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Frühkindliche Autoerotik

Obwohl ziemlich viele Leute denken, ich könne gut mit Kindern umgehen, muss ich gestehen: Das stimmt nicht so ganz. Als meine Nachbarin Sabine mir zum Beispiel erstmals ihren kleinen Sohn vorstellte, sah das in etwa wie folgt aus.

„Guck mal, Rouven“, sagte sie zu mir und wies im Treppenhaus auf etwas Blondes, das mir nicht einmal bis zur Hüfte reichte. „Das ist Helge. Und Helge, das ist Rouven, der wohnt neben uns.“

Helge sah mit seinen großen Augen von unten zu mir herauf. Aufgrund empirischer Beobachtungen ähnlich gestalteter Situationen habe ich bei vielen erwachsenen Menschen die Tendenz festgestellt, sich in solchen Momenten zu einem Kind herunter zu bücken. Eine von mir aufgestellte Hypothese erklärt jenes Verhalten damit, dass diese erwachsenen Leute nachgucken wollen, ob hinter den Kinderaugen noch irgendetwas anderes ist. Es genügt jedoch nur ein bisschen Überlegung, um zu dem Schluss zu kommen, dass dort nichts sein kann. Denn was soll in so einem jungen Kopf schon stecken?

Helge und ich schauten uns an, ich von oben, er von unten. Um zumindest irgendetwas zu sagen, entrang ich mir ein „Na?“ und zog an meiner Zigarette. Beim Ausatmen des Rauchs fiel mir auf, dass das nicht alles gewesen sein konnte. Darum fügte ich noch hinzu: „Und sonst so?“

Damit hielte ich den Stand unserer Beziehung zueinander für geklärt. Sabine hingegen schien dies aber nicht bemerkt zu haben, war wahrscheinlich hektisch versunken in Gedanken, die alleinerziehende Mütter nunmal so haben (das nächste Date aus der Singlebörsengruppe „Wer mich haben will, muss erst meinen Sohn gewinnen“) und zerrte Helge abschiednehmend in ihre Wohnung.

Bis auf ein paar wenige Gelegenheiten war Helge für mich seitdem nur ein kleiner Nachbar, der Matchbox-Autos an die uns trennende Wand knallte und dem ich bei selteneren Besuchen aus seinen Comics vorlas. Mehr nicht.

Der Tag von Helges Einschulung stand aber bevor. „Rouven, Du musst uns morgen begleiten“, bettelte Sabine mich an mit einem verzweifelten Gesichtsausdruck, von dem ich dachte, dass Hugh Grant die Rechte dafür besaß. Helge sollte die Grundschule eines kleineren, gutbürgerlichen Stadtteils besuchen und Sabine befürchtete, dass seine Erziehung darunter leiden könnte, wenn alle anderen sich nach seinem nichtanwesenden Vater erkundigen würden. „Du musst auch nichts sagen. Es reicht, wenn Du einfach nur da stehst“, sagte Sabine zu mir und das und die weitere, gute Nachbarschaft ließen mich tatsächlich zum Mitkommen breitschlagen.

Am darauf folgenden Tag klingelte ich an der Tür nebenan. Sabine öffnete, mit einem Handtuch-Turban um den Kopf gewickelt und bat mich herein. „Setz Dich noch kurz in die Küche, ich mach mir eben noch die Haare.“

Sabine verschwand im Bad. In der Küche stand wartend der kleine blonde Pimpf, mit einem vermutlich noch leeren Scout-Ranzen auf dem Rücken und einer Schultüte, die beinahe so groß war wie er selbst. Ich setzte mich an den Tisch und Helge tat das, was er am Besten konnte: Gucken.

Ich suchte nach meinen Zigaretten, da mir die Wartesituation unangenehm war, aber ich erinnerte mich rechtzeitig daran, dass hier drin nicht geraucht werden durfte. Etwas durchbrach die Stille.

„Duuuu?“ kam es aus Helge heraus. Erst jetzt bemerkte ich, dass der Kleine nervös wackelte, so dass die ganzen Kinder-Countrys aus der Schultüte zu fallen drohten. „Wie ist das so in der Schule?“ wollte er wissen.

