Schließen von Zoomer und der Redaktion des Zuenders von ZEIT Online kein Geheimnis [...]
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