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Unter Brüdern

Viele Literaturwissenschaftler pflegen nicht damit aufzuhören zu sagen, ein künstlerisches Werk ließe sich – je “reicher” der Erfahrungsschatz des Rezipienten im Laufe der Zeit wird – immer wieder neu interpretieren und werten. Die sprachliche Eleganz von “Romeo und Julia” kann auch im hohen Alter geschätzt werden. Doch über die darin geschilderte Situation wird ein Teenager womöglich anders urteilen als ein längst dem Elternhaus entwachsener Mensch.

Fernsehfilme werden in der Regel nicht so häufig wieder gesendet, wenn sich ihre darin erkennbaren Details zu deutlich vom aktuellen Moden unterscheiden. Obwohl mir dieser Umstand eigentlich bewusst sein sollte, musste ich mir kürzlich einen etwas älteren Tatort ansehen.

Aber ich muss kurz schildern, wie es dazu kam.

Tatort-Fandome ist in meinem Bekanntenkreis nicht besonders weit verbreitet. Eine nahe stehender Verwandter hängt, sofern es seine Zeit zulässt, sonntagabends vorm ÖR-Krimi. Das tut er aber auch deshalb, weil er lediglich die öffentlich-rechtlichen Programme empfangen kann. Darüber hinaus zählen sich ungefähr zwei bis zwölf weibliche Bekannte zu bekennenden Tatort-Fans. Letzten Sonntag, als ich bei einer “subkulturell angehauchten” Party zugegen war, herrschte ab 20:15 Uhr plötzliche Stille in den höheren Stimmoktaven. Da lief nämlich plötzlich so’n Krimi auf’m Ersten.

Der nicht mehr vorhandene Schimanski in uns trank stattdessen in der Küche etwas westfälisch anmutendes Klares aus dementsprechend robust erscheinenden Flaschen. Mein subjektiver Eindruck vermittelte mir also: Die da, wir hier. Ohne genauere Gründe liefern zu können, weshalb Frauen dem Tatort eher zugeneigt sein könnten. Liegt es vielleicht an der quantitativ geringen Darstellung von Leichen und dem Rätselraten drumherum? Action No, Quizzes Go?

Meine letzten Live-Erfahrungen mit Tatorten, die ich gerne gesehen hatte, liegen ziemlich lange zurück und bezogen sich ausschließlich auf die Schimanski/Thanner-Folgen. Das lag aber hauptsächlich an der Zeichnung der Charaktere und weil ich damals den Eindruck hatte, den Drehbuchschreibern wurde viel Freiraum gegeben, um sich an den Figuren spaßhaft auszutoben. Und daher erzählte ich am Wochenende, glaube ich, mehrfach von dem letzten seinerzeit bewusst gesehenen Tatort namens “Unter Brüdern”, der ersten Kollaboration mit dem Polizeiruf 110.

Die Erstausstrahlung dieser Folge fand am 28.10.1990 statt, im Monat der offiziellen Wiedervereinigung Deutschlands. Dementsprechend dachten sich die Autoren einen gemeinsamen, grenzüberschreitenden Fall mit zwei Ermittlerteams aus. Mit dabei: Kommissare, die sich mit geliehenen, dicken Autos Richtung Westen machen, Vorbehalte gegenüber Ostautos, Übergangslager, schlimme Klamotten und Frisuren, und am Ende ein finales Besäufnis, bei dem sich die Hauptpersonen gegenseitig alte DDR-Orden an die Brust stecken. Was für ein Spaß.

Beim letzten Betrachten vor ein paar Tagen musste ich aber feststellen, dass ich ihn positiver in Erinnerung hatte als er tatsächlich war. Insbesondere die vielen Einspielungen von Heinz Rudolf Kunzes “Hand in Hand” gingen doch stark an die Substanz. Gelegentlich bleibt die bloße Erinnerung die bessere Option.

Ein Kommentar

  1. Der G. schrieb:

    Mit jeder Wiederholung stirbt ein Stück Illusion.

    Samstag, 13. November 2010 um 23:25 | Permalink

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