Winona

Posted on Mai 22, 2008
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Heute bzw. gestern wurde ich sentimental und habe auf dem Slam einen für mich atypischen Beitrag vorgebracht, der la emoçion (schreibt man so?) in den Vordergrund stellen sollte. Warum auch nicht? Der Highlander-Platz ist sicher, da kann man probieren.

Sollte es jemandem dennoch, trotz meiner gestrigen minderwertigen Vortragsweise, gefallen haben, kann der- oder diejenige das gerne noch einmal als unwürdige, betonungsvernachlässigende PDF hier lesen ;-) :

Winona

Ansonsten gilt: Der Slam wird - offenbar, lt. Moderatoreninformation - am kommenden Montag ab 18 Uhr auf Radio Hertz 87.9 gesendet.

Abenteuer auf Kreta

Posted on September 20, 2007
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Kurzer Zwischenbericht (vor einer Woche geschrieben) darüber, was mir jetzt gerade bestimmt passiert

Ich sitze gerade am Strand und trinke Metaxa. Das tun hier alle. Dauernd. Sie sagen, dass sei das beste Erfrischungsgetränk gegen die unerträgliche Hitze, die hier herrscht. Den von Costa Cordalis besungenen griechischen Wein gäbe es gar nicht wirklich, den hätten die Türken erfunden, um im Ausland für Kopfschmerzen mit fadem Beigeschmack zu sorgen. Und im Prinzip gäbe es auch gar nichts anderes als Metaxa. Außer Ziegenmilch vielleicht.

Ich wunderte mich übrigens bereits darob, dass sich hier alle Einwohner immer in Togas kleiden, zumal sie hier a) diese Tradition doch gar nicht vom Festland her hätten übernehmen müssen und es b) sehr unpraktisch ist, da man sehr oft zur Toilette gehen muss wegen des vielen Metaxas. Ständig dieses ewige Aufpassen auf die langen Tücher. Kein Wunder, dass so mancher dabei ganz fleckig durch die Taverne rennt. Doch es klärt sich schnell auf: Die Regierung hatte per Dekret bewirkt, dass alle Bewohner bei einem Waldbrand sofort ihre Klamotten ausziehen und zum Löschen benutzen müssen. Auch, wenn man hier weniger davon gefährdet ist als auf dem Festland, mussten beim letzten großen Brand alle solidarisch ihre Kleidung ausziehen und per FedEx ab damit. Zuwiderhandlungen würden streng mit Metaxaentzug geahndet. Ich bin total entsetzt.

Um nicht unnötig als Tourist aufzufallen, habe ich mir selbst auch eine Toga besorgt und angezogen. Meine Papiere und mein Geld verstecke ich darunter an Körperstellen, die mir dafür halbwegs geeignet erscheinen. Wenn ich nicht aufpasse, fängt alles an streng zu griechen. Ich strenge mich an, und wie.

Heute ist außerdem Kultur an der Reihe. Wir wollen uns ein paar kaputte Steine ansehen fahren. Im Ort nehmen wir uns ein Metaxi, und, um endlich und für alle Male ein völlig überstrapaziertes Gerücht aus der Welt zu schaffen: Alle griechischen Metaxi-Fahrer hupen immer, auch in Kurven. In Phaistos gibt es ein besonders kaputte Steine, aber die Steine in Knossos, die sind am kaputtesten (aber mit Delphinen drauf). Wir kaufen Postkarten von kaputten Steinen und bekommen noch ein paar Kaputte-Steine-Schlüsselanhänger umsonst dazu, weil der Verkäufer uns wegen unserer Togas für nicht ganz so dekadent hält wie die ziegenmilchtrinkenden Engländer.

Spät abends versuche ich im Hotellabyrinth, den Weg zurück zu meinem Zimmer zu finden und scheitere dabei kläglich. Ein als Stier verkleideter, kretischer Student macht doofe Witze darüber und zeigt mir mehrere, an der Wand farblich unterschiedliche Markierungen. “Halten Sie sich an die dort,” zeigt er auf irgendeine und sagt weiter: “Dann sind sie gleich im Bett.” Ich verlange noch eine Flasche Metaxa, aber er sagt zu mir darauf, dass “Zimmerservice” das erste Wort sei, das er nicht aus dem Griechischen herleiten könne.

Endlich im Bett angekommen, schalte ich noch kurz den Fernseher ein, verstehe aber nichts von dem, was die Leute darin reden (wundere mich gleichzeitig, dass ich heute alles verstanden habe). Ich nehme noch einen von diesen Feta-Snacks, die die Hotel-Stiere hier jeden Tag auf den Nachttisch stellen, und schlafe allmählich ein.

Morgen,” das sage ich mir bereits jetzt schon drei Tage in Folge, “werde ich endlich einmal Urlaub machen…

Woanders schreiben

Posted on Mai 1, 2007
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Meine Freundin Yvonne aus Hildesheim ist lieb. Schafft sie doch auf ihrer Plattform TalenteOnline.de einfach mal ein bisschen Raum für eine Kolumne meinerseits.

Nett, nicht wahr?

Da ich mich allerdings nicht vierteilen kann (um es mit Svens Worten zu sagen: “Du bist ja das Webmodul von Bielefeld!”),  könnte es durchaus passieren, dass dort das ein oder ander von hier erscheint. Aber ich versuche mal künftig, auch etwas Exklusivität dort hineinzubringen…

Von einer Zweckentfremdung

Posted on April 29, 2007
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Hausmittelchen sind was feines. Etwas Meersalz zum Beispiel, in kochendem Wasser aufgelöst: Fertig ist die Selfmade-Nasenspray-Lösung. Super.

Man kann natürlich genausogut bereits bestehende Arzneien dem ursprünglich gedachten Zweck entreißen, wenn’s hilft und billiger ist. Gestern vernahm ich, wie jemandem, der - auf seine äußere Erscheinung bedacht - unter frühmorgendlichen Augenringen litt und befürchtete, seine Mitmenschen könnten auf den Gedanken gelangen, dies sei nicht nur auf bloße Müdigkeit zurückzuführen. Was wurde ihm von einer Kollegin geraten? Tja, mit der Antwort möchte ich in hitchcockartiger Suspense-Manier noch ein wenig hinter den Berg halten und eine rein erdachte Situation bemühen, der plastischeren Vorstellung zuliebe:

Da ist also dieser plastische Chirurg, der (noch ist des Morgens Sonne fern) sich aus dem Bette quält. Um keinem abgegriffenen Klischee vom süchtelnden Arzt Öl in’s Feuer gießen zu wollen, hat er, statt zu schlafen, stundenlang wach gelegen und nachgedacht. Man sieht es auf seinem Schopfe, als hätten ihm die Gedanken beim Heraustreten sein Haar zerwühlt. Ihm ist schlecht, der ganze Medicus ist voller Fanta, mit der er sich in der Nacht die Gedanken klar zu halten suchte. Und beim Blick in den Badezimmerspiegel, zu dem zu schleppen es ihn enorme Kräfte bedurfte, muss er feststellen, dass der Sichelmond seltsamerweise in den letzten Stunden einen doppelten Schatten geworfen haben muss.

Wie steht er nun da? Kann er so hinausgehen? Glücklicherweise zittern seine Hände nicht, hat er doch den ganzen Vormittag über Termine: Sein Wartezimmer ist voll in diesen Tagen mit selbstbewussten, iranischen Frauennasen, und so wird es auch heute sein. Die Frisur ist schnell mit ein wenig Brisk geglättet und seine Fähigkeiten erlauben es ihm und seinen Fingern durchaus, der orientalischen Natur den abendländischen Schliff zu geben. Sein Ghoul-Gesicht aber, das wird auch zentralasiatische Kundinnen nicht kalt lassen.

Doch er weiß ein Mittelchen dagegen. Er versteckt es gut, eingewickelt in einer Plastiktüte im Klospülkasten, nur für den Fall, dass Besucher oder gar seine ghanaische Geliebte Gunda das Bad benutzen und es dort unter den anderen Hygieneartikeln entdecken. Wie peinlich das wäre?

Oh, da wir gerade von ihr sprechen. Da dreht sich doch ein Schlüssel im Schloss um, das kann nur sie sein. Unser Arzt reagiert gottseisgepriesen blitzschnell und wirft das Zeug einfach so, ungeschützt, in das Wasser des Spülkastens. Kann ja hoffentlich nichts passieren, es handelt sich schließlich nicht um lösliche Tabletten oder so etwas ähnliches. Nur noch den Deckel drauf, fertig. Alles ist wieder gut versteckt und der Otto-Normal-Chirurgs-Haushalt ist perfekt.

