Zurüruck zum Inhalt

Ein Angebot

Vermutlich ist ab März diesen Jahres ein Zimmer in meiner WG frei. Ich weiß, es gibt Vorurteile über diese Stadt, zum Beispiel hält sich dasjenige immer noch, das diese Metropole gar nicht existiere. Aber das kann ich entkräften, wenn ich aus dem Fenster schaue, ist da draußen eindeutig Bielefeld und mir will einfach keine Verschwörung einfallen, die sich extra für mich die Mühe macht, eine potemkinsche Großstadt mit allen nötigen Komparsen ins Westfälische zu setzen. Auch schenkt man meinen offiziellen Dokumenten auswärts Glauben, lege ich einmal meinen Personal- oder Universitätsausweis vor. Die Stadt ist also existent.
Das Wetter ist gar nicht so verkehrt, gestern herrschten innerorts 13° C, so dass ich nicht so dick eingepackt, wie ich es sonst immer pflege, umherflanieren konnte.
Wer also aus irgendwelchen Gründen seinen Wohnsitz z.B. von Wien nach Bielefeld legen muss, darf sich gerne bei mir melden. Und wer Angst davor hat, sein kulturelles Leben würde hier verkümmern, dem sei an dieser Stelle gesagt: Du musst Dich nicht fürchten ob Deiner geistigen Regsamkeit, Verängstigter!
Auf Schritt und Tritt fällt mir eine neue Galerie vor die Füße, jede musikalische Größe macht hier halt und was das Gerücht über die Sturheit der Westfalen angeht, das kann ich nicht bestätigen. Ich kann mich prima in einem der zahlreichen Clubs und Lounges unterhalten.
Ich bin ja eh’ der Ansicht, dass ein in gewissen Grenzen gehaltener Lokalpatriotismus für die Stadt, in der man gerade sein Dasein frönt, durchaus für das Seelenleben förderlich ist. So freu’ auch ich mich über jeden Sieg der Arminia, auch wenn ich eigentlich gar kein Fußballfan bin. Wenn ich permanent darüber meckere, wie hässlich dieser Ort doch sei, dann werde ich eines Tages ein griesgrämiger, kontaktloser Mensch, der nur noch rausgeht zum Flaschencontainer. Dabei stimmt das gar nicht, dass diese Stadt nicht schön ist. Das behaupten nämlich immer nur Leute auf der Durchreise, denen auf den großen Straßen nur die Betonklötze entgegenstarren. Diesen Leuten muss man mitteilen: Wer baut denn auch schon die schönen Ecken an die Zubringer? Kauft Euch ein Fahrrad und Ihr werdet Wunder erleben.
Schlaue Menschen haben errechnet, dass, wenn die Polkappen schmilzen (so in 50 Jahren), wir die Nordsee vor der Tür haben. Das wär’s dann gewesen mit Hamburg, Berlin und Hannover. Palmen und Sand hab’ ich dann vor meinem Fenster.
Überlegt’s Euch! Ist nur ein Angebot.

