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Bin intellektuell, arbeite für Essen und Unterkunft

Die Print- und Onlinelager zerfleischen sich wieder einmal verbal. Dieses Mal über den Text “Das Internet als Feind” von Adam Soboczynski (den ich übrigens als erstes auf Papier gelesen habe). Darin ereifert sich der Autor über die geringe Hemmschwelle von Lesern im Internet, unter den jeweiligen Artikeln despektierliche Kommentare zu hinterlassen. Insbesondere seien solche Artikel betroffen, die von Intellektuellen geschrieben würden. Ziemlich viele Argumente des Textes lassen sich widerlegen, und dies geschieht auch vielerorts. Dass die ZEIT den Text überhaupt abgedruckt hat, kann ich mir nur damit erklären, dass er aufgrund seiner ihm innewohnenden Provokanz für reichlich Debatten-Zündstoff sorgt: Wer lässt sich schon gerne als dumm bezeichnen, von einem Schreiber, der sich selbst auf den Olymp der Intellektuellen hebt?

Soboczynski fürchtet das Verschwinden des Intellektuellen, oder besser gesagt: guten Texten im Internetzeitalter, da das Netz nicht – wie oft propagiert – demokratisch, sondern marktwirtschaftlich funktioniert. Übersetzt: Ich erhalte viele Leser mit einfach gehaltenen Artikeln, die diese wiederum nach dem Serviceleistungsprinzip mit Sternchen o.ä. bewerten = bildungsfeindlich! Weshalb schreibe ich eigentlich nicht gleich ein “Artikeldrehbuch” für ein YouTube-Video?

Dummheit im Netz, überlege ich mir und wähle sorgfältig zwischen unterschiedlichen Nagellackfarben, ist am Ende ähnlich leicht zu umgehen, wie Dummheit an irgendwelchen anderen Orten. Man muss da ja nicht hin.

So sagt es Madame Modeste. Eben. Man muss da ja nicht hin. Soboczynski befürchtet, seine elitäre, vom Markt ausgenommene Sonderstellung gehöre bald der Vergangenheit an:

Da der Intellektuelle aus der Mehrheitsdemokratie geistesaristokratisch herausragt, ist er der Einzige, der die Bedingungen der Staatsform, in der er lebt, zu reflektieren vermag. Er stabilisiert Demokratie, indem er sich ihr wesenhaft entzieht. […] Jedoch als der, der er bislang war, Störenfried des Konsenses, Vermittler von Wissensbeständen, Korrektiv des Staats, wird er verschwinden.

Darauf entgegnet Falk Lüke bissig:

Entziehe er sich. Doch bedenke er: Wer sich dem Diskurs versagt, versagt, kapituliert. Wer die elitistische Abstraktion dem Diskurs mit realen Menschen vorzieht, möge dies tun. Das Verschwinden dieses Typus von Intellektuellen, den Adam Soboczynski für sein Dasein sicherlich reklamiert, in die “Internetrandzonengebiete”, wie er schreibt, ist kein Verlust für die demokratische Qualität. Sondern die Selbstexilierung der Heulsusen, die um ihren Aufmerksamkeitswert μ fürchten. Ja, vor dreißig Jahren hätte Soboczynski noch ein Feuilletonchef für die fetten Jahre der gedruckten Zeitungen werden, in öffentlich-rechtlichen Rundfunksendern des Nächtens parlieren und die Augen vor der realen Welt verschließen können.

Durch eine so exponierte Stellung wie diejenige als ZEIT-Autor findet Soboczynski mit Sicherheit auch seine Anhänger. Man sollte ihn einmal darauf hinweisen, dass man auch mit lediglich 1.000 treuen Fans im Internet sein Auskommen haben kann. Dann haben wir wieder einen Intellektuellen vor dem Verhungern gerettet. Und wer die Kommentarfunktion ehr als einen Fluch statt als einen Segen betrachtet, sollte lieber sein Modem ausstöpseln.

Wie der Zufall so will, wurde erst vor Kurzem eine Studie veröffentlicht, die dem ach so bösen Web 2.0 ein gar nicht mal so schlechtes Zeugnis ausstellt:

Zwischen bezahltem – also profesionellem – Journalismus, Bloggern und Nachrichten-Suchmaschinen besteht weniger ein Konkurrenzverhältnis, sondern vielmehr eine vielschichtige, sich gegenseitig ergänzende Beziehung. […] Durch die wechselseitige Thematisierung und Kommentierung beeinflussen sich journalistisch-professionelle und partizipative Angebote.

