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Bis(s) zur Rente

cactus-couch1Man wird ja nicht jünger. Das merke ich nicht erst seit den neuesten Erfahrungen. Im Bewusstsein, dass die Knochen, Muskeln (so denn vorhanden) und Sehnen mit stetig fortlaufendem Zeitstrahl drohen, immer schlaffer zu werden, hatte ich mich neulich hinreißen lassen, einem telefonischen Angebot einer Riesterrente nachzugeben. Das kommt davon, wenn das Umfeld überversichert ist: Man lässt sich irgendwann davon infizieren. Haftpflicht, Hausrat, Unfall, Leben, Zusatzkranken, -zahn und -brillen. Jetzt auch noch Rente.

50 Euro im Monat überweise ich an eine Gesellschaft, die – wie sie mir per Schreiben dann bescheinigte – ihren Gerichtsstand in Tuvalu besitzt. Der Nachteil aber war, dass mein regelmäßiger, vertraglich gesicherter Job sukzessive weniger einbringt. Der Nettotrend geht nach unten, und das bereits seit einem halben Jahr. Nach der letzten Lohnabrechnung stand mir beinahe die Flut in den Augen, doch ich besann mich schnell. Es musste einfach eine neue, weitere Einkommensquelle her.

Die örtlichen Anzeigenblätter hatte ich lange nicht durchforstet, so schien es mir. Es wurde viel Heimarbeit angeboten, Zeitarbeitsfirmen warben darin auch oft um neue Mitarbeiter. Jobs, wie ich sie aus meiner Studentenzeit kannte, Fahrer oder Verpacker, waren schwer bis gar nicht zu finden, und diese waren selbstverständlich, wie ich nach einem Telefonat herausfand, bereits von früher aufgestandenen Studenten besetzt.

Eine Anzeige, die eine Arbeit an der frischen Luft mit viel Ausgang versprach, sagte mir zu, ich rief an und bekam ein Vorstellungsgespräch.

Wenige Tage später fand ich mich in einem perfekt sitzenden, grauen Anzug wieder. Der Schneider hatte ganze Arbeit geleistet und ich selbst noch einige Stunden damit verbracht, mittels eines Wikipedia-Artikels und eines Spiegels den Windsorknoten zu üben. Meine dunkelblaue Weste wurde von einer kleinen Brosche verziert und derart ausgestattet, streunte ich um die Wohnblocks der Studentenheime.

„Dort sind die Erfolgschancen am besten“, hatte mein neuer Chef gesagt. Und ich sollte mich vornehmlich an die ganz jungen Dinger heranmachen. Er fügte noch hinzu: „Bei denen, die ganz bieder aussehen, brauchst du dich wahrscheinlich gar nicht einmal sonderlich anstrengen. Oder Emo-Gören, die gehen auch.“

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Den Zugang zu den Wohnblocks besorgte ich mir, indem ich einfach alle Klingeln auf einmal am Haupteingang drückte. Irgendjemand betätigte schon den Türöffner, ich trat ein und ignorierte das Stimmengewirr aus dem Lautsprecher mit all den Fragen, wer denn da sei.
Dann nahm ich mir jede Etage vor, von oben nach unten, jede einzelne Tür. Oft wurde ich harsch abgewiesen, die Türen gleich wieder vor meiner Nase zugeknallt, kaum, dass ich mein Anliegen überhaupt vorbringen konnte.

Beinahe wollte ich es aufgeben, zumal die Männerquote in diesem Gebäude sehr hoch zu sein schien. Am Ende eines Flures erblickte ich aber dann eine bebrillte Gestalt, die durch einen Türspalt lugte. Sie ermöglichte einen besseren Eindruck auf sich, indem sie den Spalt weitete, und zum Vorschein kam eine hagere, brünette Person, offenbar weiblich, aber ihre Rundungen geschickt unter einem weiten, grauen Pullover versteckt. Ihre Jeans ließ ebenfalls keinen Schluss auf Kurven zu, lediglich das Gesicht, eingerahmt von langen Strähnen, weckte Erinnerungen an Nana Mouskouri und demzufolge an eine Frau.

„Ja, bitte?“ piepste es aus ihr hervor.

„Well“, begann ich und mich gleichzeitig zu räuspern. Ich stellte mich ihr mit meiner neuen Identität namens „Steve“ vor und fragte, ob sie den Film „Bis(s) zum Morgengrauen“ gesehen habe. Verzückt leuchteten ihre Augen hinter der Brille auf, als ich auch noch den Namen des Hauptdarstellers erwähnte.
„Ja, allerdings“, bestätigte sie. Meine Hoffnungen auf den monatlichen Beitrag zu meiner Riesterrente keimten wieder auf. Errötend fügte sie hinzu: „Sie sehen ihm tatsächlich sogar etwas ähnlich.“ Diese Beurteilung verdankte ich wahrscheinlich dem Umstand, dass ich die halbe Nacht damit zugebracht hatte, einen amerikanischen Akzent einzustudieren.

Ich erzählte ihr, dass ich auf der Durchreise sei und mein Geld damit verdiene, eben diese Romane zu verkaufen. “Ach, wissen sie, die habe ich allesamt schon gelesen”, wiegelte sie ab. Ihr Blick fiel auf meine Brosche, dann wieder in meine Augen und sie fragte mich: “Wollen sie einmal sehen?”
Überraschend für mich bat sie mich in ihre Studentenwohnung, bot mir einen Kaffee an, und nach einem kurzen Moment des Überlegens willigte ich ein. Wer den Dämon in sein Haus lässt, ist ihm ausgeliefert.

