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So stirbt das Abendblatt

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Zugegeben, eine gewisse Affinität zu Google-Produkten ist mir nicht abzusprechen. Neulich (desöfteren sogar) habe ich besonders viele Besucher hier bewirten dürfen, weil einige von ihnen über jene Suchmaschine ein paar Begriffe gesucht haben, die hier behandelt wurden. Den automatischen “Crawlern” von Google habe ich die Erlaubnis erteilt, auf diese Seiten zugreifen zu dürfen, um sie in ihren Suchergebnissen zu indexieren. Und zwar habe ich das mit einer Datei bewerkstelligt, die den Namen “robots.txt” trägt und auf dem Hauptverzeichnis dieser Domain liegt. Diese Datei weist zwei ganz simple Zeilen auf. Sie lauten:

User-agent: *
Disallow:

Nun gibt es seit Längerem eine Initiative von Verlagen, die in ihrer Gesamtheit der Meinung sind, die Firma Google könnte ihnen Schaden zufügen. Der Vorwurf beinhaltet im Tenor, die Suchmaschine aus Palo Alto würde Inhalte kopieren und unter dem kostenlosen Zugang würde der Qualitätsjournalismus leiden.

Das eigenartige an diesem Vorwurf ist aber, dass er komplett falsch ist, in der Öffentlichkeit aber immer noch als korrekt wahrgenommen wird. Zum Einen ist mir niemals, in meiner langjährigen Internetlaufbahn, ein ganzer Zeitungsartikel bei einer Googlesuche begegnet (hier könnte man einwenden: das sei mein persönlicher, subjektiver Eindruck. Vielleicht gibt es ja doch Ausnahmen davon). Und falls ich einen fand, dann wurde er lediglich angerissen und der Querverweis zum Ursprung angezeigt. Nach dem Klick durfte ich ihn mir dann komplett durchlesen, auf der jeweiligen Homepage.

Zum Anderen sind die Verlage selbst dafür verantwortlich, ihre Artikel kostenlos in’s Internet zu stellen und darauf zu hoffen, mit ein bisschen Werbung hier und da am Rande ein paar Euro verdienen zu können. Hartmut Ostrowski, der Bertelsmann-Vorstandsvorsitzende, meinte jüngst beim Mediatalk 09, dieser Schritt sei vielleicht ein Fehler gewesen. Pech gehabt, jetzt bieten nunmal alle kostenfrei an. Und es ist stark zu bezweifeln, dass zu Beginn des Internets auch wirklich alle Medienschaffenden im stillschweigenden Konsens bereit gewesen wären, Kostenbarrieren für Internetpräsenzen einzubauen.

Jetzt haben wir den Salat und den Verlagen geht es schlecht. Den zu Beginn erwähnten Vorwurf der Kopie begegnet Google elegant mit dem Argument, die europäischen Verleger, die sich in der “Hamburger Erklärung” gegen den Suchmaschinen-Konzern (bzw. “freiem Zugang”) zusammengeschlossen haben, könnten doch ebenfalls eine “robots.txt”-Datei einbauen.

In meiner obigen Ausführung habe ich erklärt, wie ich die Google-“Crawler” zum Durchsuchen und Indexieren “einlade”, sogar begünstige (bildlich gesprochen: “Huh, da wird mir Einlass gewährt. Das nehm ich sofort in die Suchlisten mit auf!”). Eine simple Abänderung von nur einem einzigen Zeichen schlösse diese dann aber komplett von den eigenen Internetseiten aus. Der Code, auf den Google in seinem Blog aufgrund der Verleger-Initiative explizit hinwies, lautet:

User-agent: *
Disallow: /

Dieser Punkt ist außerordentlich wichtig. Ich betone ihn nur deshalb, da ich weiß, dass in meinem Blog nicht nur die Code-Geeks und -Nerds vorbeigucken. Sagen wir mal: Wenn der Verlagsleiter nicht will, dass Google auf seine Internetseiten zugreift, dann muss er seinen Leuten nur die Anordnung geben, einen simplen “Slash”, einen Schrägstrich mehr, in ein “Onlinedokument” einzufügen. Dann werden die eigenen Seiten vollständig von Google ignoriert, nicht mehr aufgeführt bei den Suchergebnissen. Nicht im Anriss, ohne Link, nein: Mit Nicht-Beachtung wären dann zum Beispiel Zeitungen wie, hm, nehmen wir mal das Hamburger Abendblatt “belohnt”.

