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Das Wort mit L

Eines lauen Sommerabends zieht es die beiden besten Freunde und Soziologie-Studenten Beuteschema und netter Typ zu einer geselligen Begebenheit in die tiefsten Tiefen Ostwestfalens. In einer dortigen Bildungsstätte sollen sich gegen Abend nämlich viele Menschen ihren Alters begegnen und sie erhoffen, wie so oft, ihrer jeweils empfundenen Einsamkeit ein Ende bereiten zu können.
Nun muss man vorab dazu sagen, dass sowohl netter Typ als auch Beuteschema dieses Gefühl bereits seit Längerem teilen. Das mag zunächst erstaunlich klingen, aber wird sich vielleicht im späteren Verlauf noch erhellen.
Die Hallen der geistigen Tätigkeit stehen also an diesen Abend ganz im Zeichen einer in diesen Breiten sogenannten Mensaparty und guter Dinge betreten unsere beiden Freunde den Ort des Anlasses. Sie stellen schnell fest, dass sie anscheinend zu früh angekommen waren, denn außer ihnen und dem Bedienungspersonal hält sich dort nur eine Handvoll Leute im dunklen und von Scheinwerfern durchbrochenen Licht auf. Immerhin gelingt es nettem Typen trotz der bereits jetzt vorherrschenden immensen Lautstärke der Musik zu bemerken, dass niemand bekanntes oder jemand von Interesse zur Zeit dort weilt und schlägt daraufhin Beuteschema vor, sich zunächst mit jeweils einem Tequila Sunrise in einer Erwartungshaltung einzufinden. Er will auch bezahlen.
Beuteschema schlägt ein und so begeben sie sich zur Theke, ordern besagte Getränke und lehnen nach deren Empfang locker mit dem Rücken an der Bedienungsbarriere, die langsam eintrudelnde Menge betrachtend und sich die Frage stellend: Warten, aber auf wen und was nur?

Attraktive Menschen treffen ein, sowohl weibliche als auch männliche, die wenigsten als Paar. Es besteht also Hoffnung für unsere beiden Freunde, heute abend jemanden kennenzulernen. Eine Vielzahl der allein erschienen Frauen scheint sich vorab zuhause bewusst Gedanken gemacht zu haben, wie ihre Vorzüge noch hervorzuheben seien. Sie wollen allem Anschein nach für jemand anderen gut aussehen, auch wenn sie diesen Einen womöglich noch gar nicht kennen.
Beuteschema und netter Typ schlürfen derweil an ihren Cocktails und beäugen die eintreffenden Schönheiten. Beuteschema, der von seinem Status weiß, genießt es bisweilen von der ein oder anderen von ihnen betrachtet zu werden. Netter Typ hingegen weiß, dass es für solche Effekte ihn betreffend etwas mehr seinerseits bedurfte als nur Charme und Witz. Er musste manchmal ungeahnte Energiereserven aufbringen, um eine Frau von der charakterlichen Einwandfreiheit seiner Person zu überzeugen. Mit Beuteschema im Schlepptau gestaltet sich das oftmals nicht besonders einfach. So kommt es, dass die beiden nach langem Betrachten des Publikums einen neuen Drink bestellen und ganz vergessen, dass eine Frau trotz der Errungenschaften der Emanzipation immer noch diejenige ist, die angesprochen werden will. Da stehen sie nun, Beuteschema ganz seiner passiven Haltung erlegen, während netter Typ sich stundenlang neue Gesprächstaktiken ersinnt, ohne zum Zuge zu kommen, und stattdessen am alkoholischen Einluller nippen.

In der dritten Stunde ihrer Anwesenheit in der Nähe des Tresens tauschten sie lediglich zwischen sich selbst wenige Worte aus und knüpften keinerlei neue Kontakte. Der schwere, sich plötzlich verbreitende Nebel in den Köpfen der beiden nötigt sie nun sogar dazu, die Party für eine kurze Aufnahme von Frischluft zu verlassen. So begeben sie sich am von Sicherheitspersonal umsäumten Ausgang vorbei und suchen sich einige Meter fernab des Trubels eine Gelegenheit zum Sitzen. Bald finden sie eine Treppe, deren Stufen zwar nicht mehr die saubersten zu sein scheinen, aber nach stundenlangem Lehnen gegen die Theke haben sie sehr bald ihre Ansprüche gesenkt.
Das Gedröhne elektronisch erzeugter Musik dringt dumpf zu ihnen herüber, während sie einsilbig dort sitzen und darüber nachsinnen, warum ihr ursprüngliches Vorhaben zu scheitern droht.