Da saß ich nun, ich perplexer Mann. Sollte ich ihm von den Grausamkeiten der Zeit erzählen, die ihn nun erwarteten? Oder sollte ich ihm lieber von den spannenden Augenblicke aus meiner Schulzeit berichten, damit er zuversichtlich in den Tag gehen konnte?

Ich überlegte. Vielleicht sollte er wissen, dass, gemessen an den gesamten Schulerfahrungen, Lesen und Schreiben lernen eher überschätzt wird. Obwohl, wenn ich so an die erniedrigenden Momente dachte, in denen ich ihm die Sprechblasen aus seinen Knax-Heften vorlas („Backbert, Steuerbert, Vorsicht, da hinten kommt Fetz Braun!“), konnte er das nicht früh genug lernen.

Sollte ich ihm vielleicht vom Sexualkundeunterricht erzählen? Ich wusste zwar nicht, wie es in den aktuellen Lehrplänen gehandhabt wurde, aber ich wurde zu meiner Zeit bereits im zweiten Schuljahr aufgeklärt. Wir mussten uns alte Super 8-Filme von der FWU – dem Institut für Film und Bild im Unterricht – ansehen, bei denen niemand wusste, ob auf der Leinwand ein Spermium zu sehen war oder ob es sich um eine knisternde Schadstelle des Films handelte.

Anhand von merkwürdigen Folien mit bunten Querschnitten wurde uns damals gezeigt, wie Geschlechtsorgane funktionierten. Dabei hätte es sich genau so gut um außerirdisches Gemüse handeln können.

„Ich mag kein Gemüse!“ polterte es aus Helge heraus und ich bemerkte an seinen aufgerissenen Augen, dass ich wohl nicht nur gedacht, sondern auch laut gesprochen haben musste. „Nee, heute gibt’s auch keins“, versicherte ich ihm schnell, riss vorzeitig ein Kinder-Country aus seiner Schultüte, packte es aus und gab es ihm. Er sagte nur noch „Und Mädchen stinken“, dann kaute er, war zufrieden und still.

„Pass mal auf, in ein paar Jahren sagst Du das nicht mehr“, entgegnete ich und dachte wieder an meine eigene Schulzeit. Spätestens ab der dritten Klasse waren alle Jungen der Klasse verknallt in Yvonne. Und das Schöne daran war, dass es eine rein ästhetische Liebe gewesen sein muss. Denn Yvonne war tatsächlich das hübscheste Mädchen, aber Pubertät kannten wir wenn überhaupt nur vom Namen her.

Allerdings gab es in dem Alter schon erste Formen von Erotik. Wir saßen in der Klasse damals in einer U-Form mit Blick zur Tafel. Einige Jungs – unter anderem ich – hatten ihren Platz am rechten der U-Schenkel, Yvonne saß uns direkt gegenüber. Aus einem nicht näher ergründbaren Motiv verspürte sie, die wir so oft anschmachteten, an einem Tag plötzlich Lust, ihre eigene Schulter zu lecken. Dafür zog sie ihren Pulloverausschnitt etwas zur Seite, dann leckte sie sich mit ihrer Zunge über das Schulterblatt. Wir Jungs waren erstarrt. Es war überhaupt nicht mehr daran zu denken, dem Unterricht zu folgen (ich glaube, es ging im Sachkundeunterricht um die Topographie des Sauerlands). Neben mir saß damals Frank. Und er brachte als Einziger zur Sprache, woran wir alle dachten. Er deutete mit dem Zeigefinger nach Gegenüber, auf Yvonnes Ausschnitt, und sagte laut in den Raum hinein: „Bitte tiefer!“

Sagte ich schon, dass wir acht Jahre alt waren? Nein? Wir waren acht!

„So, Ihr Beiden. Wir sind viel zu spät dran, wir müssen los“, kam Sabine mit perfekten Haaren in die Küche gestürmt, schnappte sich Helge, und ich trottete den beiden voraneilenden Nachbarn hinterher.

