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Viertel-Tscheche

Zu einem Viertel bin ich Tscheche, aber so ganz klar ist das nicht. Mein Großvater mütterlicherseits hat immer ein großes Geheimnis aus seiner Herkunft gemacht, aber er war ein Künstler im Verschweigen. Das bewies er allein dadurch, die Ç-Tilde in seinem Familiennamen auf allen Briefen konsequent auf ein deutsches “e” zu ersetzen. Bis selbst die Versicherungen glaubten, er hieße Krema statt Krcma. Warum? Tschechien ist doch ein tolles Land.

Es musste also irgendetwas Gravierendes in seiner Vergangenheit passiert sein, damit die eigene Herkunft derart verleugnet wurde. Was wir heute – lange nach seinem Tod – wissen: Es gibt (oder gab) Verwandtschaft in Prag und er wurde nach der “Eingemeindung” Böhmens und Mährens 1938 für die Wehrmacht in den Russland-Feldzug geschickt. Wo er dann lange in Kriegsgefangenschaft saß, danach seltsamerweise in meinem kleinen, ostwestfälischen Heimatort landete, meine Großmutter kennenlernte und, nun ja, ein Resultat davon bin ich.

Seine Kriegsgefangenschaft muss grausam gewesen sein – ich hatte ihn damals für die Begründung meiner Wehrdienstverweigerung befragt (bei einigen Details riet mir meine Psyche anscheinend, dieses und jenes sofort wieder zu vergessen). Im Ergebnis war “Russe” ein Schimpfwort, bei jeder Familienzusammenkunft. Wir sollten alle nichts wissen, wir waren ja alle deutsch und befanden uns im Frieden.

Als die Spätaussiedler in den 1990er Jahren zuhauf und auch in der kleinen Gemeinde ankamen, wurde das zu einem Problem. Der “Russe” (obwohl die Ankömmlinge offiziell deutsch waren) kam zurück. Und der Enkel – ich als damaliger Sozialamtsmitarbeiter – war sogar maßgeblich an deren Integration beteiligt. Das sorgte nicht gerade für besonders viel Seelenfrieden innerhalb der Familie.

Im Haus gegenüber zogen einige von ihnen ein und meine Mutter ist bis heute nicht besonders begeistert darüber. Die innerhäusigen, privaten und intellektuellen Verhältnisse waren nicht mehr besonders entspannt. Mein jüngerer Bruder und ich zogen fast zeitgleich aus und in andere Städte.

Und wir finden uns wieder in Bielefeld. Hier gibt es Menschen aus 151 Nationalitäten, und man trifft überall auf sie, sei es in der Uni, am Kiosk, in der Gastronomie oder sonstwo. Und man versteht sich. Dagegen ist eine tschechische Herkunft, und sei sie bloß zu einem Viertel vorhanden, lachhaft.

Eine “deutsche Rasse” oder so einen gedanklichen Schwachsinn gibt es seit jeher nicht. Ein genauerer Blick in den eigenen Stammbaum genügt. Das müsste bloß so langsam in den Köpfen von Pegida oder in Freital ankommen.

Ich bin gespannt auf die Hass-Mails. Guten Tag.

3 Kommentare

  1. ben_ schrieb:

    Ah. Da kann ich ergänzen: Väterlicher Seits stammen die Birkenhakes von Hugenotten ab, die vemrutlich im 17. Jahrhundert mit all den anderen Hugenotten aus Frankreich kamen. Mütterlicherseits komme ich aus einer Familie, die im Zuge der französischen Besetzung des Ruhrgebietes also 1923 nach Deutschland kam. Ich bin also eigentlich Franzose. :D

    Mittwoch, 28. Oktober 2015 um 13:13 | Permalink
  2. Volker schrieb:

    Mein Opa stammt aus Erwitte, gilt das auch? Und wo sind die Hass-Mails? Ich habe mir extra einen Logenplatz gesichert.

    Mittwoch, 28. Oktober 2015 um 21:08 | Permalink
  3. Carsten schrieb:

    Unsereins ist Spross eines verarmten, niederländischen Landadelsgeschlechts, das im 17. Jahrhundert als Spione ins Füstbistum Osnabrück entsandt wurde. Man strandete in Hagen a.T.W., die Kommunikation nach Hause klappte aber irgendwie nicht und die Aktion wurde abgeblasen. Darauf hin zogen einige Herkenhoffs weiter bis nach Brasilien und Amerika. Mein Zweig bis knapp hinter Osna. Nun ja.

    Freitag, 30. Oktober 2015 um 20:24 | Permalink

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