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Bericht aus der Zukunft

Im Jahr 2012 sollte nicht die Welt untergehen. Unter den heutigen Umständen, rückblickend betrachtet, halte ich das aber manchmal für die bessere Alternative.

Wir waren allerdings (das muss entgegnet werden) auch jahrelang viel zu borniert und blind, haben uns lieber darauf konzentriert, den Euro zu retten oder Steuersünder-CDs zu kaufen, als dass wir gemerkt hätten, was sich im Hintergrund tatsächlich zusammengebraut hatte.

Und dann, eines Nachts, geschah das, womit niemand von uns gerechnet hatte. Unser Land wurde brutal überfallen und geknechtet. Von der Schweiz.

Sie hatten den richtigen Moment abgewartet. Die Bundesrepublik wurde am Hindukusch verteidigt und der letzte, provozierende Steuer-Vorstoß in Richtung Alpen wurde wider Erwarten nicht mehr hingenommen. Sie nahmen die BRD mit berühmter, schweizer Gemütlichkeit und der Taktik ihres Generals Ottmar Hitzfeld. Und nun liegt unser Land in Trümmern und Käsefondue.

Es hätte noch schlimmer kommen können, die Schweizer Flugzeugträger kamen glücklicherweise nicht über den Rheinfall von Schaffhausen hinaus.

Bei diesem Blitzangriff wurde die deutsche Bevölkerung stark dezimiert, was auch daran lag, dass viele der Verletzten nicht versorgt werden konnten. Die Schweizer Truppen hatten die Wagen des Roten Kreuzes fälschlicherweise als gegnerische Militärfahrzeuge gedeutet.

Die neueingesetzte Obrigkeit im neugegliederten Kanton Ostwestfalen agiert seitdem besonders rigide gegen seine Einwohner. Morgens klingelte es an der Tür, alle Männer – auch ich – wurden abgeholt und mit vorgehaltenen Taschenmessern in Arbeitslagern geführt. Über deren Eingangstoren die Aufschrift zu lesen war: „Verhalt dich neutral!“

Nun funktioniert unser einziger Kanal nach draußen nur über die Feldpost. Abends werden Briefe verteilt und ich weine beim Lesen der Zeilen, die ich von meiner Liebsten lese. Sie wird auf der Straße von Männern bedrängt, die Urs und Beat heißen. Und auf dem Schwarzmarkt sind offenbar Büstenhalter nur noch gegen eine Stange Toblerone zu bekommen. Sie schreibt auch, dass Kanzlerin von der Leyen auf einen Managerposten zu Swatch gewechselt ist.

So ergriffen ich von ihren Worten war, nahm ich mich zusammen und schrieb ihr zurück:

„Liebste!
Ich bin stolz auf dich, bleib tapfer und stark. Wie geht es unseren 3 5 Kindern? Gib ihnen doch 1 Franken 50 Rappen mehr Taschengeld. Sie sind jetzt schon so groß.
Mir geht es – den Umständen entsprechend – gut. Unser Aufseher Hansruedi behandelt uns zuvorkommend. Wir sollen uns nicht so – wie er sagt – „uffrägä“, um unsere Arbeitskraft zu schonen.
Mittlerweile wissen wir auch, wofür wir gebraucht werden.
Die Eidgenossen haben vor, aus den Trümmern für jede größere Stadt ein Matterhorn zu errichten. Dafür planen sie aber zehn Jahre ein. Bis dahin bauen wir den Besatzungstruppen in jedem Kanton eine Indoor-Skihalle. Dass wir für den Arbeitsrhythmus als Unterstützung ständig DJ Bobos „Pray“ hören müssen, ist nicht gerade förderlich. Das schwierigste ist aber: Wir dürfen nicht dabei schwytzen.
Besonders das frühe Aufstehen ist hart und wer Vuvuzelas verflucht, der wurde noch nie von Alpenhörnern geweckt. Es gibt zum Frühstück, zum Mittag- und zum Abendessen Fondue aus Appenzeller Käse.
Zugegeben, demgegenüber bin ich etwas misstrauisch. Seitdem es darin erstmals eine Fleischeinlage gab habe ich bemerkt, dass ich einige Mithäftlinge schon lange nicht mehr gesehen habe.
Von dem Käse zweige ich aber immer etwas ab. Wenn ich genug beisammen habe, hoffe ich, dass ich damit die Gitterstäbe aufkneten kann.

Bitte schreib mir weiter und gib die Hoffnung nicht auf.

Kuss,
Rouven“

In der Zwischenzeit ermutigen wir uns in den Barracken gegenseitig und warten auf bessere Nachrichten von draußen. Ein technisch versierter Zellengenosse hat aus den von Wärtern weggeworfenen Swatch-Uhren ein Miniradio gebastelt, das wir nachts heimlich leise einschalten und hören. Anscheinend hat Polen die verwirrende Gunst der Stunde genutzt, die neuen Bundesländer geklaut und über die Grenze geschafft.

Und offenbar gibt es seit Neuestem noch einen kleinen Lichtblick: Liechtenstein macht mobil. Das ist zwar ebenso überraschend wie die Ausgangslage für die derzeitige Situation, aber… sie scheinen eine letzte Hoffnung zu sein. Und die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.

Das deutsche Schicksal hängt an Liechtenstein. Hauptsache, die Schweiz wird nicht Weltmeis-, Weltbeherrscher. Im Jahr 2012.

Ein Kommentar

  1. Will Sagen schrieb:

    *Prust*
    Was hast Du denn geraucht? :D

    Donnerstag, 17. Juni 2010 um 5:49 | Permalink

Ein Trackback/Pingback

  1. Salid and his world on Donnerstag, 17. Juni 2010 um 6:13

    Alles eine Frage der Motivation…

    Rouven (seines Zeichens Ostwestfale, Blogger und Scharfzunge) hat einen wunderbaren Text ueber unsere moegliche Zukunft mit der Schweiz verfasst. Im Jahr 2012 sollte nicht die Welt untergehen. Unter den heutigen Umständen, rückblickend betrachtet, halt…

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