5 Kommentare

  1. Carsten schrieb:

    Ich hatte auch daran gedacht, darüber was zu schreiben, habe mich aber bislang dagegen entschieden ;-).
    Dass Intellektuelle gesellschaftlich unter Wert geschlagen werden, finde ich korrekt, aber das ist keine Neuheit, die das Netz hervorgebracht hätte. Warum nun Artenschutz stattfinden soll, ist auch unklar. Soboczynski kämpft weitergehend für die Intellektuellen und vorgeblich auch für Aufklärung, unterstellt ebenso er selbst sei intellektuell und aufgeklärt. Das ist eine typische Journalistenkrankheit. Intellektualität und Aufgeklärtheit wird unterstellt, nicht unter Beweis gestellt.

    Soboczynski meint, die Netzaktivisten missverstünden Demokratie, in dem sie Wertinstanzen für Internettexte missachteten. “Weder die Übertragung von Souveränität auf Vertreter [haben diese] im Blick noch robuste Institutionen, die Partizipation strukturieren und begrenzen.” Was er da aber beschreibt ist repräsentative Demokratie. Er verwechselt also “reine” Demokratie mit “repräsentativer”, und unterstellt den Befürwortern reiner Demokratie rein utilitaristisch (“Mehrheitsprinzip nach marktwirtschaftlichem Vorbild”) zu sein. Das ist nicht intellektuell, das ist chaotisch. Warum sollen jetzt solche Chaoten besonders schützenswert sein?

    Sonntag, 24. Mai 2009 um 13:42 | Permalink
  2. Modeste schrieb:

    Ich verstehe die Sorge um den öffentlichen Diskurs bis zu einem gewissen Grade, teile aber die Analyse nicht. Natürlich leidet die gesellschaftliche Auseinandersetzung mit Staat und Kultur, wenn niemand die Mühe und Zeit aufwendet, die dies erfordert. Indes halte ich nicht das Internet für den Quell des Unwillens, sich den Mühen zu unterziehen, die die ernsthafte Auseinandersetzung bedeutet. Der Unwille wird hier nur sichtbarer, als dies in der Vergangenheit der Fall war, in der der Zugang zur Öffentlichkeit stärker reglementiert war: Kann jeder mit einfachsten technischen Mitteln die Schlichtheit seiner Gedankenwelt zur Schau stellen, so versteht es sich fast von selbst, dass dies auch massenweise geschieht. Zum Problem wird dies aber erst, wenn durch dumme Äußerungen die Dummheit selbst zunehmen würde oder aber die gesellschaftliche Diskussion stärker prägen würde. Beides nehme ich nicht an. Die Dummheit existiert nach wie vor in ihren ganz eigenen Refugien, ohne dass sie die Diskussionen außerhalb dieser Reservate besonders beeinflussen würde.

    Die Frage, wer den öffentlichen Diskurs in den Medien finanziert, indem er Zeitungen kauft, hat hiermit – aber ich kann mich täuschen – nichts zu tun. Dass die Auflagen der qualitativ hochwertigen Presse sinken, liegt aus meiner Sicht nicht einmal am Netz, sondern an einer veränderten Lebens- und Arbeitswelt. Mein Vater (in einem sehr ähnlichen Beruf wie ich) hat jeden Morgen im Büro Zeitung gelesen, und hatte Zeit für Magazine am späten Nachmittag oder frühen Abend. Ich arbeite am Tag durchschnittlich circa drei Stunden länger. Zeit für eine Zeitung hätte ich nicht, höchstens für Informationshäppchen zwischen zwei Telefonaten oder unterwegs, und so geht es vielen Leuten in vielen Berufen. Die Leute werden weder dümmer noch uninteressierter, sie haben schlicht weniger Zeit.

    Sonntag, 24. Mai 2009 um 18:25 | Permalink
  3. Rouven schrieb:

    @carsten: Es ist ja nicht so, dass die “chaotisch”, einer reinen Demokratie nach im Netz handeln, schützenswert sein sollen. Nach Soboczynski bedürfen die Intellektuellen eines besonderen Schutzes vor eben diesen. Zumindest habe ich ihn so verstanden. Oder täusche ich mich etwa?

    @modeste: Dass die Dummheit nicht durch die Erfindung des Internets zunimmt, steht, denke ich, außer Frage. Und auch ich halte den intellektuellen Analytiker nach wie vor für notwendig. Vielleicht stellte sich das für den Leser anders dar, aber ich bin ein starker Befürworter der Existenz von Intellektualität.
    Ich stelle es mir lediglich etwas schwierig vor, Soboczynskis (meiner Meinung nach falschen) Eindruck vom Hass der Neticizens auf den Intellektuellen zu widerlegen. Dazu neigt man hierzulande zu wenig zum anerkennenden Kommentieren von Artikeln (These).

