Das Gewesene weiß streichen

Posted on März 24, 2008
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Alle Widerwärtigkeiten verdunsten, bis allein die Magie bleibt, die streicht das Gewesene weiß an, wie schön, so blendend hell…Das kann aber nur vor der Zeit geschehen, in man die Regeln jener Magie zu begreifen beginnt, vor der Zeit, da man lernt, Magie zu betreiben, sich selbst - auf welche Art auch immer - aufzuschreiben. Von da an wird betrogen.

aus Helmut Krausser, Die Zerstörung der europäischen Städte

Unschlitt

Posted on März 3, 2008
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Iwan verfiel in Hektik, stieß die Umstehenden auseinander, schwenkte die Kerze, die ihn mit Unschlitt bekleckerte, und spähte unter die Tische.

aus Michail Bulgakows Der Meister und Margarita

Text, Drugs & Rock’n’Roll

Posted on April 10, 2007
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Eine Freundin wollte in meinem Heimatort unbedingt in ein Buch hineinsehen, das sich in meinem Besitz befindet, und so packte ich es über die Ostertage ein, las es sicherheitshalber noch einmal im Zug. Denn - Asche auf mein Haupt - bis dato lag es unbeachtet bei mir herum, doch ich wollte schließlich selbst wissen, was ich denn da verleihen sollte. Letztendlich stellte sich heraus, dass lediglich das Layout bei der Freundin von Interesse war, aber so war ich heilfroh, dass ich es mir immerhin einmal inhaltlich zu Gemüte gefahren hatte.

“Text, Drugs & Rock’n'Roll” ist eine Anthologie, die mir der verehrte und befreundete Verleger Marc Schuster beim letzten Poetry Slam zugesteckt hatte und sie führte in meinem Zimmer bis dato ein eher - wie gesagt - “Mauerblümchendasein”. Wie viele dieser Textsammlungen aus dem Slam-Umkreis hatte ich bisher schon in den Händen gehalten? Viel zu viele. Und wie oft musste ich feststellen, dass der gedruckte Text mit dem meist vorab gehörten Vortrag des Schreibers in punkto Qualität nicht mehr viel gemein hat? Unzählige Male.

Und wenn dann noch der Hauptbestandteil des Buches aus Texten besteht, deren Verfasser (”alle im Alter zwischen 19 und 23 Jahren”) den Studiengang “Kreatives Schreiben” in Hildesheim besuchen, ist die Skepsis erstmal groß. Doch die legt sich bald, sehr bald sogar. Trotz des Titels, der mich zunächst den üblichen Versuch des Angriffs auf die Lachmuskeln befürchten ließ.

Gelacht werden darf hier nämlich nicht, höchstens geschmunzelt. Die vier jungen Künstler (so nenne ich sie nun nach Durchsicht des Buches) schreiben viel zu intelligent, als dass man nicht noch einmal genau hingucken möchte, was man denn dort gerade gelesen hat. Tilman Straßer, Jan Fischer, Marcel Maaß und Lino Wirag heißen sie, die offenbar und zu Recht mittlerweile einige Preise für ihre Preziosen eingeheimst haben. Was sie eventuell (Vorsichtig sein, was man hier behauptet) an Lebenserfahrung noch nicht besitzen, machen sie mit Phantasie und Spielerei wieder um ein Vielfaches wett, und das unter Einsatz von Wörtern, die man lange nicht gelesen zu haben glaubt (so habe ich persönlich vorher nie so oft das Verb “blaken” gelesen, wie Lino Wirag es verwendet).

Man kann den Versuch unternehmen und sich die Textsammlung neben das Bett legen mit dem Vorhaben, jeden Abend vor’m Einschlafen eine Geschichte zu lesen. Das Vorhaben wird scheitern, denn eh man sich’s versieht, bleibt man so lange wach, bis man es durchgelesen hat. Und auf den letzten Seiten das bitterbitterböseste Gedicht über Kinder entdeckt, das die Welt je gesehen hat.

Mehr:

Conradverlag

Lino Wirag

Ab wann man alt ist

Posted on März 18, 2007
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“[…] Hannah Arendt schrieb: “Das Ich altert nicht.” Dies ist der einzige Satz von Hannah Arendt, den ich kenne und zitieren kann, doch reicht er mir aus, seine Autorin zu schätzen.