“Hallo Schatz,” sagt Gunda, “Ich hatte meine Unterlagen für dieses European Business Law-Seminar irgendwo hier bei dir vergessen. Ah, da liegen sie ja,” ruft sie vom Esszimmer- Flur aus in Richtung Bad. Der Arzt wundert sich über die Studentin nicht, er kennt sie bereits lange genug, um sich im Klaren darüber zu sein, dass derlei alle paar Tage geschieht. Und er ist froh über sein Versteck und seine Reaktionszeit, denn er weiß, dass wie gehabt das folgende Begehren der Gunda folgt:

“Aber wo ich schon einmal da bin, kann ich ja schnell noch einmal in’s Bad huschen, nicht wahr? Ich muss mal den Lipliner nachziehen,” spricht sie, küsst ihn im Vorübergehen und drängt ihn so aus seinem eigenen Bad. “Frauen,” so denkt sich unser Held, “können so unsensibel sein, wenn sie irgendetwas wollen.” Aber dieser Umstand, diese selbstbezogene Ignoranz, rettet sein kleines Geheimnis.

Schnell ist Gunda wieder aus der Wohnung. “Tschüß, Schatz,” ruft sie noch von der Tür aus, ihm entgegen, und lässt unseren Arzt zurück mit seiner Erinnerung an den Tag, an dem er erstmals von diesem Mittelchen hörte und es sich gleich bei der Apotheke seines Vertrauens im Karstadt-Haus besorgte. Die nette, blonde Verkäuferin stand dort und verteilte jedem Gequälten sein Gegengift, gleich einem Linderungsengel in Weiß, und ging ihrer Erfüllung nach, freute sich bereits auf den jungen, erfolgreichen Arzt, den sie schon von Weitem in der Schlange stehend erblickt hatte. Oft gibt er hier Bestellungen auf, und jedes Mal erhoffte sie sich eines würdigeren Blickes seinerseits. Sie sind im gleichen Fach tätig, beiden ist gemein, des Menschen Leid zu lindern, und sie gehen in ihrer Tätigkeit auf, jeder für sich. Hach, wie gut sie doch zusammen passen würden?

Doch der erfolgreiche Chirurg war dieses Mal in eigener Sache unterwegs. Er kam “an die Reihe” und als er seinem Verlangen Ausdruck gab, da war es fortan vorbei mit der Apothekerinnenanhimmelung.

Nun steht er hier, bei sich im Bad, begutachtet seine Sichelmonde. Er nimmt die Tube, quetscht etwas heraus, verteilt es sorgfältig auf der problematischen Zone.

Hämorrhoidensalbe,” spricht er abschätzig und laut, wundert sich darüber, dass etwas kosmetische Wirkung besitzt, was ihm ansonsten den Arsch zusammenhält. Auch der gut betuchte Chirurg soll sparen, wenn er dies kann.

Und man könnte das mal weitererzählen.

Hans Mainert

Posted on März 21, 2007
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„Wer ist das? Der Mann, der dort vorn so schnell geht?“

„Keine Ahnung, aber sieht aus, als wenn er Bier erspäht.

Da, siehst du? Er steuert direkt dorthin…“

„Der Ärmste. Und als hätt er nix andres im Sinn!“

——

Boah, grad noch geschafft, hab ich ein Schwein,

in den Aldi lassen sie doch noch Leute hinein.

Drin bin ich im Paradies der Leistungsempfänger

und Milsani-Saucenveredlungs-Anhänger.

 

Ich schnapp mir nen Sixpack und laufe gehetzt

um die Kühltruhenecke und merke entsetzt:

Bis hier hinten steht sie bereits, die Schlange,

darauf öffne ich mir erstmal ne Plastikkanne.

 

Aerodynamisch geformt sind die Fläschchen,

startklar gucken sie nun aus all meinen Täschchen.

Bereit, mir ihren Treibstoff einzuflößen

Die Schlange bewegt sich unterdessen in Stößen.

 

Und schon meutert die Python, will eine weitere Kasse,

doch die Kassiererin vorne überfordert die Masse

damit, dass der Kollege woanders rumdüse,

sortiert kriechend frisches von verfaultem Gemüse

 

Darauf rutscht ein Typ aus mit nem Medion-PC,

der entgleitet ihm und fliegt im Bogen! Oh Weh!

und geht mir dabei haarscharf am Arsch vorbei,

landet in der Truhe und quetscht Torten zu Brei.

 

Mit einer Schwalbe flog ich über’n Tauwassersee,

der sich davor vermischte mit Schlagsahnenschnee

ich rollte mich ab, stand wieder auf, war wohl gerettet,

die andern Kunden schienen vom Schock schier geplättet.

 

Hin und her schwanken wir weiter, kommen kaum voran,

hier und da greift ne Hand seitwärts, wo sie dann

beginnt, Erdnussdosen brutal aufzureißen.

Bei der Wartezeit braucht man doch auch was zu beißen.

 

So langsam wirkt nämlich das dritte Maternus.

Und als allererstes heut ess ich ne Erdnuss!

Wir bewegen uns bald an des Wahnsinns Rand,

Zehn Meter sind’s noch bis zum Warenband.

 

Schön auch zu sehen, wie sie von mir weichen,

weil ihnen meine Dünste in die Nasen schleichen,

doch Reinlichkeit ist mir heute egal,

denn die Hygieneartikel stehn im andern Regal.

 

Am Ende, ich sehe das Warenband schon,

nervt mich noch die vor mir stehende Person,

mit ihren zwei vollen Einkaufswagen

benötigt Äonen, alles aufs Band zu tragen.

 

Gleich dreh ich durch. Kann die Alte nicht schneller?

Vom Langsamer-Werden wird der Tag auch nicht heller.

Doch kurz vor dem Schluss wird es ruhig um die Masse:

Noch sind es fünf Meter bis zur rettenden Kasse.

 

Ich schwächel, versuch, mich an ein Regal zu retten.

Ach, was fürn Glück: Hier stehn ja die Vitamintabletten!

Schnapp mir so’n Döschen, ob’s hilft, mal gucken.

Und beginn’s mit Maternus hinunterzuschlucken.

 

Doch davon wird mir schwindlig, ich verliere den Halt,

falle zu Boden, mir wird schlagartig kalt.

Ein Typ aus der Schlange beugt sich zu mir herab

Doch er sieht, dass nichts hilft und zieht wieder ab.

 

Wer wünscht sich das, als Single, einsam und ohne Erben,

kurz vor Ladenschluss im Aldi zu sterben?

Ein letzter Eindruck noch von der Neonlichtsonne,

dann spür ich schon den Duft der Filial-Biotonne.

 

Der kurzen Hektik im Zuge der Biernot,

verdanke ich nun diesen total doofen Tod.

Mit dem Beginn der Starre, der Leichengicht,

wünsch ich, dass der Filialleiter am Grabe spricht:

 

„Hans Mainert, so hieß er, das Häuflein Asche

den Perso fand ich nämlich in seiner Tasche.

Landauf und –ab erzählt man sich,

wie sein Funke auf dem Aldi-Fußboden verblich.

Hielte er nicht auf Maternus so große Stücke,

dann läg er jetzt friedlich unter seiner Brücke.

Doch tapfer war er, das muss man schon sagen,

konnte immerhin ein Sixpack bis vorne hin tragen.

Bis zu der einen von unser’n zwei Kassen,

dann haben ihn wohl die Vitamine verlassen.

Was musste er auch auch vor unser’n Füßen verrecken?

Immerhin kann ich mir jetzt sein Pfandgeld einstecken.“

Dicke Luft im Cobra Cave

Posted on Februar 14, 2007
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Die unglaublichen Abenteuer von Colonel Cobra – Folge 4138 –

 

Ermattet zündete sich Colonel Cobra eine filterlose an. Zusammen mit seinem treuen Mitstreiter Boa Boy saß er in seiner Cobra Cave, einem für unvorhergesehene Besuche als bürgerliches Wohnzimmer getarnten Unterschlupf, und regenerierte sich von dem gestrigen Kampf gegen ihren Erzrivalen Professor Fiasko (siehe Folge 4137), bei dem sie erneut und ohne öffentliches Aufsehen die Welt gerettet hatten, selbstlos, wie sie nun einmal waren.

Boa Boy konnte nicht mehr, er war alle und schien im Fernsehsessel eingeklemmt zu sein. Colonel Cobra beobachtete ihn liegend vom Sofa aus, wie dessen Kräfte es gerade noch zuließen, Knöpfe auf der Fernbedienung zu drücken.

„Kommt nix,“ verlieh Boa Boy seinem Missmut Ausdruck.

„Kommt wohl was,“ sagte Colonel Cobra, während auf der Mattscheibe eine Folge Batman aus den Sechzigern lief.

„Nur nix gescheites,“ fügte er sogleich hinzu.

Nach großen Heldentaten stellte sich bei den beiden oftmals ein Gefühl der Überflüssigkeit ein, und, als hätte es ein Stichwort gegeben, stieß Boa Boy derart laut auf, dass beinahe die Wände wackelten. Gleich darauf zeigte der Fernseher lediglich den Kampf der schwarzen gegen die weißen Ameisen.

Colonel Cobra kräuselte sich nachdenklich am Bart.