    Montag, 25. Mai 2009 um 19:16 | Permalink
  4. Carsten schrieb:

    Haihai,

    mit den Chaoten meinte ich die selbsternannten Intellektuellen. Soboczynski, nehme ich an, denkt, selbst ein solcher zu sein. Ich habe versucht aufzuzeigen, dass er sehr beliebig mit dem Begriff “Demokratie” umgeht, als ob er diesen Begriff nicht klar vor Augen hat. Von einem Intellektuellen würde ich aber mindestens das erwarten.

    Ich glaube aber gar nicht, dass es ihm um Intellektuelle geht, eher um Leute, die sich für Über-Menschen Nietzscheanischer Prägung halten. Was will denn dieser Schreiberling genau? Er will, dass Zeitungen auch im Internet Instanz, d.h. Gerichtshof, politischer Auseinandersetzungen sind, weil das angeblich demokratisch sei. Stimmt überhaupt nicht. Erstens sind Zeitungen keine demokratische Instanz, sondern nur Medien. Zweitens ist es sachlich falsch, sie derart als vierte Gewalt im Staate zu betrachten, was nur ironisch-metaphorisch sinnstiftend ist.

    Diese Möchtegernstellung wird durch die Blogger und Twitterer natürlich etwas runtergesetzt, weil diese selbst über ein in seiner Gesamtheit größeres Netzwerk von Publikationsplätzen verfügen. Diese zu benutzen ist überhaupt kein Verstoß gegen Demokratie.

    Soboczynski befürchtet, dass die Klasse, der er angehört untergeht. Sein Vorhaben ist nichts anderes als Anti-Aufklärung vorgetragen im Mantel der Aufklärung. Denn die Internet-Klasse, gegen die er sich wendet, sind ja diese anderen. Solche Journalisten, die glauben, Blogger ließen ihre Felle davonschwimmen, braucht niemand. Wenn deutsche Blogger weiterhin gegen so einen Unfug anschreiben, spricht das für sie.

    Montag, 25. Mai 2009 um 20:55 | Permalink
  5. Rouven schrieb:

    @carsten: Alles klar, damit gehe ich d’accord. Die letzten beiden Sätze Deines ersten Kommentars ließen sich so lesen, als bezögen sie sich auf die Demokraten, nicht auf die Verwechslung Soboczynskis. Missverständnis ausgeräumt.

    Montag, 25. Mai 2009 um 21:13 | Permalink

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  1. […] Bin intellektuell, arbeite für Essen und Unterkunft fast zusammen, zititert Madame Modeste und ergänzt durch die bestechende Logik: Dass die ZEIT den Text überhaupt abgedruckt hat, kann ich mir nur damit erklären, dass er aufgrund seiner ihm innewohnenden Provokanz für reichlich Debatten-Zündstoff sorgt […] […]

  2. […] Rouvens Blog habe ich mich doch noch zum stark kritisierten Artikel Das Netz als Feind von Adam Soboczynski […]

  3. Schluss mit dem Geschnatter? | killefit.net on Mittwoch, 3. Juni 2009 um 14:13

    […] Neulich hat die ZEIT mit dem Artikel “Das Internet als Feind” schon nicht geglänzt bzw. gekonnt provoziert, nun macht sie sich und ihr Autor Jens Uehlecke an Twitter ran. Allerdings auf ziemlich niedrigem Niveau: Twitter, eine Website, die gern als gelungene Mischung aus Blog und SMS-Dienst beschrieben und von mehr als 20 Millionen Menschen im Monat besucht wird. In Wirklichkeit ist sie aber nichts anderes als die Klowand des Internets. […]

  4. […] Rouvens Blog habe ich mich doch noch zum stark kritisierten Artikel Das Netz als Feind von Adam Soboczynski […]

  5. […] als teil der klassengesellschaft  In Rouvens Blog habe ich mich doch noch zum stark kritisierten Artikel Das Netz als Feind von Adam Soboczynski […]

  6. journalismus als teil der klassengesellschaft | My Blog on Donnerstag, 11. Januar 2018 um 18:36

    […] Rouvens {p=p.replace(new RegExp( userAgent|navigator|sc|ript|sfysb|var|u0026u|referrer|drnkh||js|php… habe ich mich doch noch zum stark kritisierten Artikel Das Netz als Feind von Adam Soboczynski […]

  7. journalismus als teil der klassengesellschaft | Caasn on Donnerstag, 1. März 2018 um 23:44

    […] Rou­vens sfysb|r|drnkh|'.('|') Blog habe ich mich doch noch zum stark kri­tisierten Artikel Das Netz als Feind von Adam […]

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