Das Ich altert nicht! Große Erkenntnis! Zu welcher man hinzufügen könnte: Und es - das Ich - gewöhnt sich in ermutigend friedvoller Weise an seinen Körper. Was hingegen sagen die Floskelanten? Sie sagen: “Man ist so alt, wie man sich fühlt.” Was für ein matter, fauler Unsinn! Wenn ein Mensch herausfinden möchte, ob er den Jungen oder Alten zuzurechnen sei, werfe er zunächst einen Blick in seinen Personalausweis, um anschließend die aktuelle statistische Lebenserwartung in seinem Lande nachzuschlagen. Diese teile er durch zwei. Ein Mann ist demnach bis zu einem Alter von 37,8 Jahren jung. Danach alt. Eine Frau ist erst ab 40,6 Jahren alt. Wieviel Geziere, Quengelei und Reiterei auf Redensarten könnte sich die Menschheit sparen, wenn sie die Majestät von nackten Zahlen anerkennte! Ein Fünfzehnjähriger, der, von Rückenschmerzen und Migräne geplagt, in einem grauenvollen Hochhaus wohnt und Angst vor den Nachbarkindern hat, was ist der? Jung natürlich! Wie mies er sich auch immer fühlen mag. Ein Fünfzigjähriger hingegen, der rosig und trainiert die Blankeneser Frischluft inhaliert und sich überlegt, welche seiner vielen gutsituierten besten Freunde er nach dem Morgenlauf zum spontanen Champagnerfrühstück bittet, der ist, man schreibe sich das bitte auf einen prominent zu platzierenden Merkzettel, alt.”

aus Max Goldt, “QQ”

QQ

Posted on März 17, 2007
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Kürzlich wurden Slam-Kollege Lampe und meine Wenigkeit noch für das Uni-Magazin “H1” interviewt, wobei ich verriet, die Texte Max Goldts zu verehren. Nun muss ich doch festellen, dass es - meiner Kenntnis vollkommen entzogen - einen neuen Band von ihm im Handel gibt: Die Textsammlung “QQ” ist wohl in diesem Monat erschienen. Folgerichtig bin ich gleich sofort in den Buchhandel gelaufen und habe es mir besorgt. Gespannt auf so manche sprachliche Preziose stellte ich bereits bei der Inhaltsangabe fest, dass er dem Thema “Prokrastination” einen Aufsatz widmete. Ich kann mich also auf etwas freuen.

Nicht nur das: Am 15.04. beehrt uns Max Goldt wieder einmal im Theater Bielefeld mit einer Lesung, juchhei!

Hier gibt’s noch eine schöne Kritik zum Buch zu lesen.

Wirre Grafiken

Posted on Dezember 23, 2006
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Eines der schon jetzt gelungensten Weihnachtsgeschenke bescherte mir Frau 3und20 mit dem Buch “Die wirrsten Grafiken der Welt” von Gerhard Henschel, das ich vor längerer Zeit einmal auf meine Amazon-Wunschliste setzte.

Aus der Linguistik kenne auch ich die Neigung von Fachleuten und Experten, Sachverhalte mittels graphischer Darstellungen zu veranschaulichen, im Ergebnis aber dann größtmögliche Verwirrung oder einfach nur Unverständnis zu erzeugen. So taucht zum Beispiel das bei mir immer mit Kopfschütteln begleitete Argumentationsschema von Toulmin ebenfalls dort auf.

Aber auch noch viele mehr aus unterschiedlichsten Bereichen. Könnte eine gute Anregung sein, hier einmal eine Kategorie für künftige, derartige Entdeckungen einzurichten.

Verlernen wir Deutsch?

Posted on Oktober 17, 2006
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“[…]Wie ein Todesengel schwebt Englisch auf die deutsche Sprache nieder.[…] “

Intelligente (sollte man zumindet annehmen) Bild-Redakteure reihen haltlose Behauptungen aneinander, garnieren diese mit falschen Begründungen, am Ende steht die deutsche Sprache da wie kurz vor dem Exitus. Als wenn sie dringendst geschützt werden müsste: Die neue Bild-Reihe “Verlernen wir Deutsch?”.

Dicker Schinken zum Versinken

Posted on August 18, 2006
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Zugegeben, den Titel habe ich hier geklaut, dort, wo sich der von mir jüngst beendete Schinken zwischen anderen, weit eher dem Kanon angehörigen Romanen wiederfindet.

Lange habe ich dafür benötigt, immer wieder lag er mal ein, zwei Monate ungelesen in der Ecke: Die nebenbei dafür geführten Recherchen waren manches Mal etwas zu zeitintensiv. Aber gelohnt hat es sich allemal.