„Tja Boa Boy, das dort ist zwar auch ein ewigwährender Battle, aber der ist ja nun nicht so interessant, dass wir ihn weiterhin verfolgen müssten. Muss ich dich denn immer daran erinnern, welche Auswirkungen deine Rülpser auf elektrische Geräte haben?“

„Tschuldigung, Cobra,“ gab Boa Boy kleinlaut zurück.

Diese Trostlosigkeit hätte er sich nicht erträumen lassen, als er seinerzeit hierher gekommen war. Wie dumm nur, dass er damals an diesem Hochsprungwettbewerb auf seinem Heimatplaneten Schnurzel 7 teilgenommen hatte und aufgrund einer unglücklichen Verkettung von Sternenkonstellationen und Schwerkraftverhältnissen bei seinem letzten Sprung einfach von ihm heruntergefallen war.

Nun hatte er hier den Salat auf diesem unbedeutenden Planeten und konnte seine Fähigkeiten nicht einmal öffentlich ausleben, weil diese merkwürdige Superhelden-Gewerkschaft absolutes Inkognito verlangte. Zu seinem Ärgernis durften dann aber so von Menschen geschaffene Fatzken wie Captain America den Ruhm ernten. „Die olle Tunte in ihrem Latex-Anzug. Pah.“

„Meinste mich?“ wollte Boa Boy wissen.

„Nee,“ brummte Cobra. „Hab’ nur etwas laut gedacht.“

„Pass auf, ich versuche das,“ zeigte Boa Boy auf den Fernseher, „gleich mal mit einem neuen Versuch wieder gerade zu biegen,“ meinte Boa Boy laut und pumpte bereits wieder seine Lungen auf.

„Aber bitte in meiner Abwesenheit, ich mag mir dieses Elend hier nicht mehr länger mitansehen. Ich gehe mal ein bisschen aus dem Haus, vielleicht kann ich ja wenigstens irgend’ner Oma über die Straße helfen oder sowas“ sagte er, während er aufstand und sich am Kleiderständer seine mittlerweile viel zu klein geratene Lederjacke überwarf.

„So, wie Du heute aussiehst, kommen sogar die Katzen lieber freiwillig von den Bäumen, bevor sie sich retten lassen.“

„Vielleicht bringt’s ja was, wenn ich mir meine Sonnenbrille aufsetze.“

Und wie er dieses sagte und tat, schritt Colonel Cobra beleidigt durch den Wohnungsflur, hin zur Tür und ergriff die Klinke, öffnete und wollte soeben voranstürmen, als er beinahe gegen einen Pulk Menschen rannte. Frau Bruns, die Hauswirtin, immer pedantisch auf Einhaltung von Treppenhaus-Putzplänen bedacht, infolgedessen und auch folgerichtig im Clinch mit Cobra und Boa Boy, führte einen Fremden zu ihm, einen grau gekleideten Mann, und wies mit dem nackten Finger in seine Richtung: „Da. Das isser, der Herr Kobratschnik, den suchen sie!“

Cobra roch Ärger.

„Ja, da sollten sie auch mal ihren Namen an die Türklingel schreiben und nicht „Cobra Cave“. Wie soll sie denn da einer finden? Oder wollen sie dort in Ruhe Pläne austüfteln, mit denen sie wieder die Welt retten wollen?“ gab die grässliche Alte von sich und lachte hexenhaft.

Bier, so hieß Cobras Kryptonit, und davon hatte er auf der letzten Hausparty soviel zu sich genommen, dass er beinahe seine Identität gelüftet hatte. Er würde in Zukunft vorsichtiger sein müssen.

„Guten Tag, Isenbüttel mein Name,“ sprach nun der Graue und reichte Cobra die Hand entgegen.

Doch der stand dort wie versteinert, weshalb Isenbüttel nach einer Pause der Irritation seine Hand zurückzog und weiterfuhr:

„Ich hatte es bereits mehrmals probiert, sie aufzusuchen, aber bisher konnte ich ihren Namen nicht an der Tür ausmachen, Herr Kobratschnik. Die nette Frau Bruns hier,“ er wandte sich zu der hämisch grinsenden Frau um, „hatte mir geholfen.“

Cobra zeigte keine Rührung, aber innerlich verlangte es ihm danach, Frau Bruns kopfüber in ihrem Putzeimer zu ertränken.

„Wissen sie, ich wollte nur einmal fragen, ob sie ein Fernseh- oder Radiogerät zum Empfang bereit halten?“ Der Graue stierte ihn neugierig an und klickerte derweil mit einem Kugelschreiber in seiner linken Hand herum, begierig darauf ein Formular mit Notizen vollzumachen.

„Boa Boy, wir haben Besuch von der GEZ,“ schrie Cobra in die Wohnung.

„Alles klar, Cobra,“ hallte es von dort zurück und Cobra bedeckte seine Ohren mit den Händen.

Der Graue und Frau Bruns sahen ihn etwas verblüfft dabei zu, wurden aber kurz darauf über den Sinn dieser Vorbeugung belehrt: Aus dem Wohnungsinneren rollte eine Welle hervor, keine Wasser- oder Lichtwelle, nein, sondern eine Drucklawine aus purem, tiefen Schall, sichtbar an an Flurwänden und den Gegenständen, die an ihnen befestigt waren, und drängte unaufhaltbar auf sie zu.

Die Tapete kräuselte sich auf dem Weg der Welle hin zu ihnen, die Kleidungsfetzen an der Garderobe machten sich selbständig, die Zeit geriet aus den Fugen und ihnen war, als würde Gottes Odem für die gesamte Menschheit in einer Sekunde in ihre Gesichter blasen: Rüllps.

Cobras Haare hatten sich in Richtung des Treppenhauses gelegt, den erschreckten Gesichtern des Grauen und Frau Bruns entgegen, während einige Staubkörner des Deckenstucks auf die Köpfe des Grüppchens rieselten. Boa Boys Rülpser hatten ganze Arbeit geleistet.

„FEUER!“ schrie dieser aber aus dem Wohnungsinneren, worauf die Gruppe zum Wohnzimmer schnellte. Dort angelangt, bot sich ihnen folgendes Bild: Boa Boy stand vor dem zertrümmerten, blitzenden und brutzelnden Gehäuse des früheren Fernsehapparates und versuchte, diesen hilflos mit ein paar wenigen Spritzern aus einer fast leeren Flasche River Cola zu löschen.

Cobra stiefelte scheinbar entsetzt zu ihm und warf theatralisch genug, um glaubhaft zu sein, die Hände an seine Schläfen: „Mann, was ist denn hier los?“

Der Graue, der sich das endzeitliche Szenario betrachtete, benötigte einige endlos andauernde Sekunden, um das gesamte Ausmaß der Zerstörung zu registrieren. Nach zwei Momenten des Sammelns nickte er zu dem nur noch bestehenden Gehäuse der einstmaligen Mattscheibe hinüber und fragte: „Ist das da mal ihr Empfangsgerät gewesen?“

„Nein,“ erwiderte Boa Boy ungeniert und wandte sich zu ihm, die Cola-Flasche fest umgriffen, „und es war auch niemals reparaturbedürftig genug, um eines sein zu können,“ log er gekonnt und zu Cobras Zufriedenheit.

Nachdem der Graue sich eine wichtige Notiz zurechtgeklickert hatte und Frau Bruns zum Teil angewidert, zum Teil enttäuscht, mit dem Beamten Leine gezogen war, konnten sich unsere beiden Helden wieder beruhigt nach diesem unvorhersehbaren Abenteuer in die Sessel fallen lassen.

Der Fernseher brannte zwar, ab und an wurden ihre Nasen noch von Staub berieselt, aber wenigstens herrschte wieder Ruhe nach dem Sturm: Gelegentlich erforderte es nunmal drastische Mittel im Heldenmillieu, um Unheil abzuwenden.

„Und? Was machen wir jetzt?“ fragte Boa Boy im Hinblick auf die vor sich hinglimmende Glotze.

„Keine Ahnung,“ sagte Cobra, „aber wir haben für heute schon wieder viel zu viel getan.

Und wenn wir schon nicht die Welt retten konnten, so doch wenigstens den Tag.“

Fortsetzung folgt (bei Bedarf)

Versäumen sie nicht die nächste Folge, in der Professor Fiasko in Gestalt eines Mediamarkt-Verkäuferswieder in Erscheinung tritt und das Cobra-Team  mit Flachbildfernseher-Angeboten beinahe in den Wahnsinn treibt.