Von ihnen unbemerkt kristallisiert sich hinter ihnen eine kleine Wolke, die über ein paar Treppenstufen stehen zu bleiben scheint. Es grollt aus ihr, doch anstelle der zu erwartenden Niederschläge entrinnen ihr verstehbare Worte.

„Hallo Jungs. Was guckt ihr denn so trübe?“

Überrascht blicken Beuteschema und netter Typ um sich. Ihre Augen weiten sich, als sich innerhalb der Wolke bald eine menschliche Gestalt abzeichnet, deutlich wird und aus ihr heraustritt. Ein älterer Mann mit einem grauen Haarkranz, dicker Hornbrille und mit einem grauem Anzug, der vor mindestens dreißig Jahren einmal modern gewesen war, betritt die Stufen über ihnen und kommt zu ihnen herab, um ihnen direkt in’s erstaunte Angesicht schauen zu können.
Beuteschema gelingt es, etwas zu sagen.

Beuteschema (ehrfürchtig): NIKLAS LUHMANN!

Die Gestalt lächelt, schaut kurz zur Seite, um sich zu vergewissern, dass sie unbeobachtet sind, wendet sich aber dann wieder den beiden zu.

Geist: Nein, nein. Das kann ja schlecht möglich sein. Ich bin nur sein Geist.
Freunde: Sein Geist?
Geist: Nun ja, seine irdische Erscheinung. Nennt es, wie ihr wollt.
Netter Typ: Was führt dich zu uns, Geist von Niklas Luhmann?
Geist: Ja, ich habe wohl mitbekommen, weswegen ihr hier seid, und auch gesehen, wie ihr scheitert.
Beuteschema: Scheitert?
Geist: Stimmt, vielleicht ist das nicht der richtige Ausdruck dafür. Scheitern kann man ja nur, wenn man auch etwas tut. Aber wenn man wie ihr völlig untätig bleibt…
Freunde: Sag uns doch, was wir tun sollen, Geist von Niklas Luhmann!
Geist: Kommunizieren!
Freunde: Kommunizieren?
Geist: Ja, kommunizieren. Ich sagte es bereits. Sonst ist es ziemlich unwahrscheinlich, dass etwas passiert.
Netter Typ: Ja, ich kann ja eigentlich ganz gut reden.
Geist: Das kauf ich dir aber nicht ab, so wie du gerade darüber nachgegrübelt hast, über was du reden sollst. Auch, wenn es merkwürdig klingt, aber ihr könntet, um gemocht zu werden, ein größeres Potenzial an Aggression entwickeln.
Netter Typ: Hast du…äh, haben sie denn einen guten Vorschlag für ein Gesprächsthema?
Geist: Ja natürlich. Wie wär’s denn mit Liebe?
Beuteschema (funkt dazwischen): Sie meinen allen Ernstes, wir sollen mit Frauen, die uns interessieren, über Liebe sprechen?
Geist: Ja, habt ihr nicht aufgepasst? „Liebe als symbolisch generalisierter Kommunikationskode“. Nur, indem man darüber redet, wird etwas so unwahrscheinliches wie die Liebe zu etwas Wahrscheinlichem.

Es herrscht kurz Stille. Beuteschema und netter Typ schauen sich skeptisch an. Der Geist von Niklas Luhmann wartet einen kurzen Augenblick, bevor er zum letzten Motivationsschlag ausholt.

