
Der neue Coen-Film “A Serious Man” kann von seiner Dynamik her eher an den oscargekrönten “No Country For Old Man” anschließen als an “Burn After Reading”. War letzterer eine hektische Klamotte im Vergleich zu anderen Regiewerken der Gebrüder, steigert sich das Schicksal der aktuellen Hauptfigur, des “ehrbaren Mannes” Larry Gopnik schleichend. Der angehende Physikprofessor und Familienvater, der in einer fürchterlichen amerikanischen Vorstadtsiedlung der späten 1960er Jahre lebt, zufrieden und gut integriert in seine jüdische Gemeinschaft, erlebt plötzlich einen Schlag nach dem nächsten.
Es beginnt nur ganz zaghaft damit, dass Gopnik bemerkt, wie sein Nachbar einige Zentimeter seines eigenen Grundstücks beim Rasenmähen für sich beansprucht. Doch Larry ist ein friedliebender Mensch und lässt es mit sich geschehen. Seine Frau erklärt ihm aber dann, dass “es so nicht weiter” ginge, und damit meint sie nicht den Grundstücksübertritt des Nachbarn. Der Grünschnitt wird anscheinend längst an verbotenen Stellen abgesondert.
Obwohl Larry auf’s eigene Haus klettern muss, um die Fernsehantenne für den perfekten Empfang der Lieblingssendung seines stets bekifften Sohns zu justieren, steigen dem Familienvater nicht erst ab diesem Punkt ganz andere auf’s Dach.
Obwohl er die Bereitschaft zeigt, sich um die Familie zu kümmern, wendet sie sich nach und nach von ihm ab. Dabei zeigt sich der neue Liebhaber seiner Frau ihm gegenüber tatsächlich noch jovial freundlich und gibt Larry den Rat, in ein Motel zu ziehen, damit die neue Liebe “für sich sein” kann.
Larry, alleine überfordert mit der Situation, bemüht sich um metaphysische Hilfe bei den Lehrern seiner Religion und muss deren interpretatorische Unzulänglichkeit bald zur Kenntnis nehmen. Der Vergleich seiner Geschichte zur Hiobs-Botschaft liegt nur zu nahe. SpOn schreibt daher u.a. dazu:
Eigentlich ein eher verhalten religiöser Mann, beschließt Larry dennoch, den unerklärlichen Schicksalsschlägen spirituell auf die Spur zu kommen – und wendet sich nacheinander an die drei Rabbis der Gemeinde, um Antworten auf die Frage zu erhalten, warum ihn Gott so straft. Ausgerechnet ihn, einen aufrechten Typen, einen “serious man”. [...] Auch Hiob zieht am Ende los und fordert Rechenschaft von Gott für diesen gemeinen Test. Und er erhält eine tröstliche Antwort. Im Gegensatz zu Larry, dem die drei Rabbis zwar allerhand haarsträubende Geschichten und Allegorien erzählen, aber keinen einzigen Hinweis darauf, was der Sinn seiner vermeintlichen Bestrafung sein könnte.
Die Allegorien, die Larry Gopnik von den Rabbis unterbreitet werden, gehören in der Tat zu den hergeholtesten (mitunter auch naivsten) Welterklärungen, die in der Filmgeschichte jemals geboten wurden, zumal sie ohne Bezug zu Larrys Situation zu stehen scheinen. Zum dritten Rabbi wird er von dessen Sekretärin gar nicht erst vorgelassen. Das erinnert schon stark an den Mann, der bei Kafka Einlass in das Gesetz wünscht:
Vor dem Gesetz steht ein Türhüter. Zu diesem Türhüter kommt ein Mann vom Lande und bittet um Eintritt in das Gesetz. Aber der Türhüter sagt, daß er ihm jetzt den Eintritt nicht gewähren könne. [...] »Merke aber: Ich bin mächtig. Und ich bin nur der unterste Türhüter. Von Saal zu Saal stehn aber Türhüter, einer mächtiger als der andere. Schon den Anblick des dritten kann nicht einmal ich mehr ertragen.« [...] Der Türhüter gibt ihm einen Schemel und läßt ihn seitwärts von der Tür sich niedersetzen. Dort sitzt er Tage und Jahre. [...] »Alle streben doch nach dem Gesetz«, sagt der Mann, »wieso kommt es, daß in den vielen Jahren niemand außer mir Einlaß verlangt hat?« Der Türhüter erkennt, daß der Mann schon an seinem Ende ist, und, um sein vergehendes Gehör noch zu erreichen, brüllt er ihn an: »Hier konnte niemand sonst Einlaß erhalten, denn dieser Eingang war nur für dich bestimmt. Ich gehe jetzt und schließe ihn.«
Da Larry ein treuer Synagogengänger ist, muss ihm die Sinnverweigerung ähnlich absurd vorkommen wie dem Mann vor dem Gesetz. Als einer seiner Anwälte kurz vor der Ausbreitung einer Teillösung für den Grundstücksstreit vor seinen Augen stirbt, wirkt der Film an dieser Stelle plötzlich simpsonesk: Besserung wird angekündigt und in’s Gegenteil verkehrt. Im Gegensatz zu Homer Simpsons kriegt Gopnik die Kurve aber nicht. Er ist der jüdische Pechvogel, ein Woody Allen-Schlehmil. Wer gerne vor Schadenfreude lacht, kommt hier voll auf seine Kosten.
Die “Schöpfer”, also die Coen-Brüder als Regisseure, prüfen ihre Figuren überdies in einem detailverliebt dargestellten jüdischen Milieu. Der häufige, auf das Judentum bezogene Witz kommt hier durch merkwürdig erscheinende und – oft auch – schroffe Umgangsformen zustande. Hier geht es anders zu als wenn uns z.B. Daniel Levy mit seinen Skurrillitäten unterhalten will. Hier kichert man eher aus Überraschung darüber, dass man mit dieser oder jener Reaktion einer Figur nicht gerechnet hätte. Diese Art von Humor ist unter den Juden aber weit verbreitet (s. Wikipedia “Jüdischer Witz”). Befremdend wirkt dazu natürlich noch der aus heutiger Sicht der Modestil der späten 1960er Jahre (die Brillen!).
Um eine Komödie handelt es sich bei “A Serious Man” wahrhaftig nicht (auch wenn der Trailer das vermitteln mag). Lustig geht anders. Wenn es aber eine Katharsis beim Betrachten eines Films gibt, dann wird sie hier empfunden. Betrachter verspüren nicht nur Mitleid oder Furcht mit Larry Gopnik, sondern auch jede Menge Ärger über die Umstände, die zu seinen Schicksalsschlägen führen.
Ob Gopnik am Ende der Kragen noch platzt oder ob er das Handtuch wirft, müsst Ihr dann schon selbst im Kino rausfinden.
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