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Wir wurden nur in Wolken produziert

Es gab eine Zeit, in der hatte ich mich darüber gewundert, dass so viele meiner Freunde im Frühjahr Geburtstag haben. März und April waren die Monate, in der kaum ein paar Tage vergingen, ohne dass man Geschenke kaufen musste. Oder Geschenke bekommen…musste. Ständig organisierte man Feiern, wurde auf Feiern eingeladen oder tat überrascht, wenn man auf seine eigene Überraschungsparty eingeladen wurde, so verwirrt war mein Freundeskreis manchmal. Und selbst, wenn Ostern einmal nicht mit dem eigenen Geburtstag auf einen Tag fiel, bedankte man sich automatisch bei allen, als wäre das Osternest persönlich gemeint. Dann stand man da, die Hände voller bunter Eier, und sagte: „Wie lieb, dass Ihr daran gedacht habt!“

Bis ich herausgefunden hatte, woran das lag, dass das Frühjahr bei meinen Bekannten in Wiegenfestdingen derart hoch frequentiert wurde, hätte es noch bis zur Herausbildung eines kritischen Geistes dauern können. Ich würde also noch heute auf die Erleuchtung warten, hätte meine Mutter nicht einmal, während eine gefühlte Serengeti über unseren Heimatort hereingebrochen war, in meiner nachpubertären Anwesenheit zu einer Schwangeren gesagt: „Also, ich möchte mich ja nicht im Hochsommer mit so einem dicken Bauch bewegen müssen!“

Und so erkannte ich, dass es Empfehlungen innerhalb der örtlichen Frauenschar gegeben haben musste. Beinahe könnte man sagen „Bauernweisheiten für Gebärende“. Die könnten in etwa so gelautet haben:

Willst du im Sommer noch auf deine Füße blicken,
darfst du im Herbst zuvor mit keinem Mann….flirten.

Da man in meinem Heimatort auf engem Raum zusammen gelebt hat, müssen diese Einsichten nicht einmal verbal geäußert worden sein. Irgendwann wussten alle Frauen seit Erfindung moderner Verhütungsmittel wie – sagen wir einmal: Tierdärmen – intuitiv von diesen Regeln. Feuilletonisten pflegen diesen Vorgang, die Angleichung innerhalb gewisser Kohorten, mit Verben wie „Einatmen“ zu beschreiben. Dabei steckt dahinter ein bewusstes Kalkül. Kühle.

Und so kam es dann, dass seit dem mein engster Freundeskreis innerhalb von vier Wochen im März/April seinen Geburtstag feiert. Mich erschreckt aber weniger die terminliche Rechnung, die dahinter stehen muss, um an das „Wunschkind“ zu kommen („So, jetzt können wir die Pillen und Kondome verstauben lassen“).

Das schlimmste ist eigentlich, sich Eltern beim…na, Dings, vorstellen zu müssen. Obwohl man selbst bis ins hohe Alter „na, Dings“ haben will oder machen möchte, ist diese Vorstellung für die eigenen Erzeuger meist untragbar und beinahe in der Lage, den Balken zwischen den Gehirnhälften jedes Individuums zu sprengen. Die eigenen Eltern haben numal kein „na, Dings“.

Ich wurde z.B. in einer grauen, nebulösen Wolke produziert. Ob Störche mit im Spiel waren, entzieht sich meiner Kenntnis, aber ich finde die Assoziation romantisch aufrechterhaltenswert. Als ich mich erstmals mit so etwas wie einem Bewusstsein anfreundete, schlug ich die Augen auf und ich erlebte die Tolle von Helmut Schmidt im Fernsehen.

Wenn man einmal neun Monate zurückrechnet, neun Monate abzieht von des Zeitstrahls allgemeingütigen Konsens, befänden wir uns, vom Frühling ausgehend, wieder mitten im Sommer. Eigentlich schön. Alle Eltern meiner Freunde hatten Sommer, Sonne, Kornfeld…

…und nebulöse Wolken, auch genannt “na, Dings”.

P.S.: An den Wolken könnte natürlich auch Helmut Schmidt (“Auf eine Zigarette”) teilgehabt haben. Oh, mein Gott! Helmut Schmidt ist unser aller Vater!

2 Kommentare

  1. Denis schrieb:

    Wenn sich jetzt Heerscharen von Lesern Helmut Schmidt und Loki beim dingsen (und noch dazu – NACKT! – vorstellen, dann gehen die zu befürchtenden Alpträume und Potenzstörungen alle voll auf Onkel Rouven seine Kappe. Gute Arbeit, Mann! Die Deutschen sterben aus!

    Mittwoch, 27. Januar 2010 um 6:23 | Permalink
  2. Rouven schrieb:

    So kann man auch in den Geschichtsbüchern landen. Die dann keiner mehr lesen kann.

    Mittwoch, 27. Januar 2010 um 11:26 | Permalink

Ein Trackback/Pingback

  1. […] Hab’ grad einen lustigen Beitrag gefunden, den ich euch nicht vorenthalten will: Wir wurden nur in Wolken produziert. […]

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