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Street View in Bielefeld – Unendliche Geschichte [Update]

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(Zwei Taucher verfolgen ein Street View-Fahrzeug im norwegischen Bergen, Quelle: Google Street View)

Es ist schon etwas seltsam: Waren die Bürger Bielefelds interessiert bis stolz darauf, dass ihre Gebäude als 3D-Modelle in Google Earth rundum zu besichtigen waren, gehen sie seit einiger Zeit auf die Barrikaden, was ihre Ablichtung für Google Street View betrifft. Das passt doch irgendwie nicht zusammen, unterscheiden sich die beiden Dienste doch nur bedingt.

Besonders eigenartig scheint es, dass die Stadt mit Beispiel vorangeht und alle öffentlichen Gebäude und Fahrzeuge aus der Straßenansicht entfernen will. Wobei doch gerade Sparrenburg, Rathaus etc. für einen virtuellen Stadtbesucher von Interesse sind. Und die Bürger tun es ihr nach, wenn es bisher auch nur 1.500 sind (also weniger als 0,5 % der Einwohner).

Den Deutschen nun ein grundlegendes Misstrauen zu unterstellen, wäre reine Spekulation. Aber dass unsere Landsleute ein anderes Verständnis vom Verhältnis der Privatheit zur Öffentlichkeit besitzen, ist mittlerweile auch im Ausland angekommen. Davon berichtete schließlich auch Jeff Jarvis am vergangenen Mittwoch in seinem Vortrag “The German Paradox” (hier die Grundidee in seinem Blog). Ich halte zwar seine Forderung von der totalen Öffnung der Persönlichkeit ins Netz für sehr radikal. Aber in einigen Punkten hatte er Recht, was die “German Angst” betrifft. Und vermutlich taucht der Street View-Ärger nicht nur Bielefeld auf, sondern auch genau so in anderen deutschen Städten. Wir können ja einmal versuchen zu verstehen, woran das liegt.

Die Deutschen – und damit die Bielefelder als Einwohner Deutschlands – geben Kontrolle ungerne ab. Wer tut das schon gerne? Richtig, niemand. Jarvis vertrat auf der re:publica 2010 die Ansicht (Video des Vortrags hier), dass in der Regel “Privatheit” mit “Kontrolle der Identität” gleichgesetzt würde. Beides kann aber mit einem Produkt wie “Street View” (noch nicht einmal von Google selbst) kaum geraubt werden.

Darüber hinaus sind es Haus- und Wohnungsbesitzer, die den Widerspruch einlegen. Fast könnte man den Eindruck erlangen, als hätten die Widersprecher vorfotografische Ängste: Als wenn die Kameras die Seele ihres Grundbesitzes und Inventars einfangen könnten.
Ich frage mich gerade, wie oft wohl jedes einzelne Gebäude der Stadt in den Fotoarchiven der beiden örtlichen Zeitungen vorhanden ist. Im Laufe der Jahre dürften sich alle Straßenzüge dort mehrfach angesammelt haben. Und diese Verlagshäuser sind übrigens auch private Konzerne.
Genausogut könnte man einen Coffeetable-Bildband von Komplett-Bielefeld kaufen. Mit dem Unterschied, dass die Bilder künftig im Netz zu sehen sind. Und das sind Momentaufnahmen, keine Dauerübertragung einer Webcam.

Letztendlich ist die einzige, unfeine Art, die Google bei diesem Dienst eventuell vorzuwerfen ist, erst einmal eigenständig losgelegt zu haben und erst hinterher zu fragen, ob das Abfotografieren in Ordnung ist. Das mag – eine Vermutung – damit zusammenhängen, dass es sich bei Google um einen amerikanischen Konzern handelt und Freiheit(en) in der Verfassung der USA einen höheren Stellenwert besitzen als die Würde des Menschen, woraus sich in Deutschland der Datenschutz begründet. Das Vorgehen Googles kollidiert aber nicht damit, dass Fotos in und von der Öffentlichkeit gestattet sind.

