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Außerhalb der Eselsecke

2811801103_0d59c2d409 Im Kindergarten war Sascha immer der Gruppenrowdie. Stets hat er die anderen Kinder der Marienkäfergruppe spaßeshalber geschlagen oder ihnen das beliebteste Spielzeug weggenommen. Obwohl ihn Fräulein Birgit immer wieder zurechtgewiesen hatte, schien ihn das nicht weiter zu stören und er fuhr mit seinen Gängeleien fort.

Meine Mutter vermutete dahinter eine schlechte Erziehung. Jedenfalls glaube ich jetzt, dass sie das meinte, wenn sie damals in dem Zusammenhang gesagt hatte, “Sachas Mama arbeitet bei Aldi am Regal” oder “Die treibt sich immer mit solchen Windhunden vom Dorf rum”. Mir selbst erschloss sich seinerzeit eine solche Korrelation nicht, und so war ich nicht nur betrübt, als Sascha mich eines Tages wegen meiner – in seinen Augen – merkwürdig aussehenden Schuhe aufzog, nein, ich genoss es sogar, später bei der Spielzeugvergabe eine Sekunde schneller als er an das rote Plastikauto zu gelangen.

Ab da war Holland in Not zwischen ihm und mir. Zum offenen Kriegsausbruch kam es aber dann doch nicht, da sich in der Marienkäfergruppe eine zarte Art von Zivilisation abzeichnete und sich die Masse vernunft- und angstbegabter Kinder miteinander und gegen den Störenfried verband. Sascha musste immer häufiger mit der Eselstüte auf dem Kopf in der Ecke stehen.

Der Sozialisierungsprozess hört aber nicht im Kindergarten auf. Ob in der Schule, in der Uni, im Beruf: Überall muss der Einzelne sich irgendwann einmal an anderen reiben, in der Regel und zum Glück nicht nur mit reiner Körperkraft. Möchte er keine willenlose Amöbe sein, muss er dann und wann eine eigene Meinung äußern und sich der Kritik aussetzen. Gerade in Bereichen, in denen auf Papier publiziert wird, wird dies aus dem Grunde getan, um eine Debatte oder eine Diskussion anzustoßen, nicht zuletzt deshalb, damit der Autor oder das Medium selbst im Gerede ist. Wo gehobelt wird, da fallen Späne. Viele vergessen das schnell wieder und können mit Kritik schlecht umgehen. Doch darum geht es im schriftlichen Betrieb per se. Nicht umsonst hält sich noch die Floskel von der schlechten Kritik, die besser ist als gar keine.

Damit muss man einfach leben können. In Blogs, in denen es den Lesern wie sonst nirgends um so leichter fällt, einen anonymen Kommentar abzugeben, ist die deutsche Mentalität, lieber zu bemängeln statt zu loben, ganz besonders auffällig beobachtbar. Für ein anderes Projekt bin ich schon ganz gespannt, wie sich das bemerkbar machen wird. Zum Glück zügelt sich der zivile Mensch in den meisten Fällen selbst. Anderenfalls denke ich mir im übertragenen Sinne “Viel Feind, viel Ehr'” und freue mich wie überall auf Resonanz. Reiben wir uns, aber bitte konstruktiv.

Sascha habe ich übrigens noch einmal, viel später im Vorbeigehen gesehen. Er fuhr mittlerweile einen Ascona, hatte also den Führerschein erlangt. Dazu gehören Prüfungen, er schien demnach in gewissen Punkten lernfähig geworden zu sein. Auf dem Beifahrersitz saß eine Freundin. Die wäre zwar nicht nach meinem Geschmack gewesen, aber das bewies immerhin, dass er ebenso soziale Kompetenzen erworben hatte.

Gottseidank können die Leute erwachsen werden. Wer will schon von sich hören, er würde sich wie im Kindergarten verhalten? Und wer katapultiert sich im Erwachsenenalter schon gerne selbst in die Eselsecke?

(Bild: AlphaTangoBravo, Lizenz)

3 Kommentare

  1. Brohm schrieb:

    witzig, dass du in dem satz “sachas mama arebitet bei aldi…” sacha ohne s geschieben hast. ;-)

    Freitag, 8. Mai 2009 um 10:00 | Permalink
  2. Brohm schrieb:

    sorry für die rechtschreibfehler. das ist ja schrecklich.

    Freitag, 8. Mai 2009 um 10:06 | Permalink
  3. Rouven schrieb:

    @Brohm: Ich konnte es trotz Rechtschreibfehlern aber noch verstehen. Und “Sacha ohne S” berichtige ich jetzt nicht mehr. Weil’s so schön ist ;-)

    Freitag, 8. Mai 2009 um 11:21 | Permalink

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