Eine halbe Stunde, nachdem ich meinen Schulerinnerungen nachgegangen war, standen wir in Helges neuem Klassenzimmer. Zweiundzwanzig Pimpfe, ebenso in eine U-Form zusammengepimpft wie ich selbst seinerzeit. Sabine hatte Recht gehabt: Ohne mich wäre sie die einzige Frau gewesen, die ohne ihren Mann erschienen wäre. Und von den Elternpaaren standen einige sogar im Anzug bzw. Kostüm an den Wänden des Raumes herum.

Vor der Tafel stand eine Frau mit Doppelnamen – nennen wir sie „Erwitte-Anröchte“ – und begann eine Rede mit „Ich begrüße Sie hier und heute..“ und es war schnell klar, dass diese Rede nicht an die Kinder, sondern an deren Eltern gerichtet war.

Den i-Männchen wurde dadurch schnell langweilig. Ein Mädchen begann damit, in ihren Haaren herumzunesteln. Einer der Jungen konnte es nicht abwarten, in seine Schultüte zu greifen und mit dem Knabbern zu beginnen. Helge stierte zunächst sinnentleert in die Luft. Dann tat er etwas, weshalb ich mir dachte: „Rouven, künftig musst du dich mal mehr darauf konzentrieren, ob du nur denkst oder ob du stattdessen laut redest.“

Helge zog langsam an seinem Pulli-Ausschnitt, diesen bedächtig herunter, streckte die Zunge heraus und legte den Kopf zur Seite. Dann schleckte er sich genüsslich auf seinem Schulterbein herum. Und es schien ihm zu schmecken, denn er ließ nicht locker.

Ihm gegenüber saß kein Mädchen. Aber ein anderer, blonder Junge mit ebenso großen Augen guckte sich das Gelecke interessiert an. Dann probierte er es selbst an sich aus. Es dauerte nicht lange und die Tat machte die Runde. Die Erstklässler waren angesteckt. Zweiundzwanzig kleine Zungen leckten sich selbst an ihren Schultern, und wenn Frau Erwitte-Anröchte eine Sprechpause einlegte, hätten wir wegen der Geräuschkulisse auf die Idee kommen können, hier wären zahlreiche Wasserhähne defekt.

„Äh, Kinder! KINDER!“ rang die Lehrerin um Aufmerksamkeit, als sie die Situation bemerkte. Kurz wurden diese von ihrem Tun aufgeschreckt und Erwitte-Anröchte redete wieder über die Errungenschaften ihrer Schule. Doch es half nichts, die Saat war gestreut und selbst die Eltern, die zwischendurch ihren Nachwuchs wachrüttelten, konnten sie nicht mehr von ihrer ach so leckeren Schleckerei abhalten.

Von „erster, frühkindlicher Autoerotik“ hatte der Schulpsychologe gesprochen, der nach diesem Vorfall extra von der Schule eingestellt worden war. So hatte ich offenbar jemanden durch mein Geplappere von der Straße geholt. Und zwar gleich in doppelter Hinsicht, denn privat hab ich den Psychologen wegen meiner Konzentrationsschwäche jetzt ebenfalls konsultiert. Damit ich künftig auch einmal merke, wann es Zeit ist, das Maul zu halten.

Ach, übrigens: Hab ich das gerade laut gesagt?

(Bild: zugaldia, Lizenz)

P.S.: Vorgetragen hier.

P.P.S.: Einschränkung der Kategorie “Erdacht und Erfunden”. Die Bestandteile der Erinnerungen an die eigene Schulzeit sind tatsächlich so geschehen ;-)

4 Kommentare

  1. Wolfi schrieb:

    Schöne Story :)
    Macht direkt Lust auf mehr von diesen Stories :D

    Mittwoch, 9. März 2011 um 1:34 | Permalink
  2. Katharina schrieb:

    „Frau Erwitte-Anröchte“ – super. :-)

    Mittwoch, 9. März 2011 um 9:18 | Permalink
  3. Denis schrieb:

    Das toll.

    Mittwoch, 9. März 2011 um 13:24 | Permalink
  4. Chris schrieb:

    Wie kann man denn “sinnentleert stieren”?

    Donnerstag, 10. März 2011 um 18:24 | Permalink

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