Derzeit – ich wiederhole mich – muss man wegen des hierzulande befremdlich erscheinenden Geschäftsmodells von Google keine Angst vor dem Konzern haben, da er seine Nutzer tunlichst behalten will. Mit Betonung auf: Derzeit!

Der Staat muss aber weiterhin ein wachsames Auge für die kommende Entwicklung der Internet-Konzerne übrig behalten. Doch an dieser Stelle existiert ein weiterer Knackpunkt. Betrachten wir nämlich einmal den Staat nicht als “uns alle”, sondern als ein Konglomerat aus Politik, Behörden (mit beratender Funktion der Politik), und diese beiden mit einem ihnen innewohnenden Überlebenswillen, dann muss es im Hinblick auf Internetsperren, Vorratsdatenspeicherung, ELENA usw. usf. um so beunruhigender erscheinen, wenn wir ausgerechnet dem Staatsapparat die Aufsicht über private Datensammler gestatten. Denn dessen Interessen könnte tiefgreifendere Folgen für das Freiheitsempfinden und das Kommunikationsverhalten nach sich ziehen, als uns lieb ist. Nicht umsonst reden viele Netzaktivisten oft von Scheindebatten, wenn z.B. eine Frau Aigner wieder einmal gegen Facebook und Konsorten wettert.

Doch jetzt habe ich für’s erste einmal keine weitere Lust mehr, Google zu verteidigen. Sollte die Bielefelder Mieterin, die
“gleich einen Packen an Vordrucken [holte], um sie in ihrer Siedlung zu verteilen
“, bei mir auftauchen, bekommt sie jedenfalls etwas von mir zu hören. Von Arbeitskreisen und Petitionen, für die sich Engagement und Energie weit mehr lohnen.

[Update] Dieser Beitrag wurde, wie man unschwer am Datum erkennen kann, gestern von mir geschrieben und veröffentlicht. Kaum ist das geschehen, gibt es schon wieder den nächsten Aufreger um den Street View-Dienst: Google bestimmt nebenher per GPS die Standorte von Funkmasten und WLAN-Hotspots. Weshalb die Aufregung jetzt so groß ist, ist mir nicht ganz klar, da a) dieser Umstand bereits seit zwei Jahren bekannt zu sein scheint und b) Google nicht alleine mit diesem Verfahren ist (neben z.B. dem Fraunhofer-Institut, der Firma Skyhook). Skyhook tut dies beispielsweise für zahlreiche Anwendungen mobiler Smartphone-Betriebssysteme, “um die Leistung ihrer Standortermittlung zu verbessern”.

Ich vermute (!), es geht hierbei um die Leistungsfähigkeit GPS-gestützter Anwendungen. Und Google ist mit seinem Android ebenfalls daran interessiert, dass es auf den entsprechenden Handys rund läuft. Wie gesagt, das ist eine Vermutung, die aber schlüssig für mich scheint. Und es klingt danach, als würden Radiosender mit Autos durch die Gegend fahren, um Funklöcher ausmachen und beseitigen zu können. Also wahrscheinlich nichts tragisches. Oder wollt Ihr mit Euren GPS-Systemen demnächst lieber gegen Mauern fahren? ;-)

Für diejenigen mit dem technischen Durchblick empfehle ich den Beitrag von Wusel auf blogdoch.net hierzu. Er hat anscheinend keine Bedenken dagegen. Für ihn heißt es:

IMHO ist das ein typisches Anti-Google-in-der-nachrichtenarmen-Zeit-Thema …

P.S.: Tatsache, es ist so. Es geht aber um eine Verbesserung des Empfangs von Smartphones ohne GPS, da diese bisher nur die WLAN-Netze zur Ortsbestimmung nutzen. Die Daten hatte Google bisher von den anderen Unternehmen eingekauft. Jetzt machen sie es selbst (siehe heise.de)

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