Geist: Nun los. Probiert’s mal aus.
Freunde (zögerlich): Na gut…

Beuteschema und netter Typ erheben sich und gehen die Stufen hinab, bewegen sich wieder in Richtung des Eingangs dem Partygeschehen entgegen. Der Geist von Niklas Luhmann folgt ihnen in einiger Entfernung, bleibt aber unweit der Kontrolleure stehen. Er will beobachten, ob sein Rat Erfolge zeitigt. Nun sieht er aus der Entfernung, wie Beuteschema eine attraktive Blonde anspricht, die ihm wiederum ein Lächeln schenkt. Doch während Beuteschema weiterredet, verfinstert sich ihre Miene, die Stirn legt sich in Falten, sie stößt ihn mit ihrer rechten Hand von sich und wendet sich ab. Perplex steht Beuteschema dort allein.
Netter Typ scheint etwas mehr Glück zu besitzen. Eine Rothaarige schreibt etwas auf einen kleinen Zettel, womöglich eine Telefonnummer, und reicht ihm diese. Auch er befindet sich im Redefluss, aber bereits bei seinem nächsten Satz zieht die Rote eine Grimasse und das beschriebene Stück Papier wieder an sich. Behenden Schrittes eilt sie nun zu einer Freundin.
Unsere Freunde blicken sich enttäuscht an und der Geist von Niklas Luhmann wirkt erstaunt, hatte er doch mit einem anderen Ergebnis gerechnet, wenn auch nicht so schnell. Die Freunde wenden sich vom Geschehen ab und ihm zu, treten mit einer vorwurfsvollen Miene an ihn heran.

Netter Typ (erbost): Was erzählst du uns denn da? Das war doch völliger Blödsinn!
Geist: Ja…also…ich verstehe gerade auch nicht so ganz…
Beuteschema (auch nicht gerade lustig): Wir haben genau gemacht, was du gesagt hast und über Liebe geredet. Aber das wollten die Frauen nicht hören…
Netter Typ: …oder kam ihnen zumindest sehr merkwürdig vor. Schien mir so.
Geist: Also, damals, vor zwanzig Jahren…
Beuteschema: Wir haben es aber 2005, Geist! Und ich habe überhaupt nicht nachgedacht. Na klar, ich würde ja auch sonstwas von ner Frau denken, wenn die mir plötzlich mit diesem Thema käme…
Geist: Hmm, dann muss ich die Sache wohl noch einmal überdenken…
Netter Typ: Guck dir mal die aktuellen Fernsehserien an. Da reden auch ALLE nur über Liebe. Ohne sie zu bekommen. Das Höchste wäre dort Sex und so.
Geist: Ja, Sexualität ist ja auch – wie mein Doktorvater sagen würde – ein symbiotischer Mechanismus, um…
Freunde (genervt): Ach, halt doch das Maul!

Und so machen die beiden Freunde auf dem Absatz kehrt, lassen unseren Geist alleine stehen, und verschwinden hinaus in die noch junge Nacht. Der Geist schaut ihnen nach, grübelnd über seinen Fehler.

Geist: Hmm, tja, die Jugend von heute. Ich war wohl nicht weitsichtig genug. Ich muss mir ein paar neue Testpersonen suchen…

Und so – so scheint es – vaporisiert der Geist langsam wieder zu einer Wolke und entzieht sich unserem Blick.

Mit vielen augenzwinkernden Grüßen an freieslieben und ihn selbst hieraus zitierend: “Und das muss man nicht immer besprechen und analysieren”.

Onomatopoesie mit Füssen

Aus gegebenen Anlass einer Diskussion bei dichotomie krame ich noch einmal Eindrücke über eine Art der Fußbekleidung hervor, die ich bereits vor mehreren Jahren hatte. Die Debatte darum scheint an Aktualität einfach nicht verlieren zu wollen:

“Am gestrigen Abend erhielt ich Besuch von meinem Bruder und einem gemeinsamen Freund – Erik. Der Sinn der Zusammenkunft lag lediglich darin, Zeit tot zu schlagen bis wir dann tatsächlich ausgehen sollten. Die dabei notwendigen paar Biere sollten dann auch bald unsere Zungen lockern, um wie üblich über kulturelle Phänomene – meist musikalische – Urteile zu bilden.
Der Vorteil dieser Treffen ist, Eindrücke von Klangerlebnissen weit jenseits von “Video Music Awards”-Dimensionen zu erhalten und anhand von ästhetischen Herausforderungen womöglich künftig hör- und sehenswerte Konzerte zu ermitteln.
Der eigentlich bemerkenswerteste Aspekt des Abends vollzog sich aber auf einem anderen Gebiet, nämlich der Mode.
Erik gab zu, dass er während seines Urlaubs geholfen hatte, die seit diesem Sommer modische Errungenschaft der “Flip-Flops” an seinen Füßen zu popularisieren. Er wunderte sich über deren Namen.