Ein Spiel mit dem Feuer

Unlängst bezog eine marokkanische Austauschstudentin neben meiner Wohnung ihr Quartier. Obwohl unser beider Domizile tragende Wände trennen, werde ich meist spät am Abend Zeuge ihrer Zerstreuungsmusik. Auf der einzigen CD, die sie besitzt, jammert ein einsamer Mann in hohen Tönen um Hilfe. Da ihn niemand allein wegen seiner Stimmgewalt Beachtung schenkt, bedient er sich dabei noch einiger Schlaginstrumente, um mit möglichst ungewohnten Rhythmen auf sein Leid aufmerksam zu machen. Wahrscheinlich wurde er während seiner Klage noch lauter, als er bemerkte, dass ein unfeiner Mensch ihm nicht helfen, sondern seine Darbietung lediglich als beispielhaftes Dokument für orientalische Klagelieder aufnehmen wollte. Der arme Mann. Da sitzt er nun im Sand, ein Mikrofon vor der Nase und weint (laut).
An diesem Schicksal kann ich vermutlich rückwirkend nichts mehr ändern, handelt es sich doch um eine Aufnahme aus dem fernen Morgenland, die mir allabendlich geboten wird.
Man stelle sich vor: Da hat die Familie in Marokko kein Geld für die kulturelle Beschäftigung der Tochter übrig im Säckel und muss ihr eine vom Aufnahmeleiter im Sand vergessene CD-ROM schicken, sozusagen als Erinnerung an die Heimat. Woher sollten sie auch ahnen, dass dort so ein Gejammer drauf ist? Können sie sich doch schließlich aufgrund des Europaaufenthalts des Nachwuchses kein Abspielgerät leisten, um vorher mal reinzuhören. Kann ja keiner wissen, dass Onkel Mahmud nach seiner Scheidung plötzlich so abgeht (obwohl er ja schon immer etwas zum Eremitendasein neigte).
Bedauern erfüllt auch die übrige Nachbarschaft über die sehr einseitigen hörästhetischen Genüsse der Austauschstudentin. Ich beschloss daher, mich mit dem Nachbarn zusammenzutun, dessen Wand an die andere Seite ihrer Wohnung angrenzt [Klagemauer wäre hier vermutlich wegen des nichtbeteiligten Glaubens eher das falsche Wort]. Er bemitleidete sie ebenfalls, daher stellten wir zumindest fiktiv einige musikalische Preziosen zusammen, die wir ihr überreichen wollten. Dann könnte sie sich immerhin selbst aussuchen, womit sie sich in den Schlaf wiegte. Unser Programm ließ beinahe kein Genre und keinen Stil aus, für alles war ein Beispiel vorhanden: vom amerikanischen 60er Jahre Northern Soul zum französischen Chanson, vom englischen Punkrock der 70er bis zu modernem, japanischen Instrumentalrock. So einen Mix hatte ich bis dato noch nie kreiert, aber egal, er genoss Rechtfertigung durch unseren Bildungsauftrag.
Wie wir da so saßen und über die Reihenfolge der Stücke sinnierten, überkam mich plötzlich der Gedanke, dass die Nachbarin unser Geschenk vielleicht als beleidigend ansehen könnte und unseren eigenwilligen, ritterlichen Schwung aufs hohe Ross der Musikgeschmacksprägung womöglich sogar als vermessen. Wer weiß, andere Länder, andere Sitten.
Nicht lang ist’s her, da benötigte ich dringend eine neue Frisur. Wie gehabt, wenn sich diese Bedürfnis unstillbar in mir regte, ging ich zu dem netten türkischen Friseur ein paar Meter weiter in unserer Straße. Der bietet mehrere Annehmlichkeiten. Zum Einen ist er billig, zum Anderen wird man während der Wartezeit dort vorzüglichst bewirtet (Kaffee oder Cai, Zigaretten). Darüberhinaus erhascht man dort eine Menge archaischer und dadurch unterhaltsamer Ansichten über Frauen oder warum die Döner in ganz Bielefeld plötzlich nicht mehr schmecken. Bei meinem letzten Besuch herrschte dort ein großer Aufruhr. Eine junge Familie ließ ihren Kindern die Haare schneiden und als ich den Laden betrat, saß ein kleines Mädchen mit langen, braunen, lockigen Haaren auf dem Friseurstuhl. Es schrie wie wild und heulte, musste von den Eltern festgehalten werden, damit der Fachmann ihr die lange Mähne auf ca. einen Zentimeter stutzen konnte. So lautete sein Auftrag. Doch die Erfüllung fiel ihm schwer, bewegte das Mädchen doch immer wieder den Kopf und trat mit den Füßen nach ihm, um den Plan der Eltern zu vereiteln. Meine Wartezeit verlängerte sich demnach etwas und in mir drängte sich der Verdacht nach einem türkischen Bestrafungsritual auf. Da war doch damals dieses Mädchen in der Grundschule, dessen Namen ich vergessen habe. Sie war ebenfalls Türkin und ihr ist Ähnliches wiederfahren. Verständlicherweise berichtete sie damals nicht, was sie angestellt hatte.
Als schließlich ich auf den, ja, jetzt kam er vor mir wie ein Exekutionsstuhl, berufen wurde, fragte der Vollstrecker mich, ob ich die Situation eben gerade durchschaut hätte. Mit meinem Halbwissen von vor Jahrzehnten gewappnet, bejahte ich und fragte, was das arme Mädchen denn verbrochen hätte. Daraufhin lachte der Friseur laut auf und nachdem er sich beruhigt hatte, berichtigte er mich:
„Nee nee, das war ein Junge. Der hat das erste Mal in seinem Leben überhaupt die Haare geschnitten bekommen.“
Da fiel es mir wie Schuppen von den Augen.
Toleranz wird heutzutage groß geschrieben, aber was soll man bloß gegen seine immer wieder hervortretenden Vorurteile tun? Tja, da hilft wohl nur durch Fehler zu lernen.
Unter Leuten, die sich mit Sprachen beschäftigen, gilt es ja als stiller Sport, die Herkunft von Wörtern zu ergründen. Ein Kommilitone meinte neulich zu mir, dass das Wort Toleranz ja vom lateinischen „tolero“ stammte, welches ursprünglich „ertragen, aushalten“ bedeutete. Der Gedanke wäre nur zu interessant, wenn man behauptete, man „ertrüge Schwule“.
Diese Aussage ist mir gesellschaftlich ein bisschen zu heikel. Zum Glück konnte ich einen Kommilitonen damit ins Feld schicken. Außerdem rettet der Hinweis auf die im Laufe der Jahrhunderte veränderte Bedeutung des Wortes hoffentlich meine Reputation.
Inzwischen haben wir das Unterfangen, meiner Nachbarin in punkto Hörgewohnheiten etwas unter die Arme zu greifen, aufgegeben. Wir sind zu der Ansicht gelangt, dass es wohl besser wäre, ihren Musikgeschmack zu tolerieren. Dennoch muss ich erwähnen, dass mich beim allabendlichen Hören jener Klänge der Gedanke an ihr Leid fast jedes Mal um den Schlaf bringt. Aber ich ertrage es in Würde.