Jameson kann warten

Posted on Dezember 1, 2006
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Rubrik “Geschichten, die kurz nach ihrem Beginn aufgrund plötzlicher Motivationsunlust ein jähes (und schlechtes) Ende erleiden”

Jameson stand an der Hausecke und verbarg sich hinter der dort in den Boden verlaufenden Regenrinne. Hier wurde er vom Dunkel des Schattens geschützt und vorsichtshalber hielt er seine Zigarette in der Handinnenfläche verborgen, damit deren Glut ihn nicht verriet. Seine Hutkrempe ließ es gerade noch zu, dass sein Blick sich auf den gegenüberliegenden Hauseingang heften konnte, so dass ihm nicht entging, wer das Gebäude verließ oder betrat.
Pflichtbewusst wie er war, hielt er es selbst in dieser klirrendkalten Nacht aus, um nächstentags auftragsgemäß berichten zu können und die Photos zu entwickeln, für die er die Kamera griffbereit hielt. Der Besuch, den er unter dieser Adresse erwartete, wäre mit Sicherheit imstande, einen landesweiten Skandal auszulösen.

Doch als selbst nach fünf Stunden beharrlichen Wartens - der Morgen graute bereits und der Zeitungsjunge hatte schon die Times vor der Tür zurückgelassen – sich niemand erbarmt hatte, den Eingangsbereich des Hauses zu betreten, entschloss sich Jameson, den Heimweg anzutreten, durch die inzwischen beständig größer werdende, ausgeschlafene Menschenmenge auf dem Weg zu ihren tageslichtdurchfluteten Arbeitsplätzen. Jameson dachte an sein Bett und nur noch daran, gleich sanft zu träumen. Vielleicht von der schönen Miss Palmer, seiner Auftraggeberin, der rassigen Blondine mit dem osteuropäischen Akzent. Mann, war die lecker…

Die Reise des jungen Che

Posted on September 2, 2006
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(wie sie wirklich war) EDIT 05.09.06

Der Film „Die Reise des jungen Che – The Motorcycle Diaries“ beschreibt eine Reise des noch jungen Ernesto Guevara mit seinem Studienfreund Alberto Granado durch mehrere Länder Südamerikas. In den Kritiken kam der Film wegen seines Kitsches nicht allzu gut weg. Dem kann ich mich aber nicht anschließen, weil ich 1.) den Film gar nicht selbst gesehen habe und 2.) ich es auch gar nicht mehr für nötig erachte.
Mir ist nämlich auf Umwegen, die ich hier nicht nennen will, das Original-Reisetagebuch des Guevara in die Hände gelangt. Ich möchte es Ihnen nicht vorenthalten:

Tag 1

Nachdem Alberto und ich es nach Tagen schweißtreibender Arbeit endlich geschafft haben, an unserem alten Motorrad „Betsy“ die Uni-Wimpel korrekt anzubringen, beschließen wir eine kleine Spritztour in der näheren Umgebung. Doch die Sonne brennt, der Fahrtwind kühlt angenehm, und wie Alberto sich unter dem Vibrieren der Betsy von hinten an mich schmiegt, vergesse ich die Zeit und wir fahren den lieben langen Tag einfach weiter, bis es dunkel wird.
Wir übernachten irgendwo am Wegesrand, ich lege mich zu Betsy. Ich fühle mich zu ihr hingezogen, denn sie ist so gütig, mir in der Nacht die Wärme ihres Motors und ihrer Auspuffrohre zu schenken.

Tag 2

Heute Nacht geträumt, in fernen Zeiten würde mein Portrait in Mädchenzimmern hängen, weil ich eine Revolution auf einer Insel vorangebracht hätte. Wenn ich wieder zuhause bin, werde ich mal von Papas Telefon aus ein paar Kontakte in Mallorca knüpfen.
Bereits heute haben Alberto und ich den ersten Streit: Er will auch einmal fahren und die kommende Nacht bei Betsy liegen, er hätte einen Schnupfen bekommen. An einer Tankstelle, während Alberto kurz auf der Toilette ist, zerstöre ich das Zündschloss. Wenn ich sie nicht für mich haben kann, soll sie niemand haben.
Wir verkaufen Betsys Überreste an Ort und Stelle, zu Fuß und per Anhalter gelangen wir weiter.

Tag 3

In allen Orten, in die wir gelangen, stoßen wir mit unseren Forderungen auf Unverständnis. Vielleicht liegt das aber auch daran, dass hier alle nur Spanisch können. Nun rächt es sich, dass wir einfach so gestartet sind: Unsere Kulturbeutel liegen zuhause. Mit Händen und Füßen ist auch kein Friseurtermin zu bekommen. Wir werden uns Bärte wachsen lassen müssen. Hoffentlich gerate ich nicht so in die Mädchenzimmer.
Langsam, aber sicher, bekommen wir großen Hunger. Doch es ist wie verhext: Immer, wenn man einen McDonald’s braucht, ist keiner da.

Tag 4

Wir haben uns verirrt, wissen nicht mehr, wo wir sind. Beim Nachsehen stellen wir fest, dass der Kompass immer nur nach Norden zeigt. Alberto sagt, man könne sich an den Sternen orientieren, aber ich kaufe ihm nicht ab, dass es dort oben einen „Großen Mittelklassewagen“ geben soll.
Jedenfalls geht es bergauf und die Luft wird merklich dünner. Ich fühle mich so beschwingt, dass ich mich zu jedem Baum hingezogen fühle.

Tag 5

Die Luft hier oben treibt unseren Appetit voran. So stehlen wir uns ein Huhn von einem Bauernhof. Dabei ist mir ein Satz eingefallen, den ich mir sofort aufschreiben sollte, bevor es ein anderer verwendet: „Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral.“ So. Da steht’s. Super.
Wir bemerken aber zu spät, dass wir das Huhn voreilig als Brennmaterial benutzt haben. Wir müssen unsere Prioritäten neu abstecken: Wärme oder Wärme durch Essen. Nun sitzen wir wieder hier in der sternenklaren Nacht und ham Hunger. Alberto bemerkt, dass der Horizont ungefähr so aussieht, als wenn ein äußerst dunkelblauer Junge mit vielen kleinen leuchtenden Pickeln auf dem Körper einer schwarzen Frau läge.
Selten zuvor fühlte ich mich so sehr zu Bergkuppen hingezogen.

Tag 6

In einem Dorf treffen wir auf einen Mann ohne Zähne. Weil es das einzige ist, was ihn beschissener aussehen lässt als uns selbst, bekommt Alberto plötzlich seine wohltätigen fünf Minuten und überlässt ihm seinen alten Käse zum Draufherumlutschen.
Wir werden sofort bejubelt und ein Fest wird für uns veranstaltet.
Inmitten der Menge tanzt ein schönes Mädchen, in den Händen klappert sie mit Kastanien oder so etwas ähnlichem. Sofort fühle ich mich zu ihr hingezogen. Sie weist auf ihr Herz und sagt etwas wie „Coraçon“. Doch ich glaube, ich habe von einem Schnaps, der genau so heißt, zuviel getrunken, und sinke zwischen ihre Brüste.
Alberto und ich ergreifen sofort die Flucht.

Tag 7

Alberto geht mir auf die Nerven und wackelt breitbeinig hinter mir her. Der letzte Fahrer, der uns mitgenommen hat, verlangte ihm etwas zuviel für unseren Transport ab. Ständig jammert er nun und erinnert mich an mein Medizinstudium. Da ich ihm bisher noch nicht verraten hatte, dass ich dieses nie abgeschlossen hab’, sammele ich ein paar Kräuter und mische etwas zusammen, das in etwa so riecht wie Faktu Akut. Doch davon wird es nicht besser, im Gegenteil: Jetzt muss ich ihn auf meinem Rücken weitertragen.

Tag 8

Langsam wird mir Alberto zu schwer. Ich schlage ihm vor, als nächstes das Transportmittel zu wechseln und auf einem Schiff anzuheuern. Man kann den Ozean zwar noch nicht am Horizont erkennen, aber der Duft des Meeres liegt schon in der Luft.

Tag 9

War doch nur ne Nordsee-Bude.

Tag 10

In dem Ort, in dem wir jetzt sind, gibt es keinen einzigen McDonald’s, nur Fischrestaurants. In einem namens „Chez Mao“ gibt uns ein Chinese reichlich Sushi aus und erzählt uns was vom Sozialismus. Ich habe zwar keine Ahnung, wovon er da redet, aber bewundere seinen Feuereifer.
Wenn ich wieder zuhause bin, eröffne ich vielleicht auch so eine Bar. Ich sehe es förmlich schon vor mir : „Chez Guevara“.

Tag 11

Das Schlitzauge war ein Arsch und sein Sushi schlecht. Alberto und ich sitzen an der Gosse und kotzen. Wir beschließen die sofortige Rückkehr, wie auch immer geartet.
Wenn wir wieder zuhause sind, rufe ich von Papas Telefon aus den amerikanischen Präsidenten an. Er soll gefälligst dafür sorgen, dass hier an jeder Straßenecke ein McDonald’s aufmacht.
Wehe, wenn nicht. Sonst werd’ ich zur Wildsau.

