Der Kummer-Karsten (VersC)

Geschrieben am 16 November 2005

(vorgetragen beim heutigen Bielefelder Poetry Slam)

Freund Karsten kenne ich seit jeher als unter großer finanzieller Abgebranntheit leidend. Es war allerdings nie so, dass man ihn zu dem resignierten Menschenschlag zählen könnte, oh nein, denn er ist sich für nichts zu schade und gehört auch der Kategorie an, die selbst die Sache mit dem Kugelschreiber-Zusammenstecken zumindest einmal ausprobieren. Doch gelegentlich sind seine Ideen mitunter – gelinde ausgedrückt – etwas abstrus.

Als ich ihn zum Beispiel das vorletzte Mal in der Fußgängerzone getroffen hatte, berichtete er mir von der ach so grandiosen Idee, in seiner Wohnung Bewerbungstrainings abzuhalten.
Es konnte nur als Beweis für seinen Mut und seinen Sinn für’s Originelle gewertet werden, dass ausgerechnet er so etwas wagte. Aber, so hätte er entgegnet, dass es ihm an Erfahrung im Schreiben von Bewerbungen mangelte, davon könne ja kaum die Rede sein.
Dennoch war dieses Unterfangen von vornherein zum Scheitern verurteilt, und soweit ich weiß, entwickelte sich daraus außer einem amourösen Abenteuer unseres Dozenten nichts, der Existenzgründerzuschuss lief aus und die Ideensuche konnte wieder anlaufen.

Als er mich bei meinem jüngsten Besuch an der Wohnungstür begrüßte, schien er guter Dinge zu sein. Sein Gesicht wies ein Lächeln auf, dessen Breite mir beinahe unheimlich vorkam.
Er bat mich herein und ich setzte mich auf das Küchensofa. Karsten platzierte ein Glas vor mir mit den wuchtigen Worten „das sei jetzt was ganz Besonderes“, schenkte mir daraufhin aus einer Flasche rote Flüssigkeit hinein.

Nun würde ich mich zwar nicht gerade als den Weinkenner par excellence bezeichnen, schmeckte aber doch heraus, dass es sich hierbei keinesfalls um den üblichen Stoff handeln konnte, den wir aus den einschlägigen Supermarktketten für bis zu zwei Euro pro Flasche gewohnt waren.

„Karsten, sag mal, was ist das?“
Er setzte sich mir gegenüber. „Ich hab’ ne Kiste davon bei dem Weinhändler hier um die Ecke gekauft. Der Laden is’ mir vorher nie aufgefallen.“
Ich wurde misstrauisch. „Sag mal, kann es sein, dass das nich’ so ganz günstig war?“
„Naja. Auch, wenn es knapp ist, ich kann nich’ immer nur knausern. Manchmal muss ich mir eben auch mal was gönnen, weißt du?“
„So hab ich dich selten reden gehört. Läuft es etwa gerade ganz gut bei dir?“
„Hm , weißt du, vor einigen Wochen, da war ich bei der Karin. Du weißt doch, sie hatte eine Weile lang diesen merkwürdigen Typen, wie hieß er doch gleich…?“
„Jochen,“ verkürzte ich seine Überlegungen.
„Ach ja, Jochen. Jedenfalls war wohl kurz zuvor mit den beiden Schluss. Das ist eigentlich nicht so schön, aber ich hab dabei was herausgefunden.“ Er grinste wieder so debil wie an der Wohnungstür und würde mit Sicherheit gleich zum finalen Schlag auszuholen.
„Mir ist nämlich bei ihr aufgefallen, was ich überhaupt am Besten kann. Verstehst du? Ich hab herausgefunden, wo meine Fähigkeiten und Energien am sinnvollsten eingesetzt werden können…“
„Jetzt bin ich aber gespannt,“ entgegnete ich und das war noch nicht einmal gelogen.
„Das beste, was ich nunmal kann,“ er rückte näher zu mir und verlieh seinen Worten einen bedeutungsschwangeren Unterton „…ist Zuhören!“
Er lehnte sich wieder in seinem Stuhl zurück, sicher, dass diese Überraschung gesessen hatte. Hatte sie aber nicht. Jedenfalls nicht bei mir und nicht mit Überzeugung.
„Wie jetzt? Zuhören? Willst du mich auf den Arm nehmen?“
„Nein. Pass auf, du weißt, ich konnte schon immer gut zuhören, wenn jemand ein Problem hatte, oder nicht?“
Das konnte ich allerdings bestätigen. Bereits früh handelte sich Karsten unter meinen Freunden den missgünstigen Ruf des „Frauenverstehers“ ein, wenn er wieder einmal einer besonders arg vom Schicksal gebeutelten Bekannten etwas von ihrer Last nahm, bloß durch seine Anwesenheit, sein „Für-sie-dasein“. Und wie oft mussten wir uns dann von dieser wiederum anhören, wie lieb er doch sei.

Ich hatte Karsten schon immer unter dem Verdacht, dass die Qualität seiner kognitiven Fähigkeiten schlicht und ergreifend darin verborgen lag, gewisse, nicht vermeidbare Lücken sinnvoll und dem Kontext angemessen zu schließen, sprich: Unwissenheit elegant zu überspielen und allem Anschein nach funktionierte diese Vorgehensweise auch ganz hervorragend.