Übrigens: Der Grund dafür, dass die Döner der Stadt nicht mehr schmecken, ist schnell gefunden. Wie mir mein Friseur berichtete, hat ein überregionaler Lieferant mit seinen weitaus billigeren Preisen die Stadt unterjocht. Das würde sich aber schnell ändern, wenn die Türkei der EU beiträte.
Da sag’ ich nur: Wohlan, wohlan, beschleunigt den Beitritts-Prozess, auf dass Bielefeld schon bald wieder mit leckerem Dönerfleisch gesegnet sei.

Reibekuchen-Normandie

Gestern abend stand ich mal wieder erneut vor einem mir fast unlösbaren Problem. Es galt, plötzlich entstehenden Hunger entgegenzuwirken. Aber das ist noch nicht der eigentliche, schwerwiegende Knackpunkt. Da trägt man eben den Ständer mit der frisch gewaschenen Wäsche aus der Küche und brutzelt sich flugs ein paar Reibekuchen.
Doch in der Regel brät man sich ja nicht nur zwei, damit sie schön nebeneinander auf dem Teller liegen können und darüber hinaus noch Platz für Apfelmus ist. Der Magen würde nur sehr kurz zufrieden sein. Nein, man lässt zunächst drei davon in der Pfanne schwitzen, schichtet diese übereinander auf dem Teller, und da die Kochplatte gerade an ist, erledigt man noch eine Lage, bis schließlich derer sechs Schichten auf ihre Verzehrung harren.
So setzt man sich, freudig in Erwartung auf Aufnahme einer Menge Stärke mit Fruchtzuckerzusatz, an den Esstisch und sieht sich mit einer vorher nicht bedachten Frage konfrontiert: Welchen esse ich zuerst?
Die Abkühlung, die die Reibekuchen erfahren, lässt Grund zu der Annahme entstehen, dass der oberste am heißesten und der unterste am kühlsten ist. Um also über die gesamte Dauer der Nahrungsaufnahme in etwa ähnliche Temperaturen im Mund zu erfahren, müsste man logischerweise den untersten zuerst essen.
Jetzt versuchen sie aber mal, die Dinger Stück für Stück untereinander hervorzubekommen! Ein in diesem Moment hinzustoßender Beobachter hätte vermuten können, ich stellte auf meinem Teller die Landung der alliierten Truppen in der Normandie nach (vor einer Apfelmus-Küste).
Die wahre Herkunft des Wortes Reibekuchen liegt nämlich an den zwischen diesen herrschenden Kräften. Ich wäre an Erfahrungsberichten interessiert, wie man diese Reibungskräfte verringern könnte bzw. über andere, erfolgreichere Techniken.