Freitagabends-Fiasko

Posted on Juli 22, 2006
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(mein - an einem halben Tag geschriebener - Beitrag zur WG-Lesung)

Das ganze Wochenende für mich allein!
So sollte es sein!
Tina wollte ein paar Tage in die Heimat fahren, in’s tiefste Oberbayern, irgendwo zwischen Ingolstadt und München. Ihr Onkel Max beging dort seinen achtzigsten Geburtstag, der wurde groß gefeiert, im Kreis der Verwandten und Anverwandten. Mindestens 200 Personen sollten angeblich erscheinen, doch mich verlangte es nicht allzu stark nach deren Gegenwart.
Seit dem letzten Besuch des rüstigen Rentners bei Tina und mir war er mir nicht besonders wohl gewogen. Na gut, meine unbedachte Frage damals auf sein hinkendes Bein hin, kombiniert mit seiner Antwort, er hätte in meinem Alter bereits Leib und Seele für das Land eingesetzt, erleichterten nicht gerade den Umgang miteinander.

Ich hatte mir zwar bereits eine Ausrede zurecht gelegt: Ich würde über das Wochenende Kraft und Energie tanken müssen, um in der Woche darauf Leib und Leben für die Guten einzusetzen. Das sah in der Praxis dann zwar so aus, dass ich bei dieser Bullenhitze vor dem Bioladen stand, als überdimensionale Gurke verkleidet und Kunden lockte, aber was soll’s? Es ging ja um die Sache. Redete ich mir zumindest immer ein. Onkel Max würde das mit Sicherheit verstehen.
Aber, wie sich herausstellte, benötigte Tina keine Entschuldigung für mich mehr, da sie seit seiner Ankündigung, sie wegen mir zu enterben, meine Person ihm gegenüber eh gar nicht mehr erwähnte.

Also sturmfrei.
Und ich ertappte mich im Weiteren sogar dabei, wie mich der Gedanke, die Klotür offen stehen lassen zu können und dadurch Frischluft an den alten Johannes zu lassen, regelrecht frohlockte. Das nennt man Freiheit, das Sprengen von tradierten Grenzen: Altes, zu lange mit sich herum getragenes, erwärmtes von sich lassen, neues, frisches an sich heran. Und das ganze Klo ist offen für alles.

Ich bin Jacks Wasserregulation.
Gehörte das eigentlich auch zu den Worten, die Edward Norton in Fight Club im Keller seines Freundes Tyler Durden fand? Ich war mir nicht sicher.
Und daher dachte ich, ich könnte mir immerhin ein paar Filme ausleihen, die Filme, die Tina eh nicht mochte. Sie nannte diese dann meistens dann „kranken Testosteronscheiß“, wenn wir vor der Filmauswahl standen, sie sich stattdessen dafür entschied, lieber so Zitate wie „Das Herz ist ein Organ aus Feuer“ im „Englischen Patienten“ anzuhören.

Und so suchte ich, mit meiner temporären Freiheit ausgestattet, eine dieser Inseln der Isolation in den unbeachteten Bezirken der Städte auf: eine Videothek!
Nun gut, wir in unserer 3.000-Einwohnerstadt, wo wirklich jeder jeden kennt, besaßen nur eine davon. Aber aussehen tun sie alle gleich.

Hinter den vom Sonnenlicht sorgfältig abgeschotteten Fenstern, wo erstatzweise grelles Neonlicht den niemals, unter keinen Umständen ausgewechselten, blauen Teppich beleuchtet, trifft man auch besonders hochfrequent auf Spezies zwischen den Regalen, wie sie soziologische Fakultäten gern einmal dokumentieren würden, denn: Nicht alle Menschen wollen an der Gesellschaft teilnehmen!
Und es kommt noch besser: Das ist sogar ihr gutes Recht!
Hier, fernab von Fitnessstudio-Bonuspunkten und Fernstudien-Creditpoints eingeigelt leben möchten. Dafür benötigte es nicht einmal eine durchzechte Nacht oder Liebeskummer. Und wenn jemand einem solchen Fragen stellt wie: „Warum bist du eigentlich so einsam?“, dann hat der Fragende wirklich gar nichts verstanden.
Und möchte man Feldstudien über diese Gesellen betreiben und benötigt repräsentatives Datenmaterial, empfehle ich zur Ansicht eben diese bisher unbeachteten Nischen der Unterhaltungsindustrie.
Dort sind einerseits gutgläubige Menschen aufzufinden, die den Kriminalisierungskampagnen der Filmindustrie Glauben schenken, andererseits Typen, die nicht in der Lage sind, Emule zu bedienen. Oder aber sie sind generell ganz große Bilanzriesen, die sich keinen Computer leisten mögen, stattdessen aber die drei Euro pro Film den Videothekenbetreibern in den gierigen Rachen werfen.
Für mich sollte es heute eine Ausnahme sein.

Während meiner Suche zwischen den Regalen kam ich auf die Idee, später den Freund Robert anzurufen und ihn dazu einzuladen. Ich hatte ihn schon längere Zeit nicht gesehen, Tina mochte ihn auch nicht sonderlich. Aber Robert denkt wenigstens immer daran, ein paar Bier mitzubringen.

Nach einer halben Stunde Suche hatte ich dann auch endlich den Film in der Rubrik „Horror“ gefunden und mir wurde hier und heute wieder einmal der Beweis dafür geliefert, dass sich die Angestellten um Genres gar nicht kümmern.
Ich bin Jacks überfordertes Nervensystem.
Ohne ihm große Beachtung zu schenken, schnappte ich mir den Plastikstreifen, der vor der DVD-Hülle stand und ging damit zur Kasse.
Dort erwartete mich bereits eine längere Warteschlange. Natürlich hatte ich nicht daran gedacht, dass es Freitagabend war und die verwahrloste Pornofraktion ihre dicken Hornbrillen durch die dementsprechende, aber unangemessen große, Abteilung schieben musste.
Ich stand dort, bis ich an die Reihe kam, und hörte mir an, wie der Angestellte den Leihenden noch einmal den Namen der jeweiligen Filme bestätigte, bevor er diese in die Hülle packte.
Ein Lachen konnte ich mir nicht verkneifen, als ein besonders zerzauselter Mittvierziger vor mir sich „Tante Jutta juckt die Kimme“ lieh.

„Hi, Stephan. Schön, dich zu sehen!“
Hinter mir hörte ich eine altbekannte Stimme. Richtig, Kathrin, Tinas beste Freundin, hatte sich hinter mir eingereiht. In diesem Kaff war das freitagabends kein Zufall.
„Oh. Hi, Kathrin!“
„Du willst dir wohl `nen entspannten Abend ohne deine Freundin machen, wie?“ Während sie dies sagte, wies sie auf das Plastikkärtchen in meiner Hand.
„Ja, allerdings,“ entgegnete ich, während ich dieses dem Kassierer weiterreichte. „Gerade eben hatte ich noch die Idee, Robert anzurufen, damit er dazustößt mit ein paar Bierchen.“
„Ich hätte an deiner Stelle auch keine Lust, mir dieses Familiengetue anzutun,“ sagte sie und fuhr fort: „Ich meine, ich bin ja auch im Kirchenkreis und so weiter tätig, aber Tinas Familie dagegen…die sind ja schon nicht mehr konservativ, das ist ja schon jenseits von Gut und Böse.“

Ich wurde abgelenkt. Der Kassiere kam mit der DVD zurück, zeigte sie mir und sagte laut: „Einmal „Die Brummi-Fotze“, bitte.“
Ich bin Jacks pulsierende Schamesröte.

Einer dieser bärtigen, hornbebrillten, rudimentären Überbleibsel vom Menschen musste sich einen Scherz erlaubt und diese Plastikkärtchen ausgetauscht haben.
Und nun stand ich da, vor Kathrin, da hätte ich gleich vor der ganzen Stadt stehen können, und hörte den Fluss des Blutes an meinem Innenohr entlangrauschen. Alles, was ich heute an Getränke zu mir genommen hatte, presste sich aus jeder Pore meines Körpers gewaltartig hindurch und es fühlte sich an, als würde jede Nervenfaser zu zittern beginnen, wie die Froschschenkel, die wir damals im Biologieunterricht unter Strom gesetzt hatten. Doch das hier empfand ich im Gegensatz dazu nicht als lustig.

