Zurüruck zum Inhalt

Enkeltrick

Gestern Abend erzählte ich auf dem Bielefelder Poetry Slam im Bunker Ulmenwall von einem der Gründe, wegen derer ich Angst vor der Weihnachtszeit habe. Und das ging so:

Es gibt nur wenige Tage im Jahr, an denen die gesamte Sippschaft aufeinander trifft. Zu Oma Gerda kamen traditionell am zweiten Weihnachtsfeiertag alle ins lippische Dorf, um sich dort gegenseitig auf die Nerven zu gehen.

Onkel Dietmar hatte seit Opas Tod die Aufgabe übernommen, die kleine Tanne im Wohnzimmer genauso herzurichten, wie Opa es früher immer getan hatte: Sprühschnee, bis die letzte grüne Stelle unsichtbar war. Und rote und grüne Kugeln, jeweils mit merkwürdigen Dellen versehen, als hätte jemand die Kugeln an einer Seite eingedrückt.

Oma nahm das Geschehen von ihrem Lehnsessel aus wahr. Im Wohnzimmer, dort, wo sie und unsere Eltern sich aufhielten, brüllte die alljährliche Fischerchöre-Platte aus der alten Musiktruhe. Jedes Jahr ein Quentchen lauter gedreht, da Oma ihre Trommelfelle langsam davonschwimmen sah. Wir sahen uns akustisch vor die Weihnachtsfront gegen die Sinnhaftigkeit der deutschen Sprache gestellt: Gegen „Eine Muh, eine Mäh, eine Täterätätä“ hatte unsere innere Sprachinfanterie aber nichts entgegenzusetzen.

An unserem Tisch im Esszimmer versuchte ich unauffällig, meinen Ohrläppchen beizubringen, mit einem simplen Muskelbefehl in das Innenohr zu hüpfen, um es schalldicht zu verstopfen. Es wollte mir aber nicht gelingen. Die anderen ließen sich nichts anmerken.

Die anderen und ich, das war die dritte Generation, seit Jahrzehnten separat am „Katzentisch“ mittlerweile mehr hockend als sitzend, denn nun hatte auch der letzte von uns die Dreißig erreicht und das Mobiliar war offenbar unter uns zusammengeschrumpft. Wir verspachtelten Omas Torten, die sie trotz ihres fortgeschrittenen Alters immer noch so wie früher hinbekam. „Am Schneebesen soll das Volk genesen“, sagte sie dann immer.

Sven war aus Hannover angereist, Sabine aus Frankfurt und ich aus der einzig größeren Stadt der Region. Wir hatten uns gegenseitig über unsere Praktikantenjobs und Freiberuflertätigkeiten ausgetauscht, nur Sven hatte keinen Bock mehr auf das alles und war in alternativen Szene gelandet. Und er bedauerte es, dass er heute nicht in der Volxküche mithelfen konnte.

An unserem Tisch saß auch Sylvia, die Nachbarstochter. Aber nicht nur der Umstand, dass sie nicht zur Familie gehörte, machte sie zu einem besonderen Gast. Sie hatte ihren Nachwuchs mitgebracht. Der einjährige Tim krabbelte mit marzipan- und schokoladeverschmiertem Mund auf dem Fußboden herum und bewarf die Katze mit Dominosteinen. Aus dem Wohnzimmer drang mit der Lautstärke von Kanonenschüssen inzwischen „Haitschi Bummbeitschi Bummbumm“ und ich wusste nicht, ob ich Gesundheit wünschen oder mich besser unter den viel zu kleinen Tisch ducken sollte.

Es war klar, dass der kleine Tim schnell Mittelpunkt des Geschehens wurde, obwohl in ihm geistig noch nicht viel mehr als in der Katze steckte. Ich befürchtete das Aufkommen einer alljährlichen Erscheinung und vernahm dann auch wenig später das erste Mal aus dem Elternkreis das Wort „Enkelchen“. Und wenn Onkel Dietmar ein paar Herrengedecke zuviel innehatte, neigte er zur Theatralik. Als er das Wort „Enkel“ aussprach, hob er die Arme leicht aufwärts. Da er schon heute nicht mehr gut zu Fuß war, stellte ich ihn mir in zehn Jahren vor: Ein „Dawn of the Dead“ entsprungener Dietmar-Zombie, den es schwankend nach „Eeeenkelln!“ verlangt.

Wenn dieser Zeitpunkt mit dem Nachwuchs-Wunsch gekommen war, mussten wir kinderlosen Cousins und Cousinen uns eine Taktik überlegen, jetzt an die Geschenke zu kommen, ohne unseren Stolz zu verlieren. Seit wir denken konnten, lagen die Päckchen unter dem Baum, zu denen sich unsere inzwischen mittelalten Staturen weit hinunterbücken mussten. Wir wussten: Da war Geld im Spiel, und damit ließen sich die heutigen Eindrücke wenigstens abends im Freundeskreis gezielt wegspülen. Reicher, nur eben voller Kunstschnee und in verdellte Kugeln verheddert.

Ein Moment der Ablenkung war also vonnöten. Zum Glück besorgte Oma Gerda diesen Augenblick höchstselbst. Sie wuchtete sich aus dem Lehnsessel, auf die Arme gestützt, und kam in die Höhe. Damit war sie zwar nach Tim immer noch die kleinste Person in den Räumen, aber ihr Finger, der bedrohlich in unsere Richtung wies, verschaffte sich den nötigen Respekt. Sie holte einmal tief Luft. Und rief, von den Enkelwünschen inspiriert:

„Ihr sollt nicht so viel wichsen, Ihr sollt pimpern!“

Leise rollte vor allen geistigen Augen ein weihnachtlich geschmückter Steppenbusch quer durchs Zimmer. Onkel Dietmar und die Eltern ließen den Schritt zum Zombie aus und gingen gleich in erstarrte Mumien über. Die Platte gab das angenehmste Geräusch von sich, das ihr möglich war: Das Knistern an ihrem Ende. Ein Fauchen und ein Quietschen war vom Teppichboden aus zu hören: Die Katze hatte Tim gezeigt, wer hier die Stärkere war. Doch das interessierte im Moment niemanden.

Nach dreizehnmaligem Ticken der großen Wanduhr fasste sich der alternative Sven allmählich wieder. Und nach einem kurzen Stammeln hatte er die passenden Worte auf den Vorschlag der weisen, 91-jährigen Grand Dame gefunden:

„Ich werd das mal im Plenum vorschlagen!“

Das war der Wind, der die Mumien in ihren Sofas zu Staub zerfallen ließ. Wir dachten nicht lange nach, nutzten unsere Chance und schnappten uns die Päckchen. Machten uns aus dem elterlichen Mumienstaub.

Dieses Mal ging’s noch gut. Doch wir benötigen nächstes Jahr eine deutlich bessere Strategie. Vielleicht ein Enkel? Ach nein, ich glaube nicht. Wir sind doch noch jung.

(Bild: the contented, Lizenz)

Ein Kommentar

  1. Sven schrieb:

    Das sind Todessternkugeln!

    Samstag, 20. November 2010 um 16:39 | Permalink

Einen Kommentar schreiben

Ihre Email wird NIE veröffentlicht oder weitergegeben. Benötigte Felder sind markiert *
*
*


Fatal error: Call to a member function return_links() on null in /www/htdocs/w009b2a2/blog/wp-content/themes/veryplaintxt4/veryplaintxt4/footer.php on line 29