“Als mir die Unterhose brannte”…

…ist bestimmt als Titel des Beitrags ein Hingucker und Entfacher größten Interesses. Daher dachte ich mir, ist er bestimmt prima geeignet, um viele Leute zum Anklicken zu bewegen. Die denken nun alle „Jetzt gibt’s was zum Lachen“. Aber ich muss mich gleich entschuldigen für die Anwendung einer derart taktisch durchtriebenen und ausgebufften, ja, sogar niederträchtigen Methode, will ich doch auf einen Umstand aufmerksam machen, der keines der dort angesprochenen Themenfelder berührt und bitterernster Natur ist.
Ich habe Fragen. Ich habe Probleme. Diese sind allesamt nicht auf die leichte Schulter zu nehmen und nicht von der Kategorie „Welche Socken sollen’s heute morgen sein?“ Die kann ich mir auch selbst beantworten, schließlich bin ich erwachsen und ein 28-jähriger Single ohne fe-…, ich meine, ein 28-jähriger Mann. Nein, meine Anliegen sind noch essentieller als man aus diesem letzten Satz schließen könnte.
Drauf und dran war ich gerade, einen Beitrag für dieses Weblog zu schreiben, da verfloh mir plötzlich die eigentliche Idee dazu. Da saß ich nun wie angenagelt, wie bestellt und nicht abgeholt etc.pp. Wo war sie hin, die kleine Idee? Die war nämlich eigentlich recht süß. Aber jetzt ist sie fortgegangen, schluchz.
Ich beschloss, mich mit produktiver Arbeit abzulenken, man kennt das ja, abwaschen, putzen usw., aber so richtige andere Gedanken ergaben sich nicht daraus. Ich musste immerfort an sie denken in der Hoffnung, sie käme bald wieder. Ich wartete vergeblich. Wo sie wohl jetzt sein mag? He süße, kleine Idee! Wenn Du dies hier lesen solltest, Du must wissen, dass ich an Dich denke. Schreib’ mir mal, wie’s Dir geht, da, wo Du gerade bist (und rauch nicht soviel, hörst Du?).

Und an all die Anderen: Gebt mir Bescheid, wenn Ihr sie seht!

Kollektion 2005. Supervisors Albtraum.

Nachts, halb vier, in einem deutschen Schlafzimmer. Das Ehepaar Laubenpieper nächtigt seinen wohlverdienten Schlaf im Bettgestell MÖRKEDAL. Herr Laubenpieper, 39 Jahre alt, seines Zeichens Supervisor in einem mittelgroßen Call-Center, scheint heute Nacht mit etwas zu kämpfen. Leise röchelt er vor sich hin und klammert sich mit der rechten Hand an sein Kissen, während eine warme, helle Flüssigkeit über seine Lippen tritt und sich seinen Weg gemäß der Schwerkraft sucht. Seine asthmatischen Atemgeräusche weichen allmählich einem lauter werdenden Wimmern, unter dem Herrn Laubenpiepers Stirn sich schmerzvoll kräuselt und er in immer kürzeren Frequenzen ein- und ausatmet, bis es ihn letzten Endes nicht mehr wachhält.

Herr. L.: Aaaahhhhhhaaahahahhhh!

Frau L.s Oberkörper schreckt im Hintergrund auf. Sie, 37 Jahre, Verkäuferin in der Dessous-Abteilung bei Karstadt, trägt heute eine geschmackvolle, schwarze Augenbrille mit gerändeter Spitze. Dazu können wir sie in einem champagnerfarbenen, zweiteiligen Pyjama aus Polyester bewundern.

Frau L. (besorgt und aufgeregt): Is’ was, Schatz? Träumste wieder?

Frau L. schiebt ihre Maske auf die Stirn, lehnt sich kurz zum Nachttisch ihrer Bettseite, um den Schalter der Tischlampe MURKLA zu betätigen. Dann wendet sie sich wieder herum, legt ihrem Mann, der soeben seine Augen blinzelnd öffnet, eine Hand auf den Oberarm.

Herr L. (noch sehr verwirrt): Ooooaaaahhh…ich weiß’ nich’,…es war so komisch…nich’ wie sonst immer.

Er dreht sich zu ihr herum, schaut ihr in die Augen. Sie bemerkt die Flüssigkeit an seinem Mund und wischt sie mit einem ihrer Ärmel aufopferungsvoll ab.

Frau L.: Was meinste? Kannste nochmal einschlafen? Du musst doch morgen früh raus!
Herr L.: Weiß’ nich.’…
Frau L.: Oder soll ich uns unten mal `n Tee machen?
Herr L.: Is’ vielleicht keine schlechte Idee…
Frau L.: Okay, pass auf, dann komm du gleich mal nach unten nach in die Küche.