„Da muss ein Irrtum vorliegen,“ brachte ich immerhin heraus. „Ich wollte mir den Film „Fight Club“ ausleihen. Jemand muss da dieses Ding vertauscht haben.“
Wohl wissend, dass das kaum glaubhaft bei Kathrin ankommen würde. Ich Hornochse hatte doch eben noch von einem Männerabend beim Bier geredet, in Abwesenheit meiner Freundin. Ohne, dass ich es wollte, bediente ich hier mal wieder ein Klischee. Kathrin war hinter mir verstummt, ich wagte es auch nicht, mich umzudrehen und ihr in die Augen zu sehen.
Der Kassierer lächelte verschmitzt, offenbar kannte er diese Situation. Komm her und bitte mich, dich so fest zu schlagen, wie ich nur kann.
Er beteuerte, dass er den gewünschten Film suchen würde, ging, war aber schnell mit diesem wieder an seinem Platz zurück, händigte ihn mir aus. Bezahlen ginge beim nächsten Mal. Ich drehte mich um und sah in Kathrins Augen. Bohrender hätte ein Blick kaum sein können.
Sämtliche, vor wenigen Augenblicken noch getätigte Erholungswünsche und Symphatien schienen binnen Minutenfrist aus ihrem Ausdruck gewischt wie einst ‘45 japanische Städte von der Landkarte.
Und die Explosion, die der Eindruck bei ihr hinterlassen hatte, ließ vom Zentrum ihres Gesichts zur Peripherie hin ringförmige Faltenkrater entstehen.
„Soso, ein Männerabend also, wie?“
„Kathrin, versteh doch bitte…“, stammelte ich, doch ich bemerkte selbst, dass in dieser Situation jede von mir geäußerte Entschuldigung nach falschen Ausflüchten klingen musste.
Das wäre in etwa so, als wenn man den Vorwurf der Homosexualität lautstark dementiert.
Ich bin aber nicht schwul!“ Und eh’ man sich’s versieht, hat man den Ruf weg.

Ich dachte nur noch an die Folgen, sah ein, dass bei der katholischen Kathrin nichts mehr zu retten war. Bald wusste es ihre Nachbarin, darauf die Straße, dann die ganze Stadt.
Irgendwie musste ihr zumindest zuvor kommen, dass sie nicht größeren Schaden bei Tina, meiner Freundin, anrichten konnte. Sollte ich etwa nach diesem Wochenende meine Sachen vor der gemeinsamen Wohnung vorfinden müssen, nur weil ein verfilzter, Bock mir diesen Scherz erlaubt hatte?

Ich stürzte wie von der Tarantel gestochen auf den Parkplatz in meinen Fiesta und holte alles aus der Knutschkugel heraus, was sie hergab. Zuhause nahm ich mir vor, den Anrufbeantworter ihrer Eltern so lange vollzutelefonieren, bis das Band nichts mehr, und auch nicht Kathrin, aufnehmen konnte. Dafür musste ich ja noch nicht einmal reden, ich konnte den Hörer einfach liegen lassen, musste nur alle paar Minuten die Taste mit der Wahlwiederholung betätigen.
Mit meinem Handy wollte ich sie gleich anrufen unter irgendeinem fadenscheinigen Vorwand, am besten stundenlang, bis ihr Akku leer war. Ich konnte mich ja betrinken und mir irgendetwas ausdenken, weswegen ich jetzt unbedingt ihre Stimme hören musste. Genau: Ich hatte meinen Job als Gurke verloren, das klang wenigstens glaubhaft. In den Bioladen geht doch sowieso keiner einkaufen bei den Preisen. Hauptsache, ich kam Kathrin zuvor.
Vor der Haustür angekommen, hechtete ich aus dem Wagen, in’s Haus, die Treppe hinauf, bekam vor Aufregung den Schlüssel kaum in das Schloss der Wohnungstür.
Ich bin Jacks wummerndes Herz.

Die Tür ging endlich auf, ich betrat den dunklen Hausflur. An dessen Ende bemerkte ich ein rotes Lämpchen, das im kurzen Intervall aufblinkte: Ich hatte eine neue Nachricht auf dem Anrufbeantworter!
Bei ihm angelangt, betätigte ich zaghaft den Knopf zum Abhören. Etwas knackte, dann hörte ich eine Frauenstimme. Es war nicht Tina, wie ich erwartet hatte, sondern Kathrin: „Gib dir keine Mühe, Stephan. Tina weiß schon Bescheid über euer Männer-Vorhaben. Ich wünsch dir noch ein schönes Wochenende,“ hörte ich sie schnippisch sprechen, worauf sie solch ein hexenhaftes Lachen anschlug, dass sie mit Sicherheit in einem früheren Leben bei der Inquisition ihrer Lieblingsorganisation gelernt hatte.

Ich setzte mich, war niedergeschlagen, hatte verloren. Sämtliche Anspannung der letzten halbe Stunde verdampfte schlagartig aus meinem Körper und ich sackte zusammen, blieb auf dem Flurboden liegen.
Bevor ich erschöpft einschlief und bereits mit den schlimmsten Albträumen rechnete, begann ich damit, mir auszumalen, welch Tirade ich am Montagmorgen über mich ergehen lassen konnte.
Ich stellte mich bereits darauf ein, die längste Zeit Tinas Freund gewesen zu sein, und musste wegen des Rufmords, den mir ein übler Scherz bereitet hatte, mit Sicherheit ausziehen. Die Stadt verlassen, noch einmal von vorne beginnen.

Montag früh, 9 Uhr 20 morgens.
Ich hatte die verbliebenen Tage in einer Hölle der Grübelei verbracht. Viel lieber hätte ich mir Tinas Onkel, den alten Gauleiter oder SS-Mann oder was immer er auch gewesen sein mag, angetan, als die letzten Tage hier allein. Die letzte Nacht war am schlimmsten, ich hatte nicht geschlafen und im Bioladen angerufen, ich könne unmöglich erscheinen. Unter Durchfall würde ich leiden, hatte ich behauptet, und ein bisschen was war da ja auch dran. Als wäre alles aus mir rausgegeangen, was mich ausmacht.
Gleich würde sie kommen, dachte ich, und bald hörte ich auch ihre Schritte auf der Treppe, den Rhythmus, den ich sofort erkannte.
Der Schlüssel drehte sich im Schloss herum, und Tina trat ein, mit zwei großen Taschen bepackt. Noch sah sie mich nicht, sondern suchte nach einem Abstellplatz für ihr Gepäck. Als sie einen dafür im Flur gefunden hatte, und die Taschen abließ, bemerkte sie mich, wie ich wieder an dieser Stelle im Flur saß. Still. Ich richtete mich auf.
Sie sah mich böse an.
„Tja, was machst du hier eigentlich für Sachen in meiner Abwesenheit?“
Ich stammelte, bekam keinen Ton heraus, wollte zumindest versuchen, es ihr zu erklären.
„Sei still!“
Ihr Gesicht erhellte sich.
„Du Blödmann!“ Sie konnte wieder lächeln.
„Erst war ich ja etwas sauer, aber dann…Schatz, hättest du doch mal was gesagt, dass du unzufrieden bist, wir hätten doch, naja…“
Dann küsste sie mich und es dauerte nicht lange, bis sie mich an der Hand in unser Schlafzimmer zog.

Was soll ich noch sagen? Der Scherz von dem vermeintlich verfilzten Bock, naja, der hatte gar nicht mal so schlechte Folgen.

Wie Pierre Cosso mich desillusionierte

Posted on Juni 24, 2006
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Das Jetzt

Bereits zehn Minuten stand ich vor Annikas Wohnungstür und hatte immer noch nicht den Mut gefunden, auf den Klingelknopf zu drücken. Zaghaft harrte ich dort im Treppenhaus aus, hoffte, dass keiner der Nachbarn vorbeikam und bemerkte, wie ich dort verlegen herumstand. Längst vergessen geglaubte Empfindungen von vor Urzeiten krochen an meine Bewusstseinsoberfläche hervor, raubten mir sogar den Impuls für diese kleine Tätigkeit des Zeigefingers. Der Mief von Blumenkohl aus irgendeiner anderen Wohnung belästigte meinen Geruchssinn und alle Nase lang musste ich den Lichtknopf neu betätigen, nur um ein paar weitere Momente auf den beigen Bakelitknopf zu starren, neben dem Annikas Nachname zu lesen war.
So unsicher wie ich in diesem Moment müssen sich die Bürger der DDR damals gefühlt haben, als man ihnen berichtete, sie dürften ungehindert über die Grenze reisen: „Darf ich jetzt wirklich hier rüber oder ist nicht von irgendwoher doch eine Flinte auf mich gerichtet?

Das Vorher

Früher, ja, früher, da war das alles noch ein bisschen anders.
Hatte man noch als Teenager lange Geduld und Energie investiert, damit man die Frau des Herzens zumindest ein klein bisschen für sich gewonnen hatte, und wenn sie ihn dann tatsächlich zu sich nach Hause „auf einen Film“ einlud, wurde es zu einem andachtsvollen Moment, wenn man dann - wie ich jetzt wieder - vor ihrer Tür stand.
Unentdecktes Land lag womöglich dahinter. Was mögen sich einem für Entdeckungen auftun, was für neue Gerüche, beim ersten Mal? Vorstellungen, die man von paradiesischen Zuständen hinter den Pforten der Mädchenzimmer hegte, könnten entzaubert werden. Warteten dort, so wie im Traum, spielende Nymphen am Weiher im grünen Wald oder doch wieder nur Barbies und Britney Spearse?
Selbst der Schritt über die Schwelle wurde damals so zu einer kleinen Entjungferung, ein Aufenthalt in ihrem Persönlichsten, und so nahm es auch nie Wunder, wenn die Frau Mama immer wieder mal „Wollt ihr noch ein paar Kekse?“ in das Zimmer hineinkrakeelte, als seien diese Worte mit einem ersten Mittel zur Verhütung gleichzusetzen, dort durch diese Tür hindurch bugsierte, damit der fremde Junge von der Idee, selbst als Doktor Hand anzulegen, schnell abgehalten wurde.