„Ich hab’ mich vor kurzem als Tröster selbstständig gemacht,“ eröffnete er mir unverfroren.
Ich staunte nicht schlecht und bat um weitere Erläuterungen.
„Ja, glaubst du mir etwa nicht? Hier, warte.“
Er kramte in seiner hinteren Hosentasche und fand ein gelbes Stück Papier, das er mir Ungläubigen zur Ansicht reichte. Offensichtlich handelte es sich um eine Visitenkarte, richtig, dort stand sein Name, seine Telefonnummer und darunter ein selten dämlicher Zweizeiler:

„Zählst Du Dich zu den Aufgelösten?
Ruf mich an und lass dich trösten!“

„Steht auch in den gelben Seiten,“ sagte Karsten.
„Mal abgesehen davon, dass ich immer noch nicht so ganz weiß, was ich davon halten soll: Melden sich wirklich darauf Leute?“
„Aber ja,“ freute er sich. „Überleg doch mal, bei den vielen Trennungen heutzutage. Und das werden nicht weniger. Das ist der totale Zukunftsmarkt.“
Mittlerweile glaubte ich, er sei tatsächlich überzeugt von dem, was er da sprach.
„Karsten, ist das dein Ernst?“
„Ja, aber mal im Ernst. Inzwischen haben wir doch hier so viele unterschiedliche Beziehungsformen, wenn man die alle benennen wollte, ginge es uns wie den Eskimos mit’m Schnee. Weißte, was ich neulich erst gehört habe? Da hat doch jemand tatsächlich seine Beziehung als „Sozialintensivpartnerschaft“ bezeichnet. Krass, oder? Da kommt natürlich so eins zum anderen…“
„Du wirst also tatsächlich ab und zu gerufen?“
„Ja, klar. Vor kurzem hatte ich sogar die Idee, mir eine Art Notfall-Koffer zusammenzustellen. Warte mal,“ er stand auf, und ging in den Flur. Man hörte, wie er etwas herumkramte, bis er mit einem alten Lederkoffer zurückkam. Er öffnete ihn und zeigte mir stolz den Inhalt:
„Hier, siehst du? Natürlich Taschentücher, absolute Pflicht und nicht zuwenig davon. Ein eigenes Kopfkissen und eine Zahnbürste für das „Bitte geh’ noch nicht!“; Flüssigkeitsabweisende Hemden gegen verheulte Schultern, dann Schokolade und Alkohol, also je nach Vorliebe und Schweregrad, etcetera peepee.“
Das musste man ihm lassen: der Mann handelte durchdacht.
Unter dem, was er „etcetera peepee“ nannte, fielen mir mehrere, nur wenige Zentimeter große viereckige Plastiktäschchen auf, deren Inhalt sich ringförmig an der Oberfläche abzeichnete, und ich schloss daraus, dass Karsten den Begriff des Trostes anscheinend sehr weit fasste.
Ich wies auf seine Schutzmaßnahmen:
„Soso. Du prostituierst dich also für die Sache, wie?“ Ich sah ihn von der Seite an.
„Nein, tue ich eigentlich nicht.“ Er begann, herumzudrucksen. „Im Äußersten vielleicht. Und…wenn auch ich Spaß daran hätte.“
Das ging mir dann zu weit. Ich sah ein, dass jeglicher Anklagepunkt an ihm abprallen würde, denn er sah seinen von ihm neuerfundenen Beruf so sehr als einen Dienst an der Gesellschaft, was für mich allerdings nichts anderes als Ausnutzerei darstellte. Plötzlich fühlte ich mich wie ein Politiker, der gegen einen Schönredner ankämpfen wollte, sämtliche Argumente würden zum einen Ohr rein und zum anderen wieder hinaus gehen. Ich verabschiedete mich daher bald von ihm auf ungewisse Zeit und zog wieder meiner Wege.

Wochen später, ich hatte diese Diskussion bereits verdrängt, rief mich Karin, die personifizierte Inspiration zu seinem Experiment, an. Sie kam bald auf ihn zu sprechen und fragte mich, ob ich von ihm gehört hätte. Ich erwähnte meinen Besuch vor einiger Zeit und meine Bestürzung über seinen eigenwilligen Vorstoß in die Marktwirtschaft, aber das meinte sie nicht.
Karin erzählte mir, dass er – wie sie selbst gehört hatte – sich wohl innerhalb weniger Wochen mehrfach verliebt haben musste und sie vernahm, als sie ihn das letzte Mal traf, in großer Folge Frauennamne, die sie noch nie aus seinem Mund gehört hatte.
„Aber weißt du, was das seltsamste war?“ fragte sie. „Er hat mir überhaupt nicht mehr zugehört, verstehst du? Ich konnte sagen, was ich wollte, sofort hieß es wieder ‘Maria hätte dieses und jenes gesagt und etceterea peepee’“.
Tja, da ist unser Karsten vor Verliebtheit wohl blind geworden. Oder besser ausgedrückt: Ihm ist das Sehen und darüber hinaus das Hören vergangen.

EDIT 19.11.: Huch, laut örtlicher Presse “der beste Vortragende des Abends” (*verlegen-werd*)

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1 Kommentar bis jetzt
  1. Feylamia November 25, 2005 23:27

    Nächstes Mal will ich zuhören, Freundchen. Dann is’ nix mit heimlich und so! :D


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