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Abt. Dinge, die man feiern muss

142887353_d5dc296795Heute: Bewerbungen

Der Verfasser dieser Zeilen vergisst selten zu betonen, dass er bereits über 30 ist und sich manchmal denkt: “Nein, kein abendländisches Ritual kann mich noch schocken oder überraschen, hier in meinen Breiten kenne ich mich aus!”
Und dann verbringt er einen Abend im Kreise von Akademikern und wird wieder mal eines Besseren belehrt. So sollte man annehmen, dass jemandem die Zusicherung einer Arbeitsstelle einen guten Grund für die Spendierung einer Runde Zitronenlimonade liefert. Was mir aber gänzlich neu erschien, war, dass schon die bloße Abgabe einer Bewerbung als Anlass zur Ausgelassenheit ausreichen kann. Noch einmal zur Verdeutlichung: Nicht die Zusage, sondern die Bewerbung wurde begossen. Die Grande Dame des Lehrstuhls bestätigte mehrfach, dass sich das so gehören sollte.

Ich erkläre mir diesen bereits vorab implizierten Erfolg der Bewerbung (es geht hier nicht um mich, sollte ich vielleicht dazu erwähnen) nur mit einer gehörigen Portion Vitamin B, der Aspirant hat sich womöglich im Vorfeld über lange Zeit als geeignet erwiesen und die schriftliche Fixierung des Stellenwunsches ist nur noch eine reine Formalität. Somit musste er sicherlich auch nicht klassisch Bücher wälzen und zur Vorbereitung Seminare für Assessment Center belegen. Insofern wird sich dieser mir eigenartig erscheinende Brauch wohl kaum in der Bevölkerung durchsetzen, also dort, wo die persönlichen Verbindungen nicht derart gut gediehen sind. Wo verzweifelt nach Formulierungen für die 40-60 Schreiben gesucht wird, während die Konzentration unter den nebenbei flimmernden DSDS und Heidi Klum leidet.

Das erfolgreiche Verfassen eines solchen Schriftstücks kann allerdings selbst für denjenigen, der sich des Jobs gewiss ist, als eine Glanzleistung angesehen werden. Nicht umsonst gibt es Hilfestellung von den Arbeitsagenturen, eine ganze Branche ist hierfür aus dem Boden gestampft worden. Doch es wird wohl niemals ein eigenes, literarisches Genre daraus entstehen können.

Es kostet bereits ein enormes Maß an psychischer Überwindungskraft, so knarzende Sätze wie den folgenden überhaupt abzutippen:

“Sehr geehrte Damen und Herren,
hiermit bewerbe ich mich bei Ihnen um o.g. Stelle.”

Es wird sich kaum eine Sentenz finden lassen, die förmlich debilerer und duckmäuserischerer Art ist. Und doch wird man bei Bewerbungen stets diesem Satz begegnen. Lieber nicht in Versuchung geraten, die eigene Kreativität unter Beweis zu stellen, wenn man das Gegenüber nicht kennt.

“Sehr geehrter Suhrkamp-Verlag!
Ihr werdet mich lieben, versprochen. Darf ich einmal auf einen Besuch vorbeikommen? Ich wette, Ihr stellt mich nach einem Kennenlernen sofort ein.”

So etwas würde im Personalbüro höchstens eingerahmt aufgehängt werden, als Objekt der Belustigung. Wenigstens etwas, mag der ein oder andere sich denken, aber der gewünschte Erfolg bliebe mit Sicherheit aus. Dann doch lieber bei der “Hiermit bewerbe ich mich etc. pp.”-Gähnvariante bleiben, orthographisch korrekt und kaisertreu. Abweichungen hiervon könnten schließlich nicht nur an der Bürowand, sondern auch ins Internet gelangen wie diese interessante Variante hier.

Resigniert müssen wir uns also der Linie fügen. Und nach diesen Anstrengungen, einigen unter Schweiß und Gedankenkraft geformten Worten über die Geeignetheit und das Interesse für die neue Stelle darf man sich durchaus eine Brause öffnen, das sehe ich nun ein. Die Abgabe der Bewerbung selbst darf zelebriert werden.

Dieses Hochgefühl lässt sich aber noch steigern, nämlich indem man eine Bewerbung wieder zurückzieht, allein um des Gesichtsausdrucks des Personalentscheiders Willen. In einer solchen Position muss man sich allerdings erst einmal befinden.

(Foto: cell105, Lizenz)

5 Kommentare

  1. ABSOLVENTA schrieb:

    Das wäre doch aber mal eine nette Idee, Anschreiben als eine eigenständige literarische Gattung zu untersuchen. Die Literaturwissenschaft freut sich…

    Freitag, 20. März 2009 um 12:45 | Permalink
  2. Fred schrieb:

    Naja, mit der freien Gestaltung einer Bewerbung ist das so eine Sache: Wenn jemand sich bei einer Bank bewirbt, wird das Gegenüber schon Seriösität erwarten — auch wenn sich das in Gähn-Formulierungen manifestiert. Auch bei anderen Positionen könnte eine entspanntere Wortwahl — möglicherweise zu Unrecht — als Unfähigkeit interpretiert werden, sich formell ausdrücken zu können. Dann wird sowas schnell zum Eigentor.

    Einzig bei Berufen, in denen Kreativität quasi der Kern der Tätigkeit ist (jede Art von “Schreiber”, aber auch Grafiker, Musiker oder Schauspieler), dürfte sich eine gelungene Abweichung von der holprigen Standardbewerbung auszahlen.

    Das heißt freilich nicht, dass nicht auch “Otto Normalverbraucher”s Bewerbungen leicht zu lesen und stilistisch ansprechend sein dürfen. Die “freie Wahl der Form” bleibt aber einigen wenigen vorbehalten.

    Freitag, 20. März 2009 um 16:41 | Permalink
  3. Volker schrieb:

    Wenn Gähn-Formulierungen in Bewerbungen hier und da “Pflicht” sind, dann stellt sich doch die Frage: Sitzen bei diesen Arbeitgebern nur Gähn-Menschen?

    Samstag, 21. März 2009 um 7:14 | Permalink
  4. Fred schrieb:

    Das wäre quasi ein Korollar daraus, ja :)

    Samstag, 21. März 2009 um 10:08 | Permalink
  5. Rouven schrieb:

    @Fred und Volker: So einfach kann’s manchmal sein (auf’s Korollar bezogen).

    Sonntag, 22. März 2009 um 0:37 | Permalink

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