Tatsächlich lag auf ihrem Schreibtisch der vierte Band der Vampirgeschichten, mit kleinen, gelben Zetteln zwischen den Seiten und mit Notizen auf den aufgeschlagenen Seiten übersät. Der Anschein deutete für mich auf eine übereifrige Studentin hin, die sich fasziniert von dem Zwang des Zölibats in diesen Romanen zeigte. Sie sei Anglistikstudentin, erzählte sie, nachdem sie sich mit dem Namen Ekaterina vorgestellt und mir einen schnell gefertigten Instantkaffee gereicht hatte.

An dieser Stelle hätte ich zum zweiten Punkt der irrwitzigen Geschäftsstrategie übergehen sollen, nämlich meinen “Opfern” von dem Abonnement der Mormonenzeitschrift erzählen sollen, für dessen Vertrieb mein neuer Chef eine aberwitzige Summe von der Sekte einstrich. Von Treue und ewiger Liebe zu Jesu Christi hätte ich einen kleinen Exkurs von mir lassen sollen, bevor ich ich ein Exemplar hervorgezogen hätte.

Ekaterina nahm ihre Brille ab, legte sie neben das Buch und sah mich an. Erst jetzt bemerkte ich ein Paar tiefer, dunkler Augen, und die Gedanken dahinter vermochte ich nicht mit größten Anstrengungen zu deuten. Sie blickte erneut auf das Symbol auf meiner Weste und fragte mich entwaffnend schnell: “Und was soll das da?”

Während dieses merkwürdigen Spiels in ihrem Zimmer, an ihrem Schreibtisch hatte ich vorab bereits die Geschäftsstrategie auf ihren Sinn hin hinterfragt, meine Pläne schlagartig überdacht und ein ganz neues Ziel gefasst: Ich wollte die Weiblichkeit dieser dunklen Frau erkunden.

Dazu kam es schneller, als ich mir erträumen konnte. Sie erfasste meine auf dem Schreibtisch ruhende Hand und gab mir einen Kuss. Ihr Bett stand im gleichen Zimmer.

Der Begriff „Missionarsstellung“ bekam eine völlig neue Bedeutung. Einem Inkubus gleich pflanzte ich Ekaterina die Saat des Bösen ein, und wie ich ihren Lauten nach vernahm, gefiel es ihr. Wir konnten bis zum Morgengrauen nicht voneinander lassen.

Als der erste Sonnenschein durch die Lamellenblätter ihrer Jealousien schien, wurde ich wieder zum Mensch. Ich betrachtete unsere Körper und die Bissspuren darauf rührten von ganz normalen Kiefern, ohne überdimensionale Eckzähne. Ekaterina giggelte noch vergnügt im Halbschlaf vor sich hin.
Mir war, als hätte ich ihr über Nacht mindestens dämonische Drillinge eingepflanzt. Sie sollte liegen bleiben.

Ich stand auf, zog mich an, entfernte das kleine Kruzifix von meiner Weste und warf es in den Papierkorb. Mein Entschluss stand fest, gleich würde ich diesen sinnlosen Job kündigen und einen neuen Plan für meine Altersvorsorge verfolgen. Ich würde nicht eher ruhen, bis ich einen Staat wie Tuvalu mit meinen Nachkommen bevölkern konnte.

(Foto, via)

8 Kommentare

  1. Lampe schrieb:

    Slam this! Geil.

    Freitag, 13. März 2009 um 15:23 | Permalink
  2. Rouven schrieb:

    Den Teufel werd’ ich tun. Viel zu ruhig.

    Freitag, 13. März 2009 um 16:18 | Permalink
  3. Mischa schrieb:

    Carlsen bedankt sich für das virale marketing :)

    Freitag, 13. März 2009 um 17:03 | Permalink
  4. Rouven schrieb:

    @mischa: Ich hab’s geahnt, dass sowas kommt ;-)

    Freitag, 13. März 2009 um 18:19 | Permalink
  5. Mischa schrieb:

    Na, du provozierst es auch nicht unwesentlich. ;)

    Freitag, 13. März 2009 um 18:55 | Permalink
  6. Rouven schrieb:

    @mischa: Carlsen war mir in diesem Fall eigentlich ziemlich – mit Verlaub – schnurzpiep.

    Samstag, 14. März 2009 um 18:26 | Permalink
  7. Volker schrieb:

    Nur noch eine kleine Frage zum besseren Verständnis: Das Sofa auf den Bildern ist ihr Bettsofa?

    Sonntag, 15. März 2009 um 9:05 | Permalink
  8. Rouven schrieb:

    @volker: Ich hatte kurz überlegt, ob ich es “Nix mit Ausruhen!” oder so ähnlich nenne.

    Sonntag, 15. März 2009 um 18:13 | Permalink

Ein Trackback/Pingback

  1. Highlander Slam Bielefeld 2009 | killefit.net on Donnerstag, 16. Juli 2009 um 12:54

    [...] Denjenigen, den ich im Spiel um Platz 3 hervorgeholt habe, den gibt es bereits seit Längerem hier (in einer langen Version). Und den ersten stelle ich auch gleich einmal [...]

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