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Nr.5 lebt

Es gibt so Dinge, bei denen man nicht weiß, ob man sie lieber für sich behalten oder doch weiter erzählen sollte, damit man sie nicht dauernd mit sich herum trägt und in sich hinein frisst.

Die Sache mit dem gestrigen Suizidversuch gehört zu dieser Sorte von Begebenheiten. Kurz gesagt, wollte ein älterer Mann sich das Leben nehmen, indem er über eine Balkonbrüstung im dritten Stockwerk stieg und sich hinab warf. Und ich war genau zu dem Zeitpunkt zugegen.

An der Stelle stelle ich mir – seitdem das passiert ist – die Frage, ob es “leider” oder vielleicht “gottseidank” heißen müsste, dass ich dort war. Denn auch ich hab panisch reagiert – Puls und Atmung des Mannes überprüft. Niemand anderes traute sich das offenbar. Es ist ja auch nicht angenehm, eine am Boden liegende, röchelnde Person zu berühren.

Die Bilder und Geräusche werde ich aber wohl in nächster Zukunft leider nicht vergessen. Einige Leute meinten, ich solle selbst zum Arzt gehen und mich krank schreiben lassen. Und ich bin zu dem Schluss gekommen, dass ich nicht hingehen und weiter arbeiten werde.

Seinem nicht selbst gewählten Leben auch einen selbst gewählten Abschluss zu bescheren, halte ich für sehr legitim, insbesondere wenn es die Umstände (die lassen wir an dieser Stelle lieber weg) wie im oben geschilderten Fall nahe legen. Allerdings wäre dann die Art und Weise des Ablebens für das dankbare Umfeld durchaus zu überdenken.

Nach meiner Zivi-Zeit in der Altenpflege hatte ich dergleichen fast 20 Jahre lang nicht gesehen. Und auch damals sind die – ich glaube: in meiner Gegenwart insgesamt vier – alten Leutchen einfach nur dahin geschieden. Der gestrige war der erste mit eigener, gewaltsamer Einwirkung. Und wenn mich nicht alles täuscht, wurde er mit vollem Alarm und Sirenen vom Platz geführt, d.h. er lebte noch.

Das Geschehen wirft für mich philosophische Grundfragen auf. Und ich sollte vielleicht auch anführen, dass ich eine Depressions-Vorgeschichte besitze, demnach etwas “gefühlskälter” bin als die meisten Menschen. Will sagen: Ich kann nicht so gut empfinden.

Und deshalb werde ich nicht zum Arzt gehen, denn dann würde ja die alleinige Ansicht der vorab beschriebenen Situation als “krank” gelten. Jetzt kommt es (wait for it): Ich halte so etwas für normal. Tod ist alltäglich. Die Ausblendung wäre krank.

Ich bin froh, für das Leben Berufungen gewählt zu haben, die sinnstiftend sind. Ich verkaufe keine Aktienpakete (für das Hemd, das keine Taschen hat), ich informiere die Nachbarschaft (über das kurze Leben vor Ort). Und ich helfe alten Menschen im phantastischen Hauspflegeverein, ihr Leben zu meistern.

Das ergibt Sinn.

3 Kommentare

  1. Marc schrieb:

    Alter Schweder… Danke, dass Du dich überwunden hast, den Artikel zu schreiben.

    Mittwoch, 3. August 2016 um 10:14 | Permalink
  2. Markus Freise schrieb:

    Sehr guter Artikel, Rouven. Sehr gute Ansicht. Richtige Entscheidung.

    Mittwoch, 3. August 2016 um 15:18 | Permalink
  3. Sascha schrieb:

    Danke und alles Gute! Über sinnstiftende Dinge kann man nie genug nachdenken und sagen. Sascha

    Dienstag, 16. August 2016 um 22:06 | Permalink

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