Lap of the Gods

Geschrieben am 25 Oktober 2005

Wenn konservative eingestellte Menschen gefragt werden, was sie zum Glücklichsein benötigen, dann antworten viele von ihnen mit dem Abstrakta-Triumvirat Glaube, Liebe, Hoffnung.
Ich kann mir nun so gar nicht vorstellen, dass die Erfüllung dieser Kategorien im Leben ausreichen würde, um sich tatsächlich zufrieden abends zurücklehnen zu können, würde also noch einige dazu nennen. Darüber hinaus bezweifle ich stark, dass der Glaube (der an Gott o.ä.) wirklich weiter hilft, wenn man Schläge wie den hier kürzlich angesprochenen in Kauf nehmen muss. Womöglich würde er sogar verwirren und damit Unglück beim Glaubenden verursachen.
Da Nana nunmal erst 28 Jahre alt war, gläubig und in sozialen Einrichtungen – u.a. der Diakonie – arbeitete, es sich bei ihr um eine werdende Mutter usw. handelte und insgesamt nur gute Attribute besaß, erklärte der Pfarrer in seiner Predigt, das habe Gott bestimmt nicht gefallen.
Wenn man an diesen Gott glaubt, insbesondere an einen „lieben“, dann sollte er so etwas auch sagen, um seine Gemeinde und die Trauergäste nicht zu verschrecken.
Das, was er aber damit angerissen hatte und selbstverständlich nicht explizit in diesen Gottesdienst gehörte, war ein Problem, dass die Kirchentheoretiker schon seit ganz langer Zeit beschäftigt: Die Theodizee-Frage.
Im Kern dieser Frage steht ein Widerspruch: Wie kann ein allmächtiger und lieber bzw. gütiger Gott existieren, wenn es doch soviel Unglück und Leid in der Welt gibt?
Bei dem jüngsten, persönlich-katastrophalem Ereignis, den frühen Tod einer lieben Person, wird mir niemand absprechen können, dass es sich hier eindeutig um erfahrenes Leid handelt. Dann kann dieser Gott, von dem immer alle sprechen, nunmal nicht allmächtig und gütig zugleich sein, sondern eines von beiden muss ausscheiden. Sofern er überhaupt existiert natürlich.
Diese Schlussfolgerung würde aber zu einer erschreckenden Wahlmöglichkeit führen, einer Entscheidungsfrage, woran man denn eigentlich glauben soll: Entweder-Oder, einer Kontradiktion.
Angenommen, Gott ist allmächtig, d.h. er hat auf alles Einfluss, auf jedes Geschehen. Dann könnte er diesen Todesfall nicht nur einfach zugelassen, sondern womöglich sogar bewirkt haben. Im Falle der Allmächtigkeit wäre also das abstrakte Gewaber da oben namens Gott nicht gütig, schon gar nicht lieb, sondern recht grausam. So würden es zumindest eine Menge Menschen subjektiv empfinden, vermute ich mal dreist und anmaßend behaupten zu dürfen.
Anderenfalls, wäre er nämlich lieb/gütig, hätte er diese schlimme Sache gar nicht erst zugelassen. Dann hat er aber allem Anschein nach nicht viel zu melden im irdischen Geschehen.

Das sind natürlich Optionen, mit denen sich kein rechter Christ so recht anfreunden mag. Und nicht nur Christen, denn auch andere Religionen und selbstgezimmerte Daseinsinterpretationen beinhalten ein uns alle behütendes Etwas, sei es ein Jahwe, ein Buddha, ein Allah oder sonst ein überirdisches Brimborium.
Aber es muss ja auch nicht so sein, wenn man am Glauben festhalten will. Nicht zwangsläufig sind nur zwei Gotteszustände denkbar, man kann sich auch ein paar prima Kompromisse prukeln.
Den Fall gesetzt, es handelte sich bei den möglichen Einstellungen Gottes gegenüber seiner Schöpfung nicht nur um zwei zwingend gegebene, nämlich den des guten Willens mit ihr und den des sadistischen Austobens darob. Denkbar wäre auch eine Antonymie zwischen diesen Extremen, sprich: einer Skala von Einstellungen und Graden der Macht gegenüber der Welt. Die könnte in etwa so aussehen:

Aber auch in jeder Vorstellung von einem überirdischen Wesen, das irgendwo auf dieser Skala anzusiedeln ist, hat leider die der Unvollkommenheit desselben ebenfalls einen Raum. Dieses angenommen, würden wir uns vermutlich sogar sehr nahe am Bibelwort bewegen, wenn es dort heißt, dass Gott den Menschen schuf nach seinem Ebenbild. Das stets unvollkommene Ding, das dabei herausgekommen ist, lässt Rückschlüsse zu.
Damit vereinbar wäre sogar die taoistische Vorstellung von der Rotation zwischen Chaos und Ordnung, die nach einem eher launischen Wesen klingt, übertrüge man diese Idee.

Wer sich denn nun wirklich nicht mehr von einem lieben, gütigen Gott abbringen lassen will, der muss nunmal in Kauf nehmen, dass er hier anscheinend nicht viel zu bewirken vermag. Er wird die Welt kreiert haben mögen, das höchste der Gefühle danach war noch der Funken Leben, den er ihm wie bei Michelangelos „Erschaffung des Adam“ zu geben vermochte (nein, liebe Hippies, das war kein Joint auf dem Fresko). Ab diesem Zeitpunkt kann er nur noch zugucken. Und bedeckt wahrscheinlich seine Augen immer wieder mit den Händen, lugt durch die Finger hindurch. Aber nein, wieder wird ein neuer Ort von der Sonne beschienen und wieder wird jede Menge Mist sichtbar.
Da sitzt er auf seiner Wolke und kann nix machen.
So wird es sein. Wenn man glaubt. Logisch.

