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Germany’s next “Wetten, dass…?”-Top Model

Es muss nicht immer Action sein am Wochenende. Zuhause mit sich selbst sein zu können ist auch mal ganz knorke. Im Bett lümmeln, lesen und den ganzen Tag über die gestern beim “Bielefelder Bloggerstammtisch” genossenen Schnitzel verdauen. Doch dann kommt der Abend und mit Amüsement ist es Essig. Der sonst so selten auftretende Bedarf nach TV-Berieselung liefert anscheinend nur olle Kamellen (“Forrest Gump”, Sat1) oder nervtötendes Programm (“DSDS”, RTL). Warum eigentlich nicht mal wie früher “Wetten, dass…?” gucken und sich ein wenig wie damals fühlen, als man nach dem abendlichen Bad vor der Glotze hockte? Also, eh wir uns frühzeitig in’s Bett legen, ZDF eingeschaltet.

Doch ochottochott, das zu erwartende Staraufgebot, welches das Zementlächeln Michelle Hunzikers gleich zu Beginn aufzählt, scheint ganz und gar nicht nach meinem Geschmack zu sein. Die vielen “schönen und intelligenten Frauen”, von denen sie spricht, lassen einige der gewohnten Zoten Gottschalks befürchten.

Ach, wie herzlich der Einspieler zu Heidi Klums und Tommi Gottschalks Beginn ihrer “gemeinsamen Erfolgsstory” (siehe hier bei Youtube). Die Modelmama entschuldigt eventuell anfallende, halbstündliche Pausen, weil sie ab und zu mal nach hinten gehen und ihren “Hahn aufdrehen muss” für ihr frisch geschlüpftes Neugeborenes. Top, die Wette gilt: Der Moderator wettet mit Heidi, dass sich in Friedrichshafen (wo die Sendung stattfindet) ein Mädchen findet, das es in Klums “Germany’s next Topmodel” unter die ersten zehn Kandidatinnen schafft.

Klar, dass für die Kamera das Küsschen für den Chef von zwei Blondinen obligatorisch ist:

Michelle trägt ein Tablett herein, auf dem ein paar Drähte mit weißen Kugeln daran herumbaumeln. Offenbar soll dies eine Reihe von Laternen darstellen, denn der erste Kandidat namens Jeffrey will mit einem Auto um sie herumfahren und zwischen zwei Sportwagen einparken. An sich klingt das nicht sonderlich aufregend, würde er es nicht auf folgende Art und Weise tun:
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Und es gelingt ihm auch ganz hervorragend, sogar die Kehrtwende am Ende der Laternenreihe, um die ganze Strecke noch einmal zurück auf zwei Rädern zu fahren. Verwunderlich ist bloß die alte BMW-Gurke, die er fährt. Ehrlich gesagt, habe ich dieses 3er-Modell seit Einführung der Abwrackprämie schon lange nicht mehr auf der Straße gesehen. Da hat sich anscheinend kein Sponsor für etwas neues mehr finden können.

Mario Gomez kommt im Anschluss und macht ein Gesicht, als hätte er sämtliche Tore der letzten EM noch einmal versehentlich nicht geschossen. Er hat keinen Bock auf das hier, aber er kann mit ein paar Fotos von sich in Anzügen unter Beweis stellen, dass er ebenfalls Modelqualitäten besitzt. Thommie stellt sein Modebewusstsein im Negativ-Vergleich zu Marios Mannschaftskollegen heraus: “Der Ribéry, der zieht an, was die Mutti ihm hinlegt.”

Michelle kommt wieder in ihrem roten Abendkleid hereingestöckelt und serviert etwas auf dem Teller. Offenbar geht es bei der nächsten Wette um Kaugummi. Einige Mädchen, die “Turngruppe Flummis”, wollen aus gekautem Kaugummi ein Sprungseil formen. Sechs von ihnen wollen dann zusammen zehnmal darüber hüpfen. Die elastische Substanz will aber vorab von allen gekostet werden. Die Sofapromis kauen.

Der Moderator verzieht das Gesicht und glaubt, eine Sorte erwischt zu haben, die nicht nach seinem Geschmacks ist: “Oah, ist das sauer. Heidi, wollen wir mal tauschen?”

Die Mädchen betreten unter Applaus die Halle. Irgendjemand hatte die Idee, ihnen bunte T-Shirts anzuziehen, auf denen ihr jeweiliger Vorname in Comic Sans zu lesen ist. Und weil die ja noch so jung sind, musste unbedingt ein Bühnenbild herhalten, das mit Kaugummi, Jugend und Sprungseilen in direktem Bezug steht.