Dazu eine Bemerkung aus der Linguistik, die normalerweise jedes Gespräch sofort zum Stillstand bringen würde:
Bei “Flip-Flops” handelt es sich um eine neue Wortbildung, genauer gesagt, um eine sogenannte Reduplikation, weil hier der semantische Kern verdoppelt wiedergegeben wird (vgl. “Hip-Hop”, “Ping-Pong” etc.). Darüberhinaus wiederfuhr diesem Wort ein lautmalerischer Prozess, es ist ein sogenanntes Onomatopoetikum. Das bedeutet, ein Geräusch wird versucht, mit sprachlichen Mitteln wiederzugeben.
Also, zum Angeben auf Parties: ” “Flip-Flop” ist eine onomatopoetische Reduplikation”.
Würde ein Linguist sagen (hat er aber zum Glück nicht).

Aber der Nicht-Fachmann Erik hätte das gekonnt in Frage gestellt:
“Aber das entspricht doch überhaupt nicht dem Geräusch. Eigentlich müssten die Dinger doch “Flop-Flops” heißen.”
Eine äußerst entwaffnende Bemerkung, wie ich finde. Das Knarren der Gehirnwindungen war beinahe hörbar.

Erik lieferte die einzig mögliche Erklärung wenig später mit:
“Es sei denn, der Erfinder des Namens hatte an einem Fuß Schuhgröße 37, am anderen aber 46.”

Ich finde, mit dieser These kann man leben und außerdem sollte die Welt davon erfahren.”

Interkulturelle Kommunikation

(neue Anekdote)

Ich empfand die verteilten Übungsaufgaben für die Studenten des Seminars „Kommunikationsanalyse“ bislang recht einfach. Manchmal sogar zu einfach. Was die Fremdsprachler betrifft, muss ich diese meine Meinung wohl einmal mehr revidieren.
Eine einfache Frage wie „Wie lautet die Definition von organisationeller Kommunikation nach Müller“ [Name geändert] stieß bei den Chinesinnen meines Tutoriums auf völliges Unverständnis.
Ich wies sie auf die Definitionen der Sekundärliteratur hin, das, was ich im dazugehörigen Blog geschrieben hatte, dennoch ließ sich kein Licht am Horizont der Einsicht blicken.
Letztlich – und es dauerte ca. fünf Minuten, bis ich es herausfand – haperte alles an einer formelhaften und einem deutschen Muttersprachler viel zu gewohnten Wendung. Komprimiert darstellen lässt sich die Irritation der Asiaten, wenn man das Verständnisproblem auf folgende Fragen reduzierte:

„Warum denn die Definition nach Müller? Wie heißt sie denn jetzt?“

Probier’s mal mit Ungemütlichkeit

Heutige gute Tat: Mithilfe bei der Renovierung der künftigen Wohnung eines befreundeten Pärchens. Die neue Heimstatt der beiden ist an sich superschick, aber von den mir bekannten weist sie eindeutig die bislang unbequemste private Notdurftstätte auf. Ich musste es einfach dokumentieren und kaum zuhause angelangt, sitze ich hier, noch völlig verstaubt um es einmal der Öffentlichkeit zu präsentieren:

Für Leute mit langen Beinen wie mir wird ein Aufenthalt dort entsetzlich kompliziert.
Jaja (Vorsicht Phrasendrescheralarm), damals (beim Erbau des Hauses) waren die Menschen eben noch kleiner.
Das kann auf der Einweihungsparty ja lustig werden…

Glück

Wagen wir mal einen kleinen Über-den-eigenen-Schatten-Sprung und lassen den Philister raushängen, will sagen, ich zitiere:

„Wenn man nur glücklich sein wollte, wäre das bald geschafft. Aber man will glücklicher sein als die anderen, und das ist fast immer schwierig, da wir die anderen für glücklicher halten, als sie sind.“

Montesquieu

Très moderne, je pense. Und, puah *spuck*, schmeckt Kaffee mit frischgeputzten Zähnen widerwärtig (um mal gleich wieder etwas vom erhabenen Tonfall zu nehmen *g*).

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