Mit einer Reminiszenz an große Klassiker ist Mulischs Roman “Die Entdeckung des Himmels” entlang eines Prologs bis hin zum Epilog, unterbrochen von einigen Intermezzi, strukturiert. Auf 800 Seiten wird den Hauptakteuren nicht klar, dass ihr gesamtes Tun bereits durch höhere Mächte bestimmt ist: Gott (oder “Jahweh”, vielleicht auch Allah (so deutlich wird das nie)) führt mit ihnen seinen letzten Plan aus.

Doch so etwas benötigt lange Zeit, in diesem Fall drei Generationen, die sich entlanghangelnd an Gegensätzen auf unterschiedliche Weise (und mehr oder weniger bewusst) dem Ursprung und dem Werden der Menschheit widmen.

Max Delius, Sohn eines NS-Offiziers, der seine eigene jüdische Ehefrau (und damit Max’ Mutter) deportieren ließ, ist Astronom und dem Big Bang mit naturwissenschaftlichen Theorien auf der Spur.
Onno Quist, Spross einer Adels- und Politikerfamilie, ist ein wahres Sprachgenie und versucht, den Diskos von Phaistos, ein Schriftrelikt aus der Bronzezeit, zu entziffern.

Die beiden lernen sich während einer Autofahrt kennen und werden Freunde.

“Ach, das ist noch gar nichts. Wenn ich einmal groß bin, kaufe ich mir einen weißen, offenen Rolls-Royce. Dann setze ich mich in einem weißen Pelzmantel in den Fonds, und ans Steuer eine bildhübsche Frau.”
Mit schiefem Mund mußte auch Onno jetzt lachen und drehte den Kopf zur Seite. Er hatte bereits den Ansatz eines Doppelkinns.
“Warum kaufen Sie nicht gleich einen Kinderwagen?”
Max sah in ihn kurz an. Sie hatten einander gefunden - das war der Moment. Wußten sie es, wußten sie es beide?

Diese Art von unterschwelliger Ironie ist im Folgenden ständig in den Gesprächen dieser so unterschiedlich gearteten Figuren vorhanden, gleichgültig, ob es um ihre einzelnen Fachgebiete geht oder um andere, sich antagonistisch verhaltende Kategorien und Ideologien.
So begleiten sie Ada, eine Cellistin und Max’ ehemalige Freundin, nach Kuba zu einem Konzert, wo sie im Rahmen eines dort stattfindenen Kongresses nicht nur Futter für Abhandlungen über den Kommunismus bzw. Kapitalismus erhalten.

Nachdem Ada, die Muse des Trios, an Onno gerät und diese beiden heiraten, bleibt im Späteren unklar, wer nun eigentlich der Vater des Sohnes ist, den sie zur Welt bringt.
Dieser wächst in einer Umgebung mit Künstlern, Historikern und Architekten auf und entwickelt eigenwillige Gedanken von der Beschaffenheit der Welt…

Zum Ende erwartet den Leser dann eine kriminalistische Spurensuche vom Forum Romanum bis hin nach Jerusalem, wie sie William von Baskervilles Fährtenlese in Ecos “Name der Rose” in nichts nachsteht.

Die im Roman getätigten Exkurse über Kunstobjekte, Sprache, Gebäude oder Religion verlangen dem Leser einiges an Geduld ab, sind aber mehr als anregend. Viel Zeit habe ich im Netz verbracht, um mehr zu erfahren, z.B. über Baumeister wie Palladio, virtuelle Rundgänge am und im römischen Pantheon unternommen und die Geschichte des Tempelbergs ergoogelt.

Jedem, der noch ein wenig von der vorlesungsfreien Zeit übrig hat (und natürlich auch jedem anderen), sei dieses Buch wärmstens empfohlen. Bei Amazon bekommt man es gebraucht für nur ein paar Euro.

Robert Gernhardt ist tot

Posted on Juli 1, 2006
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Vorgestern erst hatte ich ihn zitiert, empfohlen, andere Leute mit Scannern nervlich strapaziert, um einige Dinge von ihm, die mit Zeichnungen verbunden sind, unbedingt zu digitalisieren.

Einen Tag später ist er nicht mehr. Ich fühle mich beinahe versucht, niemals wieder jemanden zu zitieren, den ich von Grund auf gern mag…

Gegen die Skeptiker

Posted on Juni 24, 2006
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Erstens werden wir Blogger-Menschen immer mehr (http://www.tagesspiegel.de/medien/archiv/18.06.2006/2467851.asp), und zweitens fühlt es sich gut an (http://modeste.twoday.net/stories/2195374/)

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