Die unschuldige, blühende Umgebung befördert die Mädchen zu Höchstleistungen und sorgt dafür, dass der gelangweilte Fußballer Gomez seine Wette, die er vorher für das Gelingen der Flummi-Turngruppe abgeschlossen hat, gewinnt. Die Mädchen nehmen trotzdem nicht an der Auslosung zum Wettkönig teil. Warum? Der Ungerechtigkeit halber: Kinder gewinnen immer bei telefonischen Zuschauerumfragen. Vielleicht aber auch eine gerechte Entscheidung, schließlich gibt es ein sehr PS-strakes Auto zu gewinnen. Was wollen die damit jetzt schon? Außerdem bekam ich auf meine Frage erst viel zu spät bei Twitter mit, dass Kinderwetten davon wohl generell ausgeschlossen sind.

Für die fehlenden Werbepausen, in denen man sonst den Gang zur Toilette einzuplanen pflegt, beweist das ZDF dieses Mal wieder den richtigen Riecher, indem sie Showacts wie Jon Bon Jovi einlädt. Dessen Fans schaut man sich besser unscharf an:

(ich habe noch andere, bessere Plakate im Publikum gesehen, aber dafür war mein Finger nicht schnell genug für Screenshots)

Immerhin besitzt Frau Hunziker den Anstand, den nächsten Wett-Gegenstand nicht auf einem Tablett zu servieren, nämlich einen stattlichen, lebendigen Hasen. Kandidat “Hubi” will aus 20 (?) Hasen mindestens vier an ihrem Fell erkennen. Indem er es mit verbunden Augen, mit den Händen erfühlt. “Tiere ziehen immer” ist einer der Grundsätze der Medienbranche, und darum wird Gottschalk auch einer davon auf den Schoß gesetzt, der zufälligerweise “Thommie” heißt und auch gleich von den blonden Models links und rechts bestreichelt werden darf. “Thommy Ha(a)s”, nennt ihn auch gleich der Moderator flott und kann ihn kurz nicht bändigen.

“Hopp Hubi!”: Fans und Familien der Kandidaten zeigen gerne selbstgefertigte Haute Couture:

Hillary Swank, eingeflogene Wettpatin und mehrfache Oscar-Preisträgerin, zeigt als Erste der bisherigen Wettpaten die Chuzpe, zu behaupten, sie glaube nicht, dass “Hubi” die Hasen am Fell erkennt. Aber als Einsatz will sie im Falle des Verlierens auch nur ein Lied singen, also noch mehr von sich selbst präsentieren. Hillary kommt aber drumherum, weil Hubi nur einen Hasen erkennt.

“Ich + Ich” versuchen zwischendurch, mit dem Song “Einer von Zweien” besonderen Tiefgang in die Show zu bringen. Wie das klingt, kann man durch Reinhören auf deren MySpace-Seite nachempfinden.

“Ist ja so leer bei Dir”, wundert sich Simone Thomalla bei ihrer Ankunft am Sofa. Bon Jovi ist schon wieder im Flieger und Heidi Klum musste zur Arbeit, Friedrichhafens vermeintliche Nachwuchsmodels begutachten.

Die Außenwette aber klingt spektakulär: Phillip will auf Schlittschuhen eine Bobbahn herunterfahren, dabei aber ein Bastelspielzeug aus einem Überraschungsei zusammenbauen (5-7 Teile). In 90 Sekunden. Gomez wird “als Sportler” (obwohl er Fußballer ist) zu seiner Meinung befragt und sagt sinngemäß, dass das eine große Herausforderung sei. Und Simone Thomalla wird davon überzeugt, bei Wettverlust im Doppel-Rodler ebenfalls eine Bobbahn mitnehmen zu müssen.

Aber Frau Thomalla muss nicht rodeln gehen. Phillip macht seine Sache live, für alle gut sichtbar dank mehrerer Kameras, ausgezeichnet.

Eros Ramazotti muss ein Medley seiner größten Hits von sich geben. An sich nicht der Rede wert, läge da nicht ein besonderes Interesse des Fernsehpublikums an der Vergangenheit des Künstlers zu seiner Ex-Frau und Gottschalks jetziger Co-Moderatorin Michelle Hunziker. Aber Thommie löst das elegant, indem er ihr einfach die Anmoderation für den Musiker überlässt. Sie brabbelt daraufhin eine italienische Hudelei, die im deutschsprachigen Fernsehen kaum jemand versteht. Bis auf vielleicht einige Brocken wie “bello”, “multo” und “mundi” usw.

