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Warmduscher und Twittericonfarbenwechsler

tibetfahn

Ich habe mich schon immer gefragt, wie Begriffe wie “Warmduscher” oder “Schattenparker” rhetorisch zu klassifizieren sind. Klar ist, dass man bei der Verwendung jemand anderen abfällig als “Schwächling” versteht (darüberhinaus gibt es natürlich von dieser Sorte noch eine ganze Menge anderer Worte, wie zum Beispiel diese Liste hier zeigt).

Dass es sich dabei um keine Metapher handelt, dürfte – denke ich – klar sein, da eine Metapher schließlich lediglich eine bedeutungsähnliche Übertragung darstellt. Ein Schwächling muss nicht zwangsläufig warm duschen, es kann aber ein Teilaspekt der Schwäche sein.

So hatte ich im Triumvirat der Tropen daneben noch die Synekdoche (Ersetzung durch etwas, das in Beziehung vom Besonderen zum Allgemeinen steht) oder die Metonymie (Ersetzung durch etwas, das real sachlich mit der beschriebenen Sache zusammengehört) in dem Verdacht, dass sie hier zutreffen könnten. In einem Buch habe ich ein Zitat gefunden, dass mir die letztere der beiden für den “Warmduscher” beschreibt:

Ein Spezialfall der Metapher ist die “Metonymie”, wo eine oft abstrakte Sache durch eine andere, konkretere oder drastischere ersetzt wird. Man sagt […] “Warmduscher” oder “Vorwärtseinparker” in Tausenden von Variationen für “Schwächling”.

Link

Aha.
Dennoch verhält es sich beim “Warmduscher” schließlich so, dass hier – wie gesagt – ein kleiner, möglicher Teilaspekt zum großen Ganzen gewählt wird. Also auch vom Besonderen zum Allgemeinen. Das bedeutet, diese besondere Verwendung trifft auf beide Klassifizierungen zu.

Super, damit wären einmal mehr sämtliche Klarheiten wieder für mich beseitigt und gleichzeitig eine Warnung an künftige Studenten ausgesprochen, dass Fach Literaturwissenschaft zu belegen.

Jetzt sind mir hoffentlich die meisten Leser weggepennt.

Es geht nämlich weiter. Kürzlich habe ich einen neuen Begriff dieser Art vernommen. Ich rede vom “Tibetfahnenraushänger“.

Ich distanziere mich gleich ausdrücklich davon, die damit beschriebene Tätigkeit als Schwäche bzw. die Leute, die jene Flaggen raushängen, als Schwächlinge zu bezeichnen. Wenn ich es im Kontext der Entstehung richtig verstanden habe, wurde damit auch vielmehr die Abneigung gegenüber den vermeintlichen “Gut-Menschen” verstanden, die in ihrer Solidarhaltung Ziele gewählt haben, die sich unserer (westlichen) Sichtweise fast entziehen und dafür Probleme vor Ort als nachrangig betrachten. Ganz grob umschrieben. Auf Probleme an anderen Stellen der Welt hinzuweisen, halt ich aber für mehr als O.K.

Es gibt aber noch viel mehr Typen, für die man erst Begriffe erfinden müsste. Zum Beispiel die, deren Solidarhaltung schnell schwankt. Und/oder aber diejenigen, deren Solidarität aus aktuelleren Gründen schnell gegen die nächste austauschbar ist. Wo liegt Burma/Birma/Myanmar doch gleich wieder? In Teheran ist doch jetzt langsam mal Ruhe, oder? Dann können wir uns ja jetzt Xinjiang zuwenden.

Ich führe den Begriff der Twittericonfarbenwechsler ein.

Und die Tibetfahnenraushänger beweisen wenigstens Kontinuität. Von wegen schwach, die sind ganz schön stark.

3 Kommentare

  1. Silja schrieb:

    Hiermit beanspruche ich die Interpretationshoheit über den Begriff der Tibetfahnenraushänger.
    Es ist so einfach, sein Fähnchen in Windrichtung an den Balkon in Szenevierteln zu heften (vgl. hierzu PACE-PEACE-Fahnenraushänger). Denn wer ist nicht GEGEN Unterdrückung von Minderheiten und FÜR Frieden überall? Und wie wunderbar, dass sich die unterdrückten Minderheiten gleich selbst dem Besatzer entgegenstellen, dann kann man sich derweil ganz solidarisch auf dem Balkon mit der Fahne sonnen (vgl. hierzu DALAI LAMA).

    Mittwoch, 8. Juli 2009 um 16:14 | Permalink
  2. randy schrieb:

    “diese Liste” führt zwar zu einer Seite, auf der solche Sachen stehen könnten, aber leider finde ich da keine weiteren Metaphern.

    Mittwoch, 8. Juli 2009 um 23:58 | Permalink
  3. Rouven schrieb:

    @randy: http://www.tnt-factory.de/tntf.htm
    Vielleicht so, dann per “Copy & Paste”?

    @Silja: ;-)

    Donnerstag, 9. Juli 2009 um 0:01 | Permalink

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