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Flachbildschirmrückseitenberatung

Der mit Abstand gefeiertste Vortrag auf der diesjährigen “re:publica” stammt vom früheren, Bielefelder Mathematik-Professor Gunter Dueck zum Thema “Das Internet als Gesellschaftsbetriebssystem”. Lasst Euch nicht vom etwas schleppenden Beginn täuschen, er steigert sich enorm und die 48:31 Minuten* lohnen sich. Mit zahlreichen Anekdoten gespickt und äußerst unterhaltsam (er erinnert mich seltsamerweise in seiner Mimik und Betonung an den frühen Jerry Lewis. Oder passt “Johann König der #rp11” vielleicht besser?) prophezeit er die notwendige, allgemeine Priorisierung des Netzes, das Verschwinden der meisten Berufe und regt einen anderen Schwerpunkt auf Fähigkeiten von Menschen an. Datenschützer dürften den einen oder anderen Punkt sicherlich anders sehen.

Grandios waren beispielsweise seine Neuwortschöpfungen für Behandlungsweisen im Dienstleistungssektor wie “Flachbildschirmrückseitenberatung”.

Aber hört und seht selbst:


Youtube-Direktlink

*Das Video ist übrigens kein offizielles von der re:publica, sondern geleakt (daher die kleine, zwischenzeitlich eingeblendete Fehlermeldung auf dem Screen für zirka eine Minute). Ich hab mir aber sagen lassen, dass die offizielle Version bald kommt.

Zwei Anmerkungen hätte ich “Oberlehrer” nach längerem Nachdenken aber dennoch:

1.) Das, was Dueck im Hinblick auf die Netzverfügbarkeit fordert (“Warum ist das [Internet] nicht einfach da?”, “Warum muss ich mir im Hotel ein Business Media Paket kaufen?”, man würde nur an “Tower-Lösungen” schrauben etc.), wird bereits vielfach in der Debatte um Netzneutralität formuliert. Obwohl der Begriff im Vortrag nicht fiel.

2.) Wenn die Gesellschaft sich darauf konzentriert, emotionale oder pädagogische Fähigkeiten herauszubilden und zu fördern, ist am Ende niemand (oder nur wenige Menschen) mehr vorhanden, der Wissen generiert. Dueck hätte zu dem Problem wahrscheinlich gesagt: “Darüber sollten wir nochmal nachdenken” oder “Da muss man was machen”.

[mit Dank an Philipp für den Link]

6 Kommentare

  1. Dagmar Buchwald schrieb:

    Wenn die Gesellschaft, sich nur noch darauf konzentrieren würde, pädagogische Fähigkeiten herauszubilden (falls er das so absolut gemeint hat), sind dann auch keine oder nur noch wenige da, die überhaupt etwas generieren: Nahrungsmittel, Produkte … Dueck ist auf einem Bauernhof aufgewachsen, eigentlich müsste er wissen, dass emotionale oder pädagogische Tätigkeit alleine nicht ausreichen, um Felder zu bestellen, zu ernten und Lebensmittel darauf herzustellen. Oder ginge das dann alles per Computer und Internet? (Dies ist unter dem Vorbehalt gesagt, dass ich seine Bücher (noch) nicht gelesen habe – allerdings macht dieser Beitrag enorm Lust darauf, sie zu lesen).

    Sonntag, 17. April 2011 um 0:54 | Permalink
  2. Kai schrieb:

    Danke für den Link. :)

    Sonntag, 17. April 2011 um 22:35 | Permalink
  3. Gunter Dueck schrieb:

    Liebe Leute, ich sage, dass man heute NUR das Fachwissen hochhält – und zwar in einer Weise , die dem Internet nicht gerecht wird. Man braucht aber ZUSÄTZLICH so etwas wie Professionalität, also MEHR, nicht einfach nur anderes…das kann ich irgendwie nicht so richtig in ein paar Minuten rüberbringen. Also noch mal: Fachwissen reicht einfach nicht! Dadurch entsteht ein Kapazitätsproblem, zB an Zeit. Also muss sehr viel mehr auch durch die Eltern geleistet werden, dann effizient das Fachwissen per Internet besser beigebracht werden – und in der gewonnenen Zeit muss alles andere auch ran…

    Lesen Sie mal, warum Projekte scheitern, in Wirtschaft und Ökonomie, privat in der Ehe und anderswo – nicht am Wissen! An dieser Baustelle des Scheitern müssen wir jetzt etwas tun!