Seine Fans sind während des Auftritts wie von Sinnen und fühlen sich zu gewagten Wortspielen hingerissen:

Auf dem Sofa gestrandet, kann sich der Italo-Barde unmöglich, unter den Augen der boulevardinteressierten Öffentlichkeit, der Anwesenheit seiner Ex-Ehefrau entziehen und wird auch gleich neben sie befördert. Was Gottschalk mit Ramazotti beredet, entzieht sich zu diesem Zeitpunkt bereits wegen fortschreitender Langeweile meiner Kenntnis. Ich bin mir aber sicher, dass ein Standbild wie dieses demnächst in den Gazetten zu sehen ist:

Die Beiden verschwinden vor der nächsten Wette und waren nie wieder gesehen. Stattdessen treten Martina Hills und Oliver Welke auf, als Repräsentanten der seit Mai 2009 laufenden, ZDF-eigenen Satire-Sendung “Heute Show”, über die es bezeichnenderweise bis heute keinen Wikipedia-Eintrag gibt. Welke wird einmal kurz durch den Kakao gezogen, weil er als Kind Werbeträger für einen Heißwürstchenfabrikanten war. Tolle Wurst.

Der Betrachter (also ich) wird stetig unaufmerksamer. Kandidat Volker soll zehn beliebig ausgewählte Natursteine aufeinander stellen. Das reißt mich fast aus dem Hocker, da es verspricht, ähnlich aufregend zu werden wie bei einem Facebook-Spiel. Er schafft es dann natürlich auch, Leute halten Plakate im Publikum hoch etc. pp.

Die vorgegebene Zeit laut Programmzeitschrift ist fast voll. Aber solche Haarspaltereien sind bei “Wetten, dass…?”, Europas größter Fernsehsendung, eher zu vernachlässigen. Um es nicht ganz zu vergessen, werden Friedrichshafens “Germany’s next Topmodel”-Anwärterinnen hereingeführt. Zehn an der Zahl.

Das Brimborium, das um diese zehn Frauen gemacht wird, ist fast unerträglich. Heidi Klum will wissen, ob sie alle über 1,75 Meter messen (lustigerweise überragen diese sie selbst im Schnitt fast alle), dann werden drei aus diesen zehn Frauen ausgewählt. “Wetten, dass…?” wirkt an diesem Punkt plötzlich wie die ganze GNTM-Staffel, lediglich auf einige Minuten gekürzt. Thomas Gottschalk kann sich aus Gewissensgründen nicht entscheiden, welche der Grazien er für sich in den Wettbewerb schicken will. Dann doch lieber kurz fordern, mal die Beine unter dem Kleidrock zu begutachten. Yeah!

Am Ende macht Paulina (rechts im Bild) das Rennen und darf sich neben Heidi auf’s Sofa setzen. Phillip wird mit seinem Bobbahn-Basteln Wettkönig.

Und ich, ich träume mich zurück in die Zeiten, in denen die Fürstin Gloria von Thurn und Taxis sich mit ihren atemberaubenden Frisuren von Frank Elstner zu Einsätzen hinreißen ließ. Diese Wettpaten-Idee hat ja schon etwas ungemein Interessantes an sich, nicht wahr? Da kann man als Promi einfach rumsitzen und andere für sich machen lassen… fast feudal. Herrlich.

2 Kommentare

  1. El Grande G. schrieb:

    Für die “alte” BMW-Gurke gibts zwei mögliche Erklärungen:
    Wenn er die Karre auf die Seite legt, wirds nicht so teuer.
    Moderne High-Tech-Fahrwerke machen sowas nicht mehr mit.

    Sonntag, 24. Januar 2010 um 10:56 | Permalink
  2. KausWüanderW schrieb:

    Ich hätt noch ne dritte: unterschiedliche Fahrzeugmodelle haben immer auch ein unterschiedliches Gewicht und vor allem eine unterschiedliche Gewichtsverteilung. Bei so einem Trick kommt es aber sehr stark auf das Balancegefühl für das jeweilige Auto an.
    Wenn er das seit Jahren mit nem 3er BMW macht und es so gut hinbekommt, muss das nicht heißen, dass er es mit einem beliebigen anderen Fahrzeug auch nur ansatzweise schafft.

    Mittwoch, 27. Januar 2010 um 12:42 | Permalink

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