Mehr als drei Kreuze machte ich darauf, dass diese Zeiten und Mütter verschwunden waren, weil, seit wir nunmal alle etwas älter, reifer, erwachsener, wie auch immer geworden sind, auch die Töchter eigene Domizile bezogen hatten. Die Grundschemata, also das „Wollen wir nicht mal einen Film bei mir zusammen sehen?“, die sind aber nach wie vor bestehen geblieben.
Lediglich die Anbahnungsriten auf dem Weg dorthin gestalteten sich mit zunehmendem Alter vielfältiger und,…leider auch komplizierter.

Seit Annika mir das erste Mal einen Funken Aufmerksamkeit geschenkt hatte, hatte ich sie gleich daraufhin wochenlang mit allen Raffinessen beackert. Ich dachte mir, bei dieser tollen Frau durfte einfach nichts schief gehen und nichts dem Zufall überlassen werden. Ausgerechnet mit diesem Wesen durfte ich eine Verabredung haben.
Seit Langem fiel sie nicht nur mir selbst in einer Stadt mit mehreren hunderttausend Einwohnern überall dort, wo sie sich an’s Tageslicht begab, sofort in’s Auge und mir, ja, mir wurde immer wieder erneut ganz warm, wenn ich sie erblickte.

Selbst wenn ich mit anderen mitten im Gespräch verwickelt war, wurde ich plötzlich ganz rot im Gesicht und bekam diese Fältchen an der Nasenaußenwand, wenn sie unverhofft die Tür der S-Bahn durchschritt, sich in Sichtweite setzte. Und ich bekam kein Wort heraus, erstarrte und rang beinahe nach Luft, so schlimm war das bei ihr.

Das Dumme war bisher immer nur, bevor sich diese Gelegenheit ergab: Sie wusste um ihre Attraktivität und ihre Wirkung auf das andere Geschlecht und jeder, der in einer solchen Situation selbst einmal war, kann sich auch mit einer gewissen Reife nicht von dem Gedanken gänzlich absprechen, dass, wenn man ihre Chancen in jungen Jahren hat, wieso sollte man dies nicht genießen?
Und das tat sie, das sah man ihren Bewegungen an, sie genoss, es von Männern angesehen zu werden, rundum.

Mein Freund Klaus erteilte mir in einem meiner sprach- und atemlosen Momente merkwürdige Ratschläge. Ich solle es doch einmal wagen, sie anzusprechen. Ihr Avancen machen. Merkwürdig daran war, dass das Wort „Avancen“ in seinem aktiven Wortschatz auftauchte. Das hielt ich mindestens für eine Kuriosität sondergleichen, denn, so lassen sie mich folgende, erlebte Sentenz bitte schildern, es kam bereits vor, dass er am Beginn des Wochenendes in einer Disko gefragt wurde:
Sag mal, Klaus, du gehst ja immer freitags auf die Jagd, ne? Erlegst du denn da auch was?
Worauf er geantwortet hatte: „Na, klar, irgend ‘nen Hasen erlegt man doch immer!

Und er hatte tatsächlich Erfolg, wie auch immer er mit dieser Einstellung vorging.
Das war allerdings nicht meine Welt. Auch, wenn unsere Ansichten nicht viele gemeinsame Schnittmengen bildeten, gab es dennoch einige wenige Symphatiepunkte, die für eine Freundschaft genügten. Und meist lagen diese in den Momenten verborgen, in denen mich Klaus mit seinen Abenteuern eher amüsierte. Ich gelangte hingegen für mich selbst nach einigen Überlegungen zu der Erkenntnis, wohl zu den Charakteren der „Schwärmer“ zu gehören: Nichts sagen, nichts wagen, das Weltbild nicht zerstören, zerrütten.

Doch wie sollte man die perfekt erwünschte Gratwanderung zwischen Macho und einfühlsamen Mann, sprich: Softi, so elegant gestalten, dass man immer noch den Respekt von Annika verdiente? Ich wusste im Nachhinein nicht mehr, wie ich das geschafft hatte, letzten Endes blieb wohl der Eindruck, den ich bei ihr erzeugen wollte, haften, und sie lud mich dann doch nach einem ersten, zufälligen Treffen in einer Videothek, bei dem wir uns weltentrückt anlächeln mussten, endlich nach mehreren Kaffees an neutralen Orten auch zu sich nachhause ein. Wir könnten uns ja zusammen mal ein Video ansehen.

In Sphären höchster Erwartungen beschwingt, war spätestens am Tag des Treffens in ihren eigenen vier Wänden mit meinem Verstand nicht mehr allzu viel anzufangen:
Ich selbst war rundumst hygienisch „clean“ (Ethan Hawke aus „Gattaca“ hätte seine helle Freude an mir gehabt), das Hemd gebügelt und meine Physe gestärkt, und so ausgestattet begab ich mich auf den Weg zu Annikas Wohnung. Äußerlich einwandfrei, doch innerlich bewegte ich mich hart am Abgrund zur Fragwürdigkeit.

Wenn man die Texte alter, deutscher Schlager – wie es bei vielen Songtexten der Fall ist – einmal emphatisch genug vorträgt, so erzielt man damit eine Wirkung, die man dem ursprünglichen Lied gar nicht zugetraut hätte.

Eine…neue…Liebe
ist wie…ein…neues…Leben!
Na..Ne..Nana..Na…NAAA!

Mit etwas Abstand betrachtet, war das natürlich ein hochgradig alberner Gedanke, den ich da auf meinem Hinweg durch die Fußgängerzone hegte, und normalerweise hätte ich auch wesentlich größere Abneigung gegen das dort anzutreffende Volk an den Tag gelegt. Aber was sollte ich machen? Ich hatte mich nunmal verliebt, und , klar, alles, was mit der Vorsilbe „ver-“ beginnt, kann ja nicht normal sein. Selbst die Vernunft ist es nicht.
Mit Wörtern, die mit „ver-“ beginnen, entschuldigt man sich: „Tut mir leid, aber ich bin ver-heiratet.“ Jedes Mal, wenn mir ein Pärchen in der Stadtbahn gegenüber saß, dass sich gegenseitig die Zungen in die Hälse rammte, war ich schnell dafür, dass man diese Zustand krankschreiben lassen könnte, damit die das doch bitte zuhause erledigen können. Doch welcher Arbeitgeber kauft einem so etwas heute schon ernsthaft ab? Richtig, keiner. Und auf mich würden die eh’ nicht hören.
Und dann trifft mich so was plötzlich auch noch selbst und ich könnte ebenfalls sehr gut einen solchen gelben Schein gebrauchen.
Da fragt man sich doch, was zum Beispiel dieser ganze Selbstfindungsscheiß soll, von dem andauernd alle anderen reden, wenn plötzlich nicht nur die, sondern auch du selbst dir ein Mysterium bist.

Das Jetzt (revisited)

Nachdem ich diese langen Minuten im Treppenhaus verbracht und mich glücklicherweise kein anderer Hausbewohner dort sinnierend angetroffen hatte, fasste ich mir letztendlich ein Herz und drückte. Und schwitzte Angst in den Augenblicken, in denen nichts geschah, nichts zu hören war. „P“ stand auf dem Bakelitknopf.
„Warum eigentlich „P“?“, dachte ich kurz, bevor mir einfiel, dass man ja irgendwann auch einmal derlei Accessoires aus England bezogen haben könnte. „D“ für „Drück“ wäre jedenfalls sichtlich dämlich gewählt.
Bald vernahm ich aber Schritte, die vom Wohnungsinneren auf die Tür zu kamen. Jemand öffnete, doch kaum vergrößerte sich der Türspalt, bemerkte ich das Augenpaar von Kerstin, Annikas bester Freundin, und darüber war ich nicht besonders glücklich.
Ich hatte nicht erwartet, noch jemand anderes hier anzutreffen, mich eher auf einen Abend zu zweit gefreut. Mit Kerstin lag ich zudem nie besonders auf einer Wellenlänge und ihr ging es, wie ich glaubte, auch nicht anders mit mir, zumal sie jedes Mal, wenn sie mich erblickte, mit den Augen rollte. So auch jetzt.

„Ach, du bist es,“ ließ sie mich sofort wissen, wie erwünscht meine Anwesenheit war, wandte sich sogleich um, wahrscheinlich, damit sie mir nicht weiter in die Augen sehen musste, und rief in die Wohnung hinein: „Es ist bloß Alex!“
BLOß Alex. Was sollte das denn wieder heißen?