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7 Kommentare bis jetzt
  1. Randy Oktober 25, 2005 16:05

    Jaaa, diese Gedankengänge hatte ich auch schon oder zumindestens in leicht abgewandelter Form.

    Meine möglichen Antworten auf diese Fragen sind folgende:
    1. Gott hat gepennt (und wäre damit nicht allmächtig)
    2. Es gibt keinen gott (und gab es vielleicht auch nie)
    3. gott ist ein Arschloch
    4. Gott hatte einen Grund, der für uns nicht einzusehen ist.

    Der 4. Grund scheint mir jedoch recht absurd. Welchen Grund gibt es schon für solch eine Gräueltat?

    Aus dem 4. Grund könnte man jedoch schließen, daß es noch mehr als das Leben gibt… vielleicht eine weiterführende Existensform, die vielleicht sogar noch besser ist als
    das Leben. Und genau da sind wir dann bei der Religion angekommen. Ein weiterer Schluss wäre die Erlösung vom “grausamen” Leben und die befreiung ins Nichts.
    Alleine wenn dies so wäre, wäre Gott diese Tat zu verzeihen, jedoch leiden momentan enorm viele Leute unter dem schmerzhaften Verlust und haben keinen tieferen Einblick, was denn danach sein könnte oder daß es vielleicht gut so war (überhaupt schon krass solch ein Schmu zu schreiben). Wo soll man also trost suchen? Vermutlich muss man einfach an Punkt 4 glauben, da man sonst verrückt wird oder keine wahre Lebensfreude mehr verspüren kann.

  2. J. Oktober 25, 2005 17:24

    Ich stimme zu. Einzig denkbare Option ist, dass Gott unter schrecklichen Varianten die am wenigsten schreckliche auswählt.
    Was einem als Betroffener der am wenigsten schrecklichen Variante überhaupt nix bringt, weil sie beileibe schrecklich genug ist.

    Im Übrigen halte ich, obschon selber Atheist, das Triumvirat Glaube, Liebe, Hoffnung in der Tat für sehr bestechend. Man könnte ein Blogtreffen zu dem Thema anberaumen… Was genau nämlich der Glaube ist darin, weiß ich auch nicht. Jedenfalls würde ich dann gern Kettcar hören (Hauptsache du glaubst) und die Sage der Pandora lesen.

  3. Rouven Oktober 25, 2005 19:26

    Egal, wie man Gott auf logischem Weg attribuiert, was ich sagen wollte ist, dass man an ein solches Überwesen dann am Besten nicht glauben sollte, und dass man sooo auch nicht glücklich werden kann.
    Der Glaube fällt für mich jedenfalls als Bedingung für Glück heraus. Vielleicht wäre es daher besser, von Überzeugungen zu sprechen.
    Und J., ich wollte ja noch was zu Liebe und Hoffnung in Bezug zum Glück sagen (allein der zu erwartende zyklische Aufbau hätte es geboten). Da bin ich wohl gestern plötzlich zu müde geworden ;-). Vielleicht, weil ich einsah, dass dafür mal wieder jede Menge unterschiedlicher Definitionen bemüht werden müssten.
    Aber, wie schon einmal geschrieben, die Hoffnung hat man ja immer noch als letztes in petto (um schnell noch mal auf Pandoras Büchse einzugehen).

  4. Randy Oktober 25, 2005 21:11

    Glaube als “bedingung” des Glücks?
    Da steckt dann ja auch schon ein Zwang drin und man kann nicht einfach frei sein….halt glücklich.

  5. Randy Oktober 25, 2005 21:12

    Ich hätte niemals gedacht, daß ich mal im Internet über Glauben diskutiere.
    Wie absurd

  6. Rouven Oktober 26, 2005 0:27

    Es geht ja - streng genommen - auch nicht um Freiheit, sondern um Glück und Kategorien, denen man für sich selbst am ehesten zutraut, dass es sich dort finden lässt.
    Wenn man nunmal meint, es ließe sich zum Beispiel am wahrscheinlichsten in der Liebe verwirklichen, müsste man sich sogar binden und gewisse Freiheiten aufgeben.
    Sehr einfältig wäre es auszurufen, man verlangte nach Freiheit, ohne dabei zu sagen, wovon (”Ich will frei sein!” - “Ja? Dann erzähl doch mal, was dich bedrückt…” usw..).
    Ganz, ganz oben, am Anfang des Beitrags steht übrigens, dass meiner Ansicht nach nur konservative Menschen dächten, Glaube, Liebe und Hoffnung wären zum Glück unabdingbar.

  7. J. Oktober 27, 2005 1:46

    Naja, dann bin ich halt konservativ. Meine Mitbewohnerin sagt eh immer ich wäre ein Spießer.
    Und, das nur kurz, ich bin müde, wenn man fragen muss “Wovon willst du frei sein?” muss man genausogut fragen “Woran willst du dich binden?”. Und “an jemand Tolles” ist gleichwertig mit “von allem Schlechten”.
    Das musste ich jetzt sagen :)


Konsum



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