Frau L. legt ihren Teil der Decke zur Seite, hüpft aus dem Bett und wirft einen eleganten, dünnen Morgenmantel aus nachgeahmter Seide über, der zwar nicht wärmt, aber mit dem man sich bedenkenlos dem Postboten zeigen kann, sollte dieser unerwartet dreimal klingeln. Während Herr L. sich allmählich aufrappelt, sich also auf die Bettkante setzt, gähnt und dabei den Nacken reibt, huscht Frau L. die Wendeltreppe hinunter, die in den Vorflur zur Küche führt. Oben wirkt Herr L. noch etwas benommen, wie er in seinem babyblauen, ebenso zweiteiligen Baumwoll-Pyjama („maybe“ Tchibo) nach seinen Hausschuhen forscht.
Unterdessen sucht Frau L. in der Tee-Schublade der KALSEBO/FAKTUM-Einbauküche nach dem ihrer Meinung nach für diese Morgenstimmung (und selbstverständlich auch für das Befinden ihres Göttergatten) bestgeeigneten Aufguss. Zwischen den Ceylon-Assam- und Früchte-Mischungen von Aldi greift sie beinahe nach dem Bad Heilbronner Johanniskrauttee (gegen nervliche Belastungen [:)], 1,09 € für acht Beutel [:(] ), doch sie entsinnt sich gerade noch daran, dass dieser doch recht ermüdend wirkt. So entscheidet sie sich doch für den altbewährten Kamillentee.
Gerade, als sie heißes Wasser in die Tassen – die eine mit einem Diddl-Motiv bedruckt, das Resignation über irgendeinen beliebigen Lebensumstand kundtut, die andere mit „DSC Arminia, Rekordaufsteiger“ – gießt, betritt Herr L. schlurfend die Küche.

Frau L.: Setz’ dich erstmal hin, Klaus [das ist übrigens Herrn L.s Vorname].
Herr L.: Ja, Susanne [und das derjenige von Frau L.].

Herr L. setzt sich an der der Küchenzeile gegenüberliegenden Wand auf einen Barhocker INGOLF, direkt an den bereits heruntergeklappten Wandklapptisch NORBO. Frau L. schwebt zu ihm herüber und stellt die dampfende Fußballtasse vor ihm ab, setzt sich selbst auf einen seriengleichen Hocker gegenüber. Herr L. rührt betrübt blickend in seinem Heißgetränk herum, Frau L. beobachtet ihn, den Kopf auf die linke Hand abgestützt.

Frau L.: So, jetzt erzähl mal.
Herr L. (zögernd): Ach, ich hab’ halt einfach schlecht geträumt. Kommt doch vor.
Frau L.: Ja, aber du hast doch eben gerade noch gesagt, es wär nicht wie sonst gewesen.
Herr L.: Nee, war’s auch nich’.
Frau L. (fordernd): Na, los jetzt!
Herr L. (blickt verschämt in seine Tasse): Hmm, ja, also, am Anfang ist es noch wie immer. Du weißt schon (er grinst zu ihr herüber und wird rot im Gesicht), wir beide tun es im Wohnzimmer (rührt mit dem Löffel)…

Währenddessen schaut Frau L. ihn interessiert an, nimmt ihre Tasse in beide Hände und nippt gelegentlich daran.

Herr L.: …da auf dem Ledersofa [!]. Und dann (ab hier hebt sich der Tonfall) bemerk’ ich diesen zwielichtigen Typen hinter der Fensterscheibe, wie er uns filmt. Ich (stockt) ich will raus und hinter ihm her (hastig), kann gerade noch die Hose hochziehen und wär’ beinahe gegen die Anlage gestolpert, du weißt, die von SONY, die wir…
Frau L.: Ja, die wir letztes Jahr bei Saturn…
Herr L.(begeistert über das Auffassungsvermögen seiner Frau): Ja, genau die! Bis hierhin ist auch noch alles so wie immer.
Frau L.: Aha? Na, jetzt bin ich aber mal gespannt.
Herr L.: Naja, sonst bin ich ihm ja immer hinterhergehechtet, über die Mauer in den Nachbargarten und immer weiter, ohne dass ich’s auch nur ansatzweise geschafft hätte, ihn zu erreichen…Aber dieses Mal kam ich gar nicht erst über unsere Mauer. Denn als ich anfing, da hochzuklettern, schien ich das obere Ende nicht erreichen zu können. Ich kletterte höher und immer höher und gelangte nicht an. Sie wirkte plötzlich kilometerhoch. Ich hatte mir schon ganz abgeschminkt, den Typen zu jagen, denn ich hatte jetzt ganz andere Probleme. Ich wusste nicht, ob es sinniger wäre, wieder herabzusteigen oder ob ich es doch noch nach oben versuchen sollte, denn als ich mal kurz nach unten guckte, war ich mir gar nicht mehr so sicher, was denn nun der kürzere Weg wär’.
Frau L.: Aber du bleibst doch nicht da oben, oder?
Herr L.: Nee, irgendwann hatte ich keine Kraft mehr und ich bin gefallen…