Ich trat ein und Kerstin führte mich hin zu dem Zimmer, sie selbst ging in die Küche. Die Tür stand offen, keine Schwelle zum Überschreiten war sichtbar und an Annikas Gesicht war ich imstande zu erkennen, dass die Stimmung entgegen ihrer Einrichtung offenbar gerade – wie sie selbst sich ausdrücken würde - nicht so pink war.
Sie saß auf dem Bett, mir abgwandt und wischte sich gerade mit einem Ärmel im Gesicht herum, worauf sie mich verquollen anlächelte und verwundert sprach:
„Ach, du bist’s. Ich hatte dich ja ganz vergessen. Tschuldigung, aber komm rein und setz dich.“
„Willst du was trinken?!“ rief Kerstin aus der Küche heraus, ich bejahte und setzte mich in einen knarrenden Baststuhl neben dem Bett.
Der Fernseher gegenüber flimmerte etwas vor sich hin und Annika kommentierte die Situation: „Wir machen es uns hier gerade so’n bisschen nett, weißt du?“
„Ja, das wollte ich eigentlich auch mit dir“, dachte ich nur und war erstaunt darüber, wie positiv Annika das Geschehen schilderte, obwohl sie augenscheinlich soeben noch geweint hatte. Dass Frauen dieses Switching aber auch immer so gut beherrschten.
„Sag mal, ist was passiert?“ Ich wollte es jetzt wissen.
Annika sah verlegen auf die Bettdecke, aber Kerstin, die in diesem Moment wieder mit den Getränken in den Händen das Zimmer betrat, nahm ihr das Reden ab:
„So’n Typ hat sie verladen,“ berichtete sie kühl und reichte mir ein Glas mit irgendeiner weißen Flüssigkeit und einem Strohhalm darin.

Mein Herz oder das, worin diese überfliegenden Dinger namens Emotionen drin waren, plumpste in freiem Fall hinunter, durch mich durch und immer weiter.
Es war das absolute Gegenteil von Rot-Werden, ein Erblassen, dann ein Einschrumpfen
So mussten sich Gravitationsexperimente anfühlen, dachte ich, denn alles, was sich darin befand inklusive meines Verstandes, hatten es schwer, sich wie gewohnt zu bewegen, wie in einem Fallturm oder bei einem Parabelflug. Ja, genau so musste sich das bemerkbar machen.
„Waaaaarruuuum haaaaassst duuuu daaaann neeuuullllich zuuu miiiir…?“ wollte ich fragen und noch einiges mehr, doch ich fühlte mich nicht in der Lage dazu, war zu träge, zu schwerelos.

Besagter Typ konnte ich jedenfalls schlecht gewesen sein, aber wieso hatte mir Annika dann noch vor einer Woche Avancen gemacht? Oder hatte ich da vielleicht etwas verkannt?
„Und woher kommt der jetzt so plötzlich?“ wollte ich natürlich wissen.
„Ich hab’ den am Freitag im Movie kennengelernt. Erst war er mir ein bissel suspekt, sprach mich total betrunken mit „Hase“ an und so,“ schluchzte Annika wieder, „aber dann war er doch ziemlich süß zu mir und wir haben Nummern ausgetauscht. Naja, eins kam zum Anderen.“

Sie holte Luft, nippte an ihrem Getränk.
„Jetzt lass’ aber mal nicht unter den Tisch fallen, wie der dich auf Eis gelegt hat, nachdem er dich dann im Bett hatte,“ ranzte Kerstin von der Seite. „Stell dir mal vor,“ fuhr sie fort, „zu dir käme ‘ne Frau an, würde dir das Blaue vom Himmel herunterlügen, um dir dann einen Tag später zu erzählen, du seist ihr doch nicht attraktiv genug.“
„Das hat er nicht wirklich, oder?“
„Doch, hat er so gesagt.“

Na gut, zwei Punkte für Ehrlichkeit, dachte ich bei mir, aber mindestens zehn im Minus für mangelndes Taktgefühl. Dennoch war ich mehr als aufgebracht darüber, dass solch eine Kreatur bei Annika Erfolg – wie auch immer geartet – haben konnte und ich in’s Hintertreffen geraten war.
Ich nuckelte ebenfalls an meinem Getränk und wunderte mich über dessen süßen Geschmack.
Auf meine Anfrage wurde mir von den beiden bescheinigt, dass es sich um Sekt mit Vanilleeis handelte und ich fand es schon bemerkenswert, dass, wenn eine Frau gerade von einem Mann enttäuscht worden war, zum Trost an etwas saugen konnte, das aussah wie Ejakulat.
Und ich saß dort in meinem knarrenden, pinken Baststuhl und schlürfte mit. Wohl bekomm’s.

Aus dem Fernseher erscholl eine Melodie und Annika begann wieder zu schluchzen. Sogar ich erkannte sie sofort: Pierre Cosso säuselte Sophie Marceau sein „Dreams are my reality“ entgegen.
Frauen können schon hart sein, wenn sie sich einerseits trösten und andererseits desillusionieren wollen. Und anscheinend, ohne dass sie es bemerkten, mich gleich mit.
Pierre Cosso ist so ein Mensch, von dem man heutzutage nicht einmal mehr in einer Kolumne der Art „Was macht eigentlich X“ hört, so unpräsent ist er in den Medien geworden. Die einzige, wirklich nachhaltige Leistung, die er vollbracht hat, ist, Sophie Marceau seinerzeit derart das Herz zu brechen, dass sie sich dafür viel, viel später an der Männerwelt rächte und sogar James Bond beinahe um den Verstand brachte.

Kerstin versuchte, Annika zu beruhigen:
„Sei ruhig, Schatz, dieser Klaus isses nicht wert. Sei froh, dass du nicht noch mehr Zeit für den Kerl geopfert hast.“

KLAUS?!?
Ich horchte auf! Na klar, das passte: Freitags im Movie, betrunken, der „Hase“, dazu noch seine Einstellung zu persönlichen Bindungen. Aber dass er solche Sprüche riss, um nichts Weiteres entstehen zu lassen, wusste auch ich als ein guter Freund bislang nicht.
Aber jetzt wurde ich erst so richtig sauer: Auf Klaus, obwohl er nicht wissen konnte, dass ich bereits so lange mehr für Annika empfand, aber auch auf sie, weil sie so doof war, auf Klaus hereinzufallen.

Ich war hier fehl am Platze, eindeutig. Nicht nur, dass ich einer Enttäuschung erlegen war, nein, schließlich war ich ein Mann und die beiden anwesenden Frauen wirkten so, als wollten sie in den kommenden Stunden am liebsten allein eine geballte Furienenergie gegen mein Geschlecht anstauen.

„Du brauchst einen, der auch gute, innere Werte besitzt.“ sagte Kerstin, wandte sich mir zu und wurde lauter: „ABER SOWAS GIBT’S BEI EUCH KERLEN JA NICH’!“

Jetzt wurde ausgerechnet ich für den Rest des männlichen Geschlechts zur Rechenschaft gezogen, weil Klaus mal wieder Spaß mit Annika hatte. Meine guten, inneren Werte wurden gerade heißgekocht, ich stand auf, wollte das Zimmer, die Wohnung verlassen, warf Kerstin und Annika aber noch einen aufgebrachten Satz an die Köpfe:
„Innere Werte, innere Werte. Was habt ihr immer nur mit Euren inneren Werten? ALS WENN AUF DIESEM GOTTVERDAMMTEN PLANETEN AUCH NUR EIN MENSCH AUF RÖNTGENBILDER WICHSEN WÜRDE.“

Ich verließ die Wohnung, schnell, und befand mich wieder in diesem schrecklichen Treppenhaus. Hier würde ich nie wieder so lange Zeit zubringen. Erst jetzt fiel mir auf, dass ich das Glas mit dem Spermagetränk noch in der Hand hielt und ließ es in irgendeiner Ecke stehen. Mit der Überzeugung, dass hinter mir demnächst über Voodoozauber und anderen Hexenkram zur Rache gesinnt wurde, verließ ich fluchtartig das Haus.
Draußen an der frischen Luft registrierte ich dann doch den Blumenkohlgeruch in meiner Kleidung und ich erinnerte mich meines urprünglichen Wunsches, doch wenigstens etwas mehr für mich dort zu gewinnen.

Wenn ich zuhause angekommen bin, so dachte ich, werde ich vielleicht Klaus anrufen. Und ihm ordentlich die Meinung geigen. So ging ich und grollte. Gegen einen meiner – vermeintlich – besten Freunde.
Dann fielen mir wieder die aufgebrachte Energie für Annika in den letzten Wochen ein und meine Ängste im Treppenhaus und das, was mich daraufhin in ihrer Wohnung erwartet hatte. Das „Es ist bloß Alex!“, der Sekt und Pierre Cosso. Wie sehr hätte ich eine Mutter mit Keksen benötigt?

Doch, ich würde Klaus anrufen. Aber wegen etwas anderem: Ich würde ihn nämlich bitten, bei ihm in die Schule gehen zu dürfen.

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