Das hätte dann aber auch zur Folge, dass die Angebote des Verlags nicht mehr über Google gefunden werden können. Und dadurch entgingen ihm wichtige Werbeeinnahmen, denn die werden über Besuche auf der eigenen Seite generiert. Kommt keiner vorbei, will dort auch niemand Werbung schalten.

Jedem halbwegs mit Augen und Ohren bedachten Menschen dürfte allerdings in der letzten Woche aufgefallen sein, dass zwei Springer-Blätter den Vorstoß um Bezahl-Artikel gewagt haben. Das Hamburger Abendblatt und die Berliner Morgenpost wollen Teile ihres Online-Angebots nur noch für Abonnenten zugänglich machen: Für 7,50 Euro im Monat. Die Argumente des Für und Wider sind vielfältig und kompliziert.

An einigen Orten macht man sich lustig darüber, dass die Artikel hinter der Bezahlschranke dennoch verfügbar sind, wenn man nach der Schlagzeile und dem Stichwort “Abendblatt” googelt (!). Ob es sich dabei um einen Fehler seitens der Abendblatt-Programmierer handelt oder um ein “First-Click-for-free”-Programm, bleibt letztlich egal. Thomas Knüwer hierzu: “Fakt ist: Es zahlen die Dummen und Bequemen – was nicht so bös gemeint ist, wie es klingt. Jeder von uns zahlt für Bequemlichkeiten.” Und mit etwas klitzekleinen Aufwand mehr lässt sich über einen User-Agent-Switcher (wie Thomas es bei ich-partizipiere.de beschreibt) dann sogar der komplette Bezahlteil kostenfrei und ohne Schranke lesen, wenn man als User den Googlebot eingibt. Denn deeer soll schließlich unbegrenzt Zugriff auf die Seite erhalten, um sie bei Google indizieren zu können. Einerseits über das böse Google schreien, aber andererseits dann auf Teufel komm raus nicht auf die Suchtreffer von dort verzichten wollen, sieht schon stark nach gespaltenen Zungen aus.

Matthias Döpfner, derzeitiger Springer-Geschäftsführer, bezeichnete jüngst unglücklich ausgedrückt, alle Forderungen danach, im Internet nur kostenlose Angebote zu offerieren, als “abstruse Fantasien von spätideologisch verirrten Web-Kommunisten”. Äußerst interessant ist an dieser Aussage, dass sie niemals von ernstzunehmenden Medienteilnehmern auch nur im Ansatz behauptet wurde.

Wer Bezahlinhalte im Netz durchsetzen möchte, muss schon äußerst exklusiven Content bieten können. So etwas funktioniert imho fast auschließlich im lokalen Bereich und/oder auf Themengebieten, auf denen es keine weiteren Mitbewerber gibt. Denn irgendjemand findet sich immer, der Nachrichten kostenlos im Internet anbieten und daneben Werbung schalten kann. Gerade bei Agenturmeldungen à la dpa, ddp etc. pp. kann der Konsument wechseln, wie er lustig ist. Hole ich sie mir nicht vom Abendblatt, hole ich sie mir eben woanders.

Ebenfalls lesenswert:
Stefan Niggemeier – Aussichtslos, selbstmörderisch, unverschämt
Too much information – Alle mal lachen über den Axel Springer Verlag (II)

Ein Kommentar

  1. Andreas schrieb:

    Den Tenor habe ich neulich auch so beschrieben. Nur für exklusiven Content bin ich bereit zu zahlen. So habe ich nach langem (Jahre!), zähen Ringen mit mir selbst seit 2 Wochen oder die NW im Abo. Und auch hier hast Du Recht: ausschließlich wegen dem Lokalteil.

    Samstag, 19. Dezember 2009 um 18:54 | Permalink

3 Trackbacks/Pingbacks

  1. Spiegel vs. Google | killefit.net on Dienstag, 12. Januar 2010 um 23:37

    […] Ja eben, personalisierbar, that’s the point. Nicht die Person ist von Interesse. Damit anhand der Nutzungsdaten Google besser relevante Werbung schalten kann, um seine Angebote weiter entwickeln und auch weiterhin kostenlos anbieten zu können. Ich wiederhole mich. Aber darauf lag anscheinend nicht das Gewicht des Artikels, eher darauf, die Furcht vor dem Konzern zu erhöhen. Es wäre aber Spekulation zu behaupten, dass in dieser Hinsicht der Wind von der Verlagsseite geweht hat. […]

  2. roupas De marca on Freitag, 7. November 2014 um 10:02

    roupas De marca

    So stirbt das Abendblatt | killefit.net

  3. Louis Lagassé software on Samstag, 15. November 2014 um 17:05

    Louis Lagassé software

    So stirbt das Abendblatt | killefit.net

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