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Sublokalität – Fortschritt und Quatsch anderswo

Ein weiteres Resümee zum sublokalen Projekt „Bielefelds Westen“ bei der Neuen Westfälischen ist längst überfällig. Die Zeit, die liebe, knappe Zeit hatte es mir aber bislang schlecht ermöglicht, eines zu liefern.

Womit wir auch schon beim Hauptpunkt wären: Zeit. Nach der Vorbereitungsphase und dem Start habe ich festgestellt, dass der Job, sich um ein Viertel zu kümmern, nicht so einfach mal nebenbei zu erledigen ist. Geahnt hatte ich das zwar schon im Vorfeld, festgestellt habe ich es aber sehr bald nach dem Launch. Wenn das Hamburger Abendblatt ein paar Leute mit Laptops und Handys ausstatten lässt* und hofft, dass diese in ihrer Freizeit für Wirbel sorgen, halte ich diesen Gedanken für mindestens vermessen und kann nur Glück in die Richtung wünschen.

Es geht im Sublokalen tatsächlich um die Pflege von Nachbarschaft. Zuhören, was die Leute vor Ort innerhalb weniger Straßenzüge bewegt und deren Anliegen gegenüber Institutionen äußern und öffentlich zu schildern. Das geht nicht in ein paar Stunden am Abend.

Für unseren Test bei der NW haben wir uns mit voller Absicht das belebteste Viertel Bielefelds ausgesucht, in dem mehrere Fachhochschulen, die Uni, Hochkultur und überhaupt: Politisch und kulturell interessierte Menschen beheimatet sind. Mit einem hohen Grad an Identifikation für den Stadtteil. „Wenn dieser “Prototyp” dort nicht funktioniert, dann in keinem anderen Bezirk der Stadt“, schrieb ich dazu einmal.

Bislang gab es ein Meeting mit der Chefredaktion, in dem mitgeteilt wurde, wie das Projekt bisher läuft. Da ich selbst keinen Einblick über die Besuchszahlen habe, war ich überrascht über die Aussage unseres Online-Ressortleiters: „Herr Ridder hat es geschafft, aus dem Stand heraus – ohne dass wir den „Westen“ großartig medial befeuert hätten – für einen Stadtteil so hohe Besuchszahlen zu erreichen wie eine ganze, andere Lokalredaktion [Anm.: NW-Schloß Holte-Stukenbrock]. Inklusive 175 Fans auf der entsprechenden Facebook-Seite [Anm.: Na gut, schon wieder verdoppelt]“.

Das war mir aber auch nur möglich, weil a) die Leute vor Ort von Natur aus am Geschehen um sie herum interessiert sind und b) meine Wenigkeit intensiv mit ihnen zusammen arbeitet.

Mein Arbeitstag sieht in etwa wie folgt aus (wir beginnen übrigens abends):

- Abends, nach der Endredaktion der Printversion, begucke ich mir die Seiten des am nächsten Morgen erscheinenden Blatts. Die Artikel, die das Viertel betreffen, übertrage ich dann in das Online-System und verteile deren Erscheinung über den folgenden Tag.
Wie das exakt aussieht, verrate ich aus Wettbewerbsgründen nicht. Nur soviel sei erzählt, dass ich mit dem Leihgerät für einen Beitrag wie den letzten Schloßhof-Artikel in etwa eine halbe Stunde benötige. Copy&Paste-Verfahren über mehrere Systeme mit fünf verschiedenen Benutzernamen und Passwörter etc. pp. macht’s möglich. Mit mehreren Artikeln wird es da schnell einmal ein bis zwei Uhr nachts. Und ja, mein Freizeit- und Sozialverhalten sieht seit dem ganz, ganz anders aus.

- Tagsüber gehe ich den Tipps, Hinweisen und Ideen nach, die mir aus der Nachbarschaft gegeben wurden oder die ich selbst für unterschiedliche Formate habe. Dabei handelt es sich in der Regel um Veranstaltungen oder Dinge, die für die ganze Stadt keine übergreifende Relevanz besitzen, wohl aber für den Stadtteil. Dabei darf nicht darauf geschiehlt werden, dass ausgerechnet der „Uni-Teil“ am meisten Klicks bringt und man solle sich darauf mehr konzentrieren. Das wäre nämlich auf Dauer Gift für das Stadtteil-Projekt, schließlich geht es dabei im Zentrum um Nachbarschaft. Während dieser Events müssen Facebook und Twitter live (!) bedient werden, und nicht etwa automatisch. Automatische Meldungen erkennt der Leser und sieht, dass da kein Herzblut drinsteckt. Hier wieder: Nachbarschaft. Wir kommunizieren vielleicht mit einer Wohnung nebenan. Das heißt: Ständig zwischendurch die Meldungen verfolgen und gegebenenfalls das Notebook aufreißen.

- Formate: Eigene Formate müssen unbedingt mit dem Gesicht des Stadtteil-Reporters verbunden sein, sonst funktioniert es nicht. Gehe ich auf den Wochenmarkt oder in eine der zahlreichen Kneipen, müssen die Leute vor Ort sofort den Ansprechpartner erkennen können. Das hat zur Folge, dass der Auserwählte für’s Viertel bei einem derartigen Internet-Projekt resistent und gefestigt gegenüber den berühmten Trollen sein muss. Am Ende ist der persönliche Ansprechpartner aber ein Gewinn.

Fazit: Künftige Stadtteil-Reporter müssen sich darüber im Klaren sein, dass sie auch beim Einkaufen am Band auf Parkplatzprobleme oder einen Hundehaufen vor dieser oder jener Haustür angesprochen werden. Das ist vielleicht nicht auf dem Niveau der Süddeutschen. Aber die Süddeutsche interessiert ja auch nicht, welche Gebühren die Stadt Bielefeld von uns Bürgern will.

Die Vorteile eines solchen Jobs sollten dennoch nicht unterschlagen werden. Es ist zwar so, dass jeder weiß, wenn Du vor der Bürgerwache mit diesem oder jener ein Bier getrunken hast. Aber hey: Mal irgendwo in die Kneipe zu gehen, wortlos einen Kaffee hingestellt und in netter Atmosphäre die neuesten Neuigkeiten erzählt zu bekommen, das ist doch auch etwas wert. Der Aufwand ist zwar enorm. Aber unter den gegeben Umständen nehme ich ihn gerne auf mich. Ich mag nämlich die Leutz im Kiez. Und das sollte Voraussetzung vor so etwas sein.

Ach so, eines wollte ich noch bekräftigen: Nachbarschaft (denken Sie sich dazu bitte irgendeine erfundene Geste)!

* Ein Laptop von Vodafone. Schönen Dank auch für die Arbeit.

Link: Bielefelds Westen

2 Trackbacks/Pingbacks

  1. Too much information » Guten Morgen on Freitag, 18. März 2011 um 9:05

    […] Ridder verfasst einen Zwischenbericht über seine Arbeit im Sublokalen, wie er es nennt, für die Neue Westfälische […]

  2. Too much information - Moin - Guten Morgen on Sonntag, 29. Juni 2014 um 18:36

    […] Ridder verfasst einen Zwischenbericht über seine Arbeit im Sublokalen, wie er es nennt, für die Neue Westfälische […]

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