Schweigend schauen sich beide an. Frau L. nippt wieder an ihrer Tasse und wirkt nachdenklich.

Frau L. (sehr beruhigend): Schatz…du musst dir keine Sorgen machen. Uns geht es gut.
Herr L. (unzufrieden): Ja, ich weiß….ich muss nur manchmal zurückdenken, weißt du?
Frau L.: Ich steh’ zu dir und….(sie ergreift seine Hand) wir haben uns. Das ist doch die Hauptsache.
Herr L.: Ja, du hast wie immer recht.
Frau L.: Vielleicht solltest du erstmal `ne Dusche nehmen, du bist ja noch ganz verklebt (deutet auf seine Achselhöhlen, wo sich ein dezenter Schimmer zeigt). Dann kommst du auch auf andere Gedanken.
Herr L.: Das ist ne gute Idee…

Herr L. schickt sich an aufzustehen. Er stützt sich mit dem linken Unterarm ab, während er mit der rechten den Hocker zur Seite schiebt. Im Vorrüberschlurfen an seiner Frau, die noch sitzen bleibt, legt er ihr eine Hand auf die Schulter.

Frau L.: Ich mach dir schonmal dein Pausenbrot fertich.
Herr L.: Danke, das ist lieb.

Herr L. verschwindet durch die Tür, durch die beide zu Beginn hereingekommen sind. Aus dem OFF hört man eine Tür schlagen, wenig später Geräusche prasselnden Wassers.
Frau L. erhebt sich und geht zur Küchenzeile, wo sie aus einer Schublade Brot und aus dem Kühlschrank Aufschnittwurst hervorholt. Um das Wohlergehen ihres Mannes bemüht, belegt sie ihrem Mann die Brote mit Scheiben der Sorte „Leichte Linie“. Sie wirkt nachdenklich beim Kochen einer Thermoskanne Tee und denkt an die Worte ihrer Mutter, damals, als Klaus gute Aussichten hatte, beim BKA oder beim Verfassungsschutz unterzukommen und dass Klaus ja eine gute Partie sei. Aber dann musste ja diese verfluchte psychologische Untersuchung dazwischenkommen. Nur zu gut weiß Frau L. aus einem Artikel über Träume in der Petra, dass es sich bei diesen Fallträumen um verschlüsselte Versagensängste handelt. Seitdem denkt Frau L.s Mutter ganz anders über Klaus. Aber Frau L. steht trotzdem zu ihm. So müssen sie eben beide wirtschaften und es geht ihnen ja auch ganz gut. Nächsten Monat wollen sie den neuen 3er BMW abholen.
Herr L. kehrt bereits angekleidet zurück. Da er bei seiner Arbeit keine Verhandlungen führen muss, genügt ihm ein bequemeres Outfit, ein grauer Fleece-Pulli und eine etwas zu weite blaue Jeanshose. Er wirkt sehr erfrischt.

Herr L.: Du, ich könnte die Zeit noch etwas nutzen, um im Call-Center ein paar Sachen vorzubereiten. Vielleicht bin ich dann heute früher zuhause.
Frau L.: Das ist eine ganz hervorragende Idee, Schatz.

Sie drückt ihm seine Arbeitstasche mit dem Frühstück darin in die Hand und gibt ihm einen Abschiedskuss. Herr L. wendet sich in Richtung Tür.

Frau L. (ihm hinterherrufend): Und pass’ mir gut auf deine vielen Telefon-Mädels auf, hörst du?
Herr L. (dreht sich noch einmal um, grinst): Keine Bange, Schatz. Die hab’ ich fest im Griff!

Pages: Prev 1 2 3 ...523 524 525 526 527 528 529 530 531 532 533 Next

Fatal error: Call to a member function return_links() on a non-object in /www/htdocs/w009b2a2/blog/wp-content/themes/veryplaintxt4/veryplaintxt4/footer.php on line 29