    Etc. ich kann leider keinen Roman schreiben…sorry..Gruß GD

    Montag, 18. April 2011 um 8:22 | Permalink
  4. Rouven schrieb:

    Hallo, Herr Dueck.

    Einen Roman hier zu schreiben, verlangt niemand von Ihnen. Ihre Bücher werden mit Sicherheit jetzt vielfach bestellt.

    Aber vielen, vielen Dank für die Antwort.

    Montag, 18. April 2011 um 10:01 | Permalink
  5. Gunter Dueck schrieb:

    Hier noch der Link zum Wort oben, dazu gibt es schon einen Artikel!!

    http://www.omnisophie.com/day_107.html

    Montag, 18. April 2011 um 10:12 | Permalink
  6. Dagmar Buchwald schrieb:

    Lieber Herr Dueck,

    das finde ich ja alles richtig und wunderbar beobachtet.

    Es ging mir um eine allgemeine Gesellschaftsanalyse, die sich durch Ihren Vortrag ja auch anbietet.

    “Wissen” ist nicht dasselbe wie “Können”. Das ist ein Denkfehler, den Computermenschen immer wieder machen. Wissen kann man aus dem Internet ziehen – weshalb ja auch manche Experten aus dem Bereich AI auf die Idee kommen, man sollte Wissen einfach nur noch direkt in Gehirne downloaden. Können entsteht hingegen nur durch Einüben (körperlich), durch Beherrschung von Kulturtechniken. Das kann Ihnen jeder Pianist oder Sportler bestätigen. Um eine Sonate zu spielen, reicht es nicht, das Wissen um Klavierspielen aus dem Internet zu ziehen. In diesem Bereich gibt es auch keine Zeitersparnis.

    Ihre Analyse ist völlig richtig, wenn man davon ausgeht, dass immer alles so weitergeht, Strom fließt, die Grundnahrungsmittel bei immer weniger körperlichen Einsatz durch maschinisierten Einsatz in der Landwirtschaft produziert werden. Dadurch entstehen natürlich auch immer mehr Arbeitslose. Und die sollen dann alle in den tertiären oder quartiären Sektor? Und lernen Pädagogik und Kommunikation. Den rest ziehen sie aus dem Internet oder bringen anderen bei, wie sie es aus dem Internet ziehen können.

    So: und dann lassen Sie mal eine Gesellschaftsumwälzung kommen – Naturkatastrophe, Revolution (die sicher kommen wird angesichts der ungerechten Verteilung zwischen Industrienationen und aufstrebenden Nationen).

    Und dann haben Sie hier Millionen fettleibige Kinder, die den ganzen Tag vor dem Computer gesessen und Wissen aus dem Netz gesaugt haben, aber keine 3 km mehr zu Fuß gehen können, ohne nach Luft zu japsen, kein Butterbrot selber schmieren können, von Brotbacken oder Weizenanbau, Holz fällen um zu heizen ganz zu schweigen. Und dann nehmen sie denen mal das Internet weg und sagen denen: wir müssen jetzt leider nochmal ganz bei Null anfangen. Da finden Sie niemand mehr, der alte Kulturtechniken noch beherrscht. Er kennt sie, ja, aber er beherrscht sie nicht.

    Verstehen Sie, worauf ich hinauswollte?

    Das konnte Ihr Vortrag natürlich gar nicht leisten oder beantworten, weil das auch gar nicht das Thema war.

    Meine Hoffnung ist, dass die Y-Professionals von selbst einsehen, dass zur ganzseitig gebildeten Persönlichkeit auch die Einübung spezifischer Kulturtechniken gehört (weswegen sie ja auch ganz gerne am Wochenende mal zu Suvival-Camps gehen und ihre Kinder auf Waldorf-Schulen schicken, damit die auch mal “was mit den Händen” machen …;-))

    Also nochmal: das war keine Kritik an Ihrem Vortrag, sondern ein Weiterspinnen der Zukunftsperspektive,

    Grüße

    DB

    Montag, 18. April 2011